Entwarnung in Wiesbaden Keine Hinweise auf Bio-Attacke
Wiesbaden - Das ergab die Analyse eines Stuttgarter Speziallabors, teilten Innenministerium und die Stadt Wiesbaden in der Nacht zum Freitag mit. Die 16 Menschen, die sich wegen ihres Kontaktes mit den Briefen vorsorglich in einer Isolierstation im Wiesbadener Krankenhaus aufhalten mussten, konnten inzwischen nach Hause gehen.
Wiesbadens Oberbürgermeister Hildebrand Diehl (CDU) hatte am Abend erklärt, erste Untersuchungen hätten keine Hinweise auf einen Bio-Anschlag ergeben. Diehl sagte, es sei nach derzeitigen Erkenntnissen davon auszugehen, dass es sich bei dem oder den unbekannten Tätern um Trittbrettfahrer handelt, "die sich die Aktionen in Berlin und Schwalbach vom Vorabend als Vorbild genommen haben". Der Kommunalpolitiker sprach von einem "skrupellosen, unverantwortlich handelnden Zeitgenossen, der die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt, Kosten in sechsstelliger Höhe verursacht und einen ganzen Stadtteil lahm gelegt hat".
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Der erste Brief war um 5.22 Uhr von einem Tankstellenpächter gefunden worden, der sofort die Polizei alarmierte. Insgesamt kamen 16 Personen mit den Briefen in Berührung. Auf den Briefumschlägen seien Parolen wie "Der Dschihad hat begonnen" notiert gewesen. Als Absender firmierte "Der Milzbranderreger". Nach Angaben des Leiters des Wiesbadener Gesundheitsamtes, Harald Mayer, wurden alle in ein Wiesbadener Krankenhaus eingeliefert, von der Außenwelt isoliert und prophylaktisch mit Antibiotika behandelt. Die Stellen, an denen die Briefe vorgefunden wurden, darunter Gaststätten, die Tankstelle und ein Supermarkt, seien desinfiziert worden. Die Briefe selbst wurden unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen in ein Untersuchungslabor der Universität Frankfurt gebracht.
Alarm in München
Auch in einem Münchner Postamt kam es zu einem Großeinsatz von Polizei, Feuerwehr und Gesundheitsamt. Dort tauchte ein Brief mit einem weißen Pulver auf, in dem von lebensgefährlichen Bakterien die Rede gewesen sei. Tatsächlich habe es sich bei der weißen Substanz offenbar um Waschpulver gehandelt, berichtete die Polizei. Aus Angst vor einem Milzbrandanschlag wurde der Bereich großräumig abgesperrt. Drei Stunden später habe man den Absender des Briefes, einen 19-jährigen Mann aus Neubiberg bei München, festnehmen können.
Der Mann gab an, den Brief vor zwei Tagen an einen Freund geschickt zu haben, um ihn zu erschrecken. Er sei selbst Opfer eines ähnlichen Scherzes geworden.
Unterdessen ging am Donnerstag beim Leverkusener Werk der Bayer AG ein in Portugal aufgegebener Brief ein, der an eine Werksangestellte gerichtet war und keinen Absender trug. In dem Brief fand die Frau eine in einer Folie eingeschweißte Substanz. Sie verständigte die Abteilung Werkssicherheit. Nach Angaben von Bayer kann eine gesundheitliche Gefährdung derzeit ausgeschlossen werden, weil die Frau mit der Substanz nicht in Kontakt kam. Von Polizei und Gesundheitsamt wurden Ermittlungen aufgenommen, auch die Staatsanwaltschaft Köln wurde informiert. Die Substanz wurde einem Kölner Institut zur Analyse übergeben.
Entwarnung in Berlin
Bereits am Mittwoch hatten mehrere verdächtige Briefumschläge in Berlin und im hessischen Bad Schwalbach Alarm wegen eines möglichen Bio-Anschlags ausgelöst. Der Alarm in Schwalbach erwies sich bereits nach einigen Stunden als falsch. Erste Untersuchungen zweier Umschläge aus Berlin ergaben ebenfalls keinen Hinweis auf Milzbrand- oder andere Krankheitserreger.
Am Donnerstag gab das Berliner Robert Koch-Institut (RKI) dann endgültig Entwarnung. Die Briefe enthielten keinerlei Milzbrand- oder sonstigen Krankheitserreger, teilte die Senatsverwaltung für Gesundheit am Donnerstagabend nach einer neuen Untersuchung mit. Die Polizei nahm unterdessen Ermittlungen gegen unbekannt auf. "Es geht darum herauszufinden, ob jemand mit diesen Briefen bewusst Aufregung erzeugen wollte", sagte ein Sprecher.
Die Brieffunde hatten am Mittwoch in Berlin-Wedding einen Großeinsatz von Polizei und Feuerwehr ausgelöst. Auf dem Parkdeck eines Möbelhauses war ein Brief mit einer darauf geschriebenen Drohung gefunden worden. Die Anlage wurde weiträumig abgesperrt, rund 500 Kunden und 200 Mitarbeiter des Unternehmens mussten zeitweilig in dem Gebäude warten.
Ein zweiter verdächtiger Brief war aus Kairo an die Albert- Einstein-Oberschule im Wedding geschickt worden. Er enthielt Briefmarken mit der Bitte, diese in Geldscheine umzutauschen. Der Schulleiter übergab den Brief zur weiteren Untersuchung der Polizei.
Das Robert Koch-Institut hatte beide Briefe bereits am Mittwochabend mikrobiologisch und mikroskopisch untersucht und vorläufig Entwarnung gegeben. Doch erst die dritte Untersuchung vom Donnerstag brachte endgültig Gewissheit.
Auf Gefahren vorbereitet?
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt teilte in Berlin mit, die Regierung prüfe derzeit, wie weit Deutschland gegen Angriffe mit biologischen Waffen gerüstet sei. Verbraucherschutzministerin Renate Künast sagte dem "Tagesspiegel" auf Gefahren eines Terroranschlags mit biologischen oder chemischen Waffen seien deutsche Behörden insofern vorbereitet, als sie "Vorstellungen haben, welche Gefahren bestehen und in der Lage sind, schnell zu reagieren".