Die Ruhr-Connection: Der Bomber, sein Onkel und der Busfahrer - DER SPIEGEL
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Die Ruhr-Connection Der Bomber, sein Onkel und der Busfahrer

Die Kette reicht vom Irak bis nach Mülheim an der Ruhr. Damit der Kofferbomber Youssef Mohamad E. H. nach Deutschland kommen konnte, setzte sich eine ganze Reihe von Helfern für ihn ein. Richtig gekannt haben will ihn niemand - und auffällig sei er auch nicht gewesen.
Von Yassin Musharbash und Matthias Gebauer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mülheim/Essen - Auf dem Sofa liegen Jeans, Hemden und Unterwäsche verstreut. Auf dem Bett gegenüber hockt K. und fasst sich an den Kopf: "Eine Bombe in einem Zug? Gott sei Dank ist sie nicht explodiert!" Der Mann, ohne den der mittlerweile verhaftete Bombenleger Youssef Mohamad E. H. wahrscheinlich nie nach Deutschland gekommen wäre, schwört, in dieser Sekunde zum ersten Mal von dem Terrorplot zu hören. Hunderte Menschen hätten sterben können, wenn die Bomben in zwei Regionalzügen auf dem Weg nach Dortmund und Koblenz funktioniert hätten.

K. ist ein 36-jähriger Iraker, der in einem winzigen Zimmer in Mülheim lebt. Er war anscheinend das erste Glied in einer Kette von freiwilligen Helfern, die Youssef Mohamad E. H. nach Deutschland brachten. Das war 2004. Ein naher Verwandter von ihm sei ein Geschäftsfreund von Youssefs Vater, berichtet K. Der habe seinen Vater gefragt, ob dessen in Deutschland lebender Angehöriger nicht helfen könne, seinen Sohn zwecks Studium in die Bundesrepublik zu holen. "Ich weiß über die Familie E. H. nichts", sagt K. Was er in der Folge in die Wege leitete, so der seit fünf Jahren hier lebende Iraker, sei ein Gefallen für seinen Verwandten gewesen.

K.s erster Weg führte ihn zu A. E. H., einem ebenfalls in Mülheim ansässigen Araber, den er "vor Jahren, als ich Hilfe beim Übersetzen suchte, auf der Straße ansprach". A. lebe schon lange hier, kenne sich also aus, habe er gedacht. Und in der Tat, A. half: "Ja, ich habe eine Einladung für Youssef unterschrieben, weil ein irakischer Bekannter mich darum bat", bestätigte er SPIEGEL ONLINE. Er sei aber, betont er, "kein Verwandter von Youssef, auch wenn ich einen ähnlichen Nachnamen habe".

A. besorgte offenbar noch einen zweiten Bürgen: den Marokkaner T. Es sei im Herbst 2004 gewesen, als A., den er flüchtig aus der Gegend hinter dem Mülheimer Bahnhof kenne, ihn um einen Gefallen gebeten habe, bestätigte T. SPIEGEL ONLINE. "Er kam zu mir und sprach von seinem Neffen, den er nach Deutschland zum Studium holen wollte", sagt T. "Da er arbeitslos ist, bat er mich um eine Unterschrift für die Unterstützung des Jungen." Laut dieses Papiers verpflichtete sich T., monatlich 800 Euro für den Libanesen zu stellen - Geld, das der Busfahrer gar nicht hat.

Das Zeichen: "Ich bin Youssef"

Dass T. ausgesucht wurde, liegt wohl an seinem Job. Kaum jemand in dieser Gegend hat Arbeit und kann für Einreisewillige bürgen. Zudem dolmetschte der Marokkaner für A. und K. bei der Ausländerbehörde. Obwohl er immer wieder gesagt haben will, dass er Youssef nicht kenne und das Geld gar nicht aufbringen könne, akzeptierten die Beamten die Papiere.

Vom Libanon über den Irak und über drei Stationen in Mülheim führte also der Einreiseweg des angeblich willigen Studenten. Als es so weit war, habe er Youssef vom Flughafen Düsseldorf abgeholt, erzählt K. "Wir hatten über Verwandte telefonisch ein Erkennungszeichen ausgemacht: Er sollte den Arm in die Höhe halten und auf Arabisch 'Ich bin Youssef' rufen". Der Mann, der zwei Jahre später mit seinem heute im libanesischen Tripoli festgenommenen Freund Dschihad Bomben in zwei Regionalzügen explodieren lassen wollte, sei verunsichert gewesen, berichtet K.: "Es war seine erste Zugfahrt, er wusste gar nicht, wie das geht."

Heute zeigen sich die Beteiligten zerknirscht ob der Hilfe, die sie, wie sie versichern, guten Glaubens gewährten: "Ich hätte es nicht getan, wenn ich geahnt hätte, was er machen würde", rechtfertigt sich K. A. steht in Shorts und T-Shirt in seinem Treppenhaus und beteuert: "Das war nicht abzusehen." Der Busfahrer B. erzählt, dass er, als am vergangenen Samstag in der Zeitung die ersten Bilder der Gesuchten abgedruckt waren, mit seinem Kollegen noch gescherzt habe: Es sei schade, dass sie die Täter nicht kennen würden - schließlich waren für Hinweise 50.000 Euro ausgesetzt. Hätte er sie erkannt, wäre er zur Polizei gegangen, sagt er.

