Schulfach Aktzeichnen: Wenn die Kunstdozentin blank zieht - DER SPIEGEL
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Schulfach Aktzeichnen Wenn die Kunstdozentin blank zieht

Seit 14 Jahren arbeitet Blanka Walter als Aktmodell und war schon an über hundert Schulen, auch bei Abi-Prüfungen. Viele Schüler sind zunächst unsicher - aber genaues Hinschauen ist beim Zeichnen wichtig. Das humorbegabte Modell spornt die Schüler an: "Wer radiert, verliert!"
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Kunstsaal unterm Dach des Max-Planck-Gymnasiums in Nürtingen ist es drückend heiß. Die Sonne knallt draußen auf den Schulhof. Drinnen streift sich Blanka Walter ihr rotes T-Shirt ab und schlüpft aus der hellen Jeans. Sie faltet ihre Kleidung, legt sie aufs Pult, nimmt ihre Brille ab - und klettert splitternackt auf einen Tisch.

"Hallo, ich bin die Blanka. Beim Aktzeichnen sagt man 'Du' zum Modell." Die Zwölftklässler schielen in Richtung Decke, wo Blankas Kopf knapp unter den Neonröhren und Lüftungsschächten zu sehen ist. Der Zeichenkurs kann beginnen.

Blanka Walter, 43, arbeitet seit 14 Jahren hauptberuflich als Aktmodell. Sie kommt aus Kirchheim unter Teck in der Nähe von Stuttgart und hat eigentlich mal Köchin gelernt, bekam aber von den Küchen- und Fritteusendämpfen Probleme mit ihren Bronchien. In einem Stuttgarter Bistro lernte sie einen Mann kennen, der eine kleine Kunstschule leitet. Er klagte über den Mangel an Modellen, und Blanka sprang spontan ein.

"Die Figur ist höher als breit, wir zeichnen im Hochformat"

"Ich war froh, dass in meinem allerersten Kunstkurs nur nette ältere Damen saßen", sagt sie. "Da war ich schon aufgeregt." Inzwischen legt sie vor fremden Menschen so selbstverständlich ihre Kleider ab, als wären es Einkaufstüten. "Der Schambereich ist die Mitte des stehenden Akts", sagt Blanka den Gymnasiasten. Zaghaft ziehen die Schüler Linien übers Papier. Eine Linie quer durch die Brust, eine auf Kniehöhe. "Die Figur ist höher als breit, deshalb zeichnen wir im Hochformat", scherzt Blanka. Grübchen graben sich in ihre Wangen.

Die Wölbung ihrer Brüste, der Umfang der Oberschenkel, die Sommersprossen auf ihren Schultern - die 18-jährigen Schüler haben wenig Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Ihre Striche werden schneller und sicherer, mit denen sie die Proportionen skizzieren. "Wenn eure Figur nachher deformiert aussieht, dann ist das ganz normal", sagt sie. "Lieber ausdrucksstarke Linien als beschämt geschönte Hüften. Später bin ich weg, aber euer Bild ist noch da."

Kunstlehrer Stefan Sauter, 46, grauer Lockenkopf und Blümchenhemd, arbeitet schon seit drei Jahren mit Blanka zusammen. "Der schwierigste Moment ist, wenn sie reinkommt und sich auszieht", sagt er. Anfangs musste Sauter viel Überzeugungsarbeit bei der Schulleitung leisten. "Stichwort: 'lehrplankonform'", sagt er - und grinst. Sauter nimmt mit seinen Schülern gerade den Maler Albrecht Dürer durch, der den menschlichen Körper selbst sehr intensiv studierte. Wenn das kein gutes Argument ist. Sein zweites: Schulen in Stuttgart zeichnen auch am Modell - "und wir wollen da doch nicht hinterherhinken!"

"Die Achsen sind wichtig"

Die Schulleitung willigte schließlich ein, unter einer Bedingung: Blanka Walter darf erst am Nachmittag in die Schule kommen, nicht während der geregelten Schulzeit.

"Seht ihr, wie die Oberkante des Beckens nun links höher ist?" Blanka verlagert das Gewicht auf ein Bein. Gleichzeitig hebt sich ihre rechte Schulter. Wie bei einer Ziehharmonika. "Die Achsen sind wichtig!", mahnt sie und hantiert zur Verdeutlichung mit einem großen Besenstiel vor dem nackten Körper herum. An der Tafel steht "Kontrapost" - so heißt die Stellung, bei der das Körpergewicht auf einem Bein ruht, und genauso posiert Blanka jetzt.

