"Child of Eden": Arme ausbreiten und ab ins Paradies - DER SPIEGEL
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Computerspiel "Child of Eden": Psychedelischer Rausch

"Child of Eden" Arme ausbreiten und ab ins Paradies

Das Computerspiel "Child of Eden" muss man tanzen. Dem Kult-Entwickler Tetsuya Mizuguchi ist mit seinem Erstling für Microsofts Kinect ein zauberhaftes Kunstwerk aus Musik, Licht und Form gelungen. Ein Spiel, wie man es noch nie zuvor gesehen hat.
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Spieleentwickler

"Hoffnung und Glück, das sind die Themen von 'Child of Eden'", sagt Tetsuya Mizuguchi, 45. Sanft redet der Japaner, kaum hörbar über dem Summen der Geräte, die in den vollgepackten Räumen seines Studios Q Entertainment im Meguro-Bezirk von Tokio arbeiten. Der versucht, inmitten von Sofas, Computern, Fernsehern und Musikinstrumenten Platz zu finden. Platz braucht er für seine neueste Erfindung. Denn "Child of Eden" kann mit Gesten gespielt werden, ganz ohne Tasten oder Knöpfe. Sanft, fast wie ein Masseur streichelt Mizuguchi die Luft, öffnet die Arme, klatscht. Die Frau auf dem Bildschirm, bleich wie ein Geist, reagiert sofort auf den Befehl des Meisters, amöbenartige Wesen werden beschossen, lösen sich auf, Farben flackern psychedelisch. Die Frau bewegt sich durch die Welt der abstrakten Formen, der schwimmenden und tanzenden Strukturen, singt zu der euphorisierenden Musik, gesteuert von Mizuguchis Händen.

Xbox

"Child of Eden" ist das erste Spiel, das die Kinect-Technologie der -360-Konsole von Microsoft für mehr als alberne kleine Spielchen oder für Fitnessübungen nutzt. Die Kinect-Kamera fängt Bewegungen des Spielers ein. Handbewegungen, die an meditatives Tafelwischen erinnern, ersetzen den Knopfdruck.

Synästhetisches Vorgehen

Für Mizuguchi ist die Kinect-Technik ein Geschenk, denn er arbeitet wie kein anderer daran, mit seinen Spielen alle Sinne anzusprechen. Synästhetisch nennt er sein Vorgehen, ihm geht es um die Verschmelzung von Erfahrungen. Der Verlauf der Spielhandlung beeinflusst zum Beispiel Farben und Musik. Noch ganzheitlicher wird das Erlebnis, wenn man nicht wie beim Joystick nur die Daumen beschäftigt, sondern seinen Körper bewegt, das Spiel tanzt. Denn wie Tanz sieht es aus, wenn Mizuguchi seine Erfindung vorführt, vor großem Publikum manchmal wie ein Pantomime mit weißen Handschuhen vor dunklem Hintergrund. Mizuguchi lädt immer neue Level, zeigt sie stolz, will, dass man es selbst ausprobiert. Er lächelt fast entschuldigend, fragt, ob man wirklich noch mehr sehen möchte. Man möchte, denn schon die kurzen Abschnitte machen eines klar: "Child of Eden" ist ein Spiel, wie man es noch nie zuvor gesehen hat.

Mizuguchi kam Anfang der neunziger Jahre frisch von der Kunsthochschule zu Sega, einem der führenden japanischen Spielehersteller. Seine erste Aufgabe war ein Rennspiel: "Sega Rally Championship". Das Handwerk hat er da gelernt, die Grundlagen der Spielentwicklung. Für Sega reiste er durch die Welt, verhandelte mit Autoherstellern, die ihm erlauben sollten, ihre Wagen im Spiel abzubilden. Eine biedere Welt, von der er sich im Sommer 1998 verabschiedete. Nach einem Besuch bei Opel in Rüsselsheim und Mercedes Benz in Stuttgart fuhr er nach Zürich, besuchte die Stadt am Wochenende der Street Parade, der Schweizer Entsprechung zur Love Parade. Mizuguchi tanzte die Nacht durch und hatte im Morgengrauen nur noch eine Frage im Kopf: Was würde Kandinsky aus der Computertechnologie machen? Wie würde ein Spiel aussehen, das sich auf Kunst, auf Malerei bezieht, anstatt auf die Formel 1?

Wie "Rez" zum Klassiker wurde, jedoch erfolglos blieb

Heimlich arbeitete Mizuguchi an einem Spiel, das eine erste Antwort auf diese Fragen geben sollte. Das konnte er, weil er inzwischen eine der Entwicklungsabteilungen bei Sega leitete. "Rez" hieß das Ergebnis, und noch immer wundert Mizuguchi sich, dass es 2001 wirklich erschien. "Rez" ist im Grunde ein klassischer Spielhallen-Shooter. Ein Protagonist wird wie auf Schienen durch ein Level gesteuert, die Aufgabe des Spielers ist es, Gegner zu markieren und abzuschießen. Doch wo andere Spiele auf Realismus und Blut setzen, sind es hier abstrakte Gittermodelle, es geht darum, einen Computer, ein Archiv zu schützen, Viren abzuwehren. Es ist ein perfektes Zusammenspiel zwischen abstrakter Grafik und Musik von japanischen Technokünstlern wie Ken Ishii oder dem deutschen Experimentalelektroniker Oval.

"Rez" wurde zum Klassiker, der auch heute noch auf den Bestenlisten vieler Kritiker zu finden ist. Wie viele Klassiker blieb "Rez" aber leider erfolglos. Wenig später verabschiedete sich Mizuguchi von Sega, gründete 2003 seine eigene Firma, Q Entertainment, machte Musik und startete eine Kunstband namens Genki Rockets, die von einer Sängerin namens Lumi angeführt wird. Lumi ist ein Kunstwesen, eine holografische Projektion mit einer erstaunlichen Karriere. Mit den Genki Rockets eröffnete sie 2007 das Live-Earth-Konzert in Japan und begrüßte einen holografischen Al Gore. Eine versponnene Idee fand ein Millionenpublikum.

Es geht um Hoffnung und Glück

In "Child of Eden" stammt die Musik von den Genki Rockets, Lumi ist die Protagonistin. Sie ist es, die gerettet werden muss, indem die Archive der Menschheit gereinigt, von Viren befreit werden. Durch Beschuss der Schädlinge. Mizuguchi selbst vermeidet Worte, die Gewalt beschreiben, sie entsprechen seinem Wesen nicht, sie können das Spiel nicht beschreiben. Denn für ihn geht es bei "Child of Eden" nicht um das Zerstören, sondern um das Reinigen, die Wiederherstellung von Schönheit. Er ist entwaffnend unzynisch, fast naiv und doch sehr bestimmt in seinem Ziel. Und selten hat ein Ziel für ein Spiel schöner geklungen als seines: Hoffnung und Glück zu verbreiten. Und wenn es nur ein Moment des Glücks ist beim Betrachten des Farbwunders auf dem Bildschirm.

Child of Eden von Ubisoft für Xbox 360 mit Kinect und Playstation 3. Das Spiel sollte ursprünglich im März erscheinen. Kurz vor Veröffentlichung dieses Artikels wurde der Starttermin jedoch ins zweite Quartal 2011 verschoben.