"Ich wusste nicht, wer er ist"

Dass er die Täter sehr wohl kannte, merkte T. am Dienstag gegen 16 Uhr. Unangemeldet standen zwei Männer vom Bundeskriminalamt (BKA) vor der Tür und fragten nach Youssef. Zuerst wusste T. nicht, was die Beamten wollten. Wieder legten sie ihm die Überwachungsbilder aus dem Kölner Bahnhof vor, wieder erkannte er die beiden Männer nicht. Dann zeigten sie ihm ein Bild, das die Polizei nach der Festnahme gemacht hatte.

Nun klickte es. Dass er jetzt als Helfer eines Terroristen dasteht, sorgt den Angestellten. "Ich wusste nicht, wer dieser junge Mann war", sagt er, "ich habe mit Terror nichts zu tun." Auch bei A. war die Polizei schon. Der Mann ist zuversichtlich, dass er sie von seiner Unschuld überzeugen konnte. Nur K. wurde noch nicht vernommen. Ermittler seien jedoch schon bei ihm in der Unterkunft gewesen, habe man ihm berichtet.

Keiner der Einreisehelfer will den späteren Terroristen später noch gesehen haben. K. sagt: "Er war zwei Tage bei mir. Er war sehr ruhig und schrieb Bewerbungen für die Uni. Dann brachte ich ihn zu A., weil dort seine Post und der Papierkram ankommen würden." A. bestätigt diese Version. "Danach war er vier Tage oder so bei mir. Er fiel mir nicht als religiös auf."

Auch T. will den jungen Mann nur zweimal gesehen haben. Einmal sei er mit A. und K. vorbeigekommen, um sich zu bedanken, habe sogar Kekse mitgebracht. Ein weiteres Mal habe man sich im Café gesehen. "Der Junge war total normal, trug lange Haare und Jeans, redete über sein Studium in Kiel", erinnert sich T., "deswegen habe ich mir nie Sorgen gemacht." Er habe nur jemandem einen Gefallen getan, wie schon oft zuvor.

Auch Dschihad kam per Hilfsbereitschaft zum Visum

Religiös trat der junge Libanese Youssef in seiner kurzen Mülheimer Zeit nicht in Erscheinung. In keiner der beiden Moscheen in der Gegend hat man ihn gesehen, auch T. hat ihn dort nie geortet. "Er hat immer über Frauen und Disco gesprochen", sagt T., "mir schien es, als ob er mit dem Koran nicht all zu viel anfangen konnte." Relativ schnell, so scheint es, hat Youssef sich nach Kiel begeben, wo er an einem Kolleg an seiner Studienberechtigung arbeitete.

Was die drei Visabeschaffer berichten, ähnelt frappant dem Weg, den der Mitverschwörer Dschihad H. in die Bundesrepublik fand: Ein Onkel in Essen, M., bat einen Bekannten, F., um eine Unterschrift, die dieser bereitwillig gab - ohne den jungen Mann zu kennen. "Ein Fehler", wie der Autohändler jetzt eingesteht. M. will mit niemandem reden: Die Ehefrau weine die ganze Zeit, die Polizei sei schon da gewesen, man möge sie alle in Ruhe lassen, sagte er SPIEGEL ONLINE - allerdings ohne zuzugeben, M. zu sein.

Die geschilderten Geschichten deuten darauf hin, wie leicht es offensichtlich ist, unter Rückgriff auf die Hilfsbereitschaft anderer Araber junge Menschen nach Deutschland zu schaffen. Das wäre freilich ein perfekter Weg, um Terroristen einzuschleusen. Und in der Tat ist genau diese Frage noch ungeklärt: Radikalisierten sich Dschihad und Youssef erst in Deutschland? Oder kamen sie schon als Islamisten mit Gewaltphantasien ins Land?

Einzeltäter oder Netzwerk?

Sicher ist bislang nur, dass einige Mitglieder von Youssefs Familie als Islamisten im Visier der libanesischen Behörden stehen. So kam der Festnahmetipp zustande. Außerdem gehen deutsche Behörden davon aus, dass die beiden Familien einander kennen. Ein Beweis dafür, dass sich Youssef und Dschihad aus ihrem Heimatland kannten, steht aber noch aus.

Dass sie in Deutschland radikale Positionen einnahmen, dafür gibt es indes immer mehr Indizien: Youssef soll auf einer Demo gegen die Mohammed-Karikaturen gewesen sein und Gewalt als Strafe für die Zeichner gerechtfertigt haben. Dschihad, berichtet die "Bild"-Zeitung, könnte auf einer "anti-israelischen" Kundgebung im Juli in Nordrhein-Westfalen gesichtet worden sein.

Die Ermittler wollen jetzt klären, ob die zwei Einzeltäter waren oder ein Netzwerk hinter sich hatten, das ihre Aktionen dirigierte. Die Arbeitshypothese der Generalbundesanwältin lautet, dass es eine inländische terroristische Vereinigung gibt - und damit mindestens drei Verschwörer. Noch ist ein dritter Mann nicht aufgetaucht. Aber noch ist auch nicht bewiesen, dass die drei willigen Helfer die Wahrheit sagen.

Die Ehefrau des Visahelfers B. zog derweil Konsequenzen aus der Hilfe ihres Mannes: Noch am Dienstag, das BKA war gerade weg, musste er ihr ein Versprechen geben. Nie wieder soll er Fremden aus der Ecke in Mülheim helfen, das bringe nur Ärger. Wie groß der noch werden kann, ist noch nicht abzusehen. Aber Besuch wird die Mülheimer Familie sicherlich noch häufiger bekommen.

Anmerkung: Ursprünglich hatte es in diesem Text geheißen, B. sei städischer Angestellter. Nach Aussage der Stadt Mülheim ist er das aber nicht.

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