In den ersten vier Jahren im neuen Beruf stand Blanka nur da und lauschte den Dozenten. Bis sie alle Erklärungen auswendig konnte. Inzwischen ist sie Aktmodell und Kunstlehrerin in einem. "Ihr habt noch vier Minuten", sagt sie und spornt die Schüler an: "Wer radiert, verliert!"

Anatomiestudium ohne Laufstegmodels

Franziska Marquetant aus Nürtingen, Neigungskurs Kunst, hat gerade ihren ersten Akt signiert. "Ich wüsste keinen Grund, warum das komisch sein soll", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Ein menschlicher Körper sei doch viel spannender als etwa ein Stuhl. "Am Anfang war es schon komisch", sagt Mitschüler Patric Martel, "aber man gewöhnt sich dran."

Blanka kennt die anfängliche Verzagtheit: Wer gut erzogen ist, starre keine nackten Fremden an. Aber genau das verlangt Lehrer Sauter von seinen Zwölftklässlern: "Das konzentrierte Hinschauen" sei das Wichtigste in diesem Fach.

Wer sich so intensiv mit dem menschlichen Körper beschäftigt, entdeckt viel Überraschendes: Die ausgebreiteten Arme sind zum Beispiel von Fingerspitze zu Fingerspitze etwa so lang, wie der Körper groß ist. Oder: Beide Hände bedecken nebeneinander gelegt das Gesicht, "der Fuß passt genau in den Unterarm", sagt Blanka Walter. "Glaubt ihr's mir?" Ein Schüler mit Unterlippenpiercing zieht den Fuß aus seinem schwarzen Skaterschuh, beugt sich unters Pult, presst die Sohle zwischen Ellbogen und Handgelenk - und nickt.

Beim Zeichnen geht es um Proportionen und Perspektive, Schönheit spielt keine Rolle. "Wir sind keine Laufstegmodels, sondern eine Vorlage fürs Anatomiestudium", sagt Blanka. Das älteste Aktmodell aus ihrem Bekanntenkreis ist 64 Jahre alt, knapp 1,60 Meter groß und wiegt 130 Kilo. Die meisten machen den Job nebenbei und sind eigentlich Getränkelieferant, Frührentner oder Versicherungsangestellte. Zum Semesterbeginn fragt Blanka die neuen Studenten gern aus Spaß, ob einer mal Modell stehen möchte. Selten meldet sich jemand.

Nach zehn Minuten schlafen die Beine ein

Die Schulen zahlen ihren Aktmodellen zwischen 10 und 18 Euro pro Stunde - hart verdientes Geld. "Nach zehn bis zwölf Minuten schläft das belastete Körperteil ein", sagt Blanka. Deshalb muss sie nicht auf die Uhr schauen, um zu wissen, wie lange sie die Gymnasiasten noch zeichnen lässt. Maximal eine Stunde kann sie in einer bequemen Haltung ausharren.

"Ihr sollt keine Löckchen zeichnen, wir sind schließlich keine Friseure", sagt sie. Einen Bogen nach dem anderen füllen die Schüler mit stehenden, sitzenden, liegenden Figuren. Sie zeichnen mit Bleistift, Kohle, Wachskreiden, mal mit der rechten, mal mit der linken Hand, dürfen manchmal gar nicht aufs Papier schauen. "Aktzeichnen ist ein ganz schweres Handwerk", sagt Blanka. "Es gibt nichts Schwierigeres, als einen Menschen oder ein Tier zu zeichnen."

Blankas Kurse besuchen nicht nur Schüler, auch Architekten, Bildhauer, Industriedesigner, Kunsttherapeuten, Modeschüler, Städteplaner, Luft- und Raumfahrttechniker, Maschinenbauer. "Im Aktzeichnen sind alle Herausforderungen drin", sagt sie, "Lebendigkeit, Achsen, Statik, Plastizität, Perspektive, Farbe, Zeitdruck ..."

An mehr als hundert Schulen in Baden-Württemberg hat Blanka schon Modell gestanden - in vieren davon sogar bei einer Abiturprüfung. "Mich kennen Tausende von Leuten", sagt sie und freut sich, wenn sie auf der Straße gegrüßt wird. An anzügliche Bemerkungen kann sich Blanka in 14 Jahren nicht erinnern: "ich werde überall nett aufgenommen."

Heike Sonnberger, dpa