»Eine erfolgreiche, komplizierte Operation« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 95

»Eine erfolgreiche, komplizierte Operation«

Der Austausch des sowjetischen Bürgerrechtlers Anatolij Schtscharanski, nach monatelangen Verhandlungen vergangene Woche gelungen, war auch Probelauf für ein größeres Abkommen: die Freilassung Sacharows. Der Verbannte, davon sind östliche wie westliche Experten überzeugt, könnte noch vor dem nächsten Gipfel zwischen Reagan und Gorbatschow freikommen - gegen die Freilassung des Südafrikaners Nelson Mandela. *
• aus DER SPIEGEL 8/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Niemand hatte Anatolij Schtscharanski gesagt, was ihm bevorstand.

Wieder war der Bürgerrechtler in Moskau zum Verhör gewesen. Doch dann, stellte er überrascht fest, flog das Flugzeug nicht ostwärts, zurück ins Lager, wo der Dissident nach dreijähriger Gefängnishaft seit sechs Jahren als »Spion« einsaß, es ging nach Westen. Als ihm auch noch eine Krawatte überreicht wurde, dämmerte es dem Sowjet-Juden, was vorging - er sollte, endlich, ausgetauscht werden.

Nach der Landung in Schönefeld, einen Tag bevor Schtscharanski in die Freiheit entlassen wurde, waren die Ost-Berliner Genossen erst einmal ratlos, was sie mit ihm anfangen sollten. Sie fuhren ihn zum Anwalt und Professor Dr. jur. h.c. Wolfgang Vogel - einem der erfahrensten Experten im Austausch von Menschen zwischen Ost und West und überdies seit 1978 von amerikanischen Juden beauftragt, Schtscharanski aus der Sowjet-Union freizubekommen.

Schonend bereitete Vogel den Bürgerrechtler auf den Rummel vor, der ihn am nächsten Tag auf der Westseite der Glienicker Brücke erwarten würde. Seit Tagen drängelten sich dort Photographen, Kameraleute, Reporter aus aller Welt; eine Karawane von Wohnwagen lagerte am kaum benutzten Übergang von West-Berlin nach Potsdam.

Tatsächlich war der Trubel an der Brücke am Tag X, dem Dienstag letzter Woche, beträchtlich. Die Amerikaner hatten die westliche Seite gesperrt, die Presseleute zurückgedrängt und die »Brücke der Einheit« über die bis 1945 die alte Reichsstraße 1 verlief, mit Bussen gegen die wartende Hundertschaft abgeschirmt. Der Osten war bemüht dem Austausch jegliche Dramatik zu nehmen. In der DDR akkreditierte Journalisten durften auf Potsdamer Seite die Zeremonie verfolgen - und unter den Augen der Staatssicherheit im Sperrgebiet photographieren.

Von drüben kamen neben Anatolij Schtscharanski die beiden West-Spione Dietrich Niestroj (BND) und Wolf-Georg Frohn (CIA) sowie der Fluchthelfer Jaroslav Javorski (aus CSSR-Haft). Nach drüben gingen die Ost-Spione Jewgenij Semljakow (KGB), Detlef Scharfenorth (DDR-Ministerium für Staatssicherheit), Jerzy Kaczmarek (polnischer Nachrichtendienst) und das Ehepaar Köcher (tschechischer Geheimdienst).

Die Szene glich auf DDR-Seite zeitweise einer Idylle: Während Schtscharanski den am Austausch beteiligten amerikanischen Botschafter in Ost-Berlin, Francis Joseph Meehan, und dessen Bonner Kollegen, Richard Burt, begrüßte, umkurvte ungehindert ein Trabant die Gruppe, am Steuer eine Mutter, die ihr Kind ins direkt neben der Brücke gelegene Tagesheim brachte. Als die beiden Ost-Agenten Semljakow und Kaczmarek aus Vogels goldfarbenem Mercedes stiegen und von ihren wartenden Genossen umarmt und geherzt wurden, sahen etwa 50 DDR-Bürger zu.

Demonstration einer neuen Entspannung?

In Wahrheit ging es auf der Glienicker Brücke letzte Woche nicht um Agenten. Die waren nur Staffage, Rechtfertigungslegende der Sowjets gegenüber ihren eigenen Leuten. Tatsächlich ging es allein um den sowjetischen Dissidenten Anatolij Schtscharanski. _(Mit Bonns Staatssekretär Rehlinger (2. ) _(v. l.), Schtscharanski, US-Botschafter ) _(Burt (hinter dem Schlagbaum). )

Acht Jahre lang hatte sich Anwalt Vogel vergeblich bemüht, den Bürgerrechtler freizubekommen. Er scheiterte am schroffen Njet dreier Generalsekretäre der KPdSU.

Erst der Pragmatiker Michail Gorbatschow machte, gegen den Widerstand seines eigenen Sicherheitsapparats, das Unmögliche möglich. Er will die Problemfälle loswerden, die seinen Vorgängern Breschnew, Andropow und Tschernenko schon zu schaffen machten und die das Bild der großen Sowjet-Union in der Weltöffentlichkeit verdunkeln. Gorbatschows Bedingung: Er will beim Menschentausch nicht sein Gesicht verlieren.

Der spektakuläre Weg Schtscharanskis über die Glienicker Brücke war, alle Anzeichen sprechen dafür, der Probelauf für einen wirklich sensationellen Handel: die Freilassung des sowjetischen Bürgerrechtlers, Kernphysikers und Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow - weltweit sichtbarer Beweis für den Entspannungswillen der Sowjet-Union und Indiz für ein neues Klima im einstigen Gulag-Reich.

Der Druck auf Gorbatschow, diesen unbequemen Dissidenten freizugeben, ist stetig gewachsen. Offen ergriff US-Senator Edward Kennedy bei seinem Besuch in Moskau Anfang Februar für Sacharow Partei. Vor 500 Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften - deren Mitglied Sacharow immer noch ist - machte Kennedy ausdrücklich auf »einen angesehenen Nobelpreisträger« aufmerksam, »den ersten sowjetischen Staatsbürger, der den Friedensnobelpreis erhielt«. Und dann: Der wahre Wert der Wissenschaft könne nur an deren Fähigkeit gemessen werden, den Machthabern gegenüber die Sprache der Wahrheit zu sprechen.

Das wiederum war zu starker Tobak für einen bestimmt, aber vorsichtig taktierenden Gorbatschow. Im Vorfeld seines KPdSU-Parteitags konnte der Generalsekretär diesen Rüffel schwerlich hinnehmen, wollte er den eigenen Leuten gegenüber nicht als Schwächling erscheinen. Der Generalsekretär äußerte sich gegenüber der französischen KP-Zeitung »l''Humanite«. Lapidar erklärte er auf eine eigens nachgeschobene Frage der Redakteure: »Was Sacharow betrifft, so ist er nach wie vor Träger von Geheimnissen besonderer staatlicher Wichtigkeit und darf aus diesem Grund nicht ins Ausland reisen.«

Das klang wie ein kühles endgültiges Nein. Doch unumstößlich, davon sind Insider im Osten überzeugt, ist der Satz nicht (siehe Seite 122). Auch maßgebliche Bonner Politiker zweifeln nicht daran, daß die Russen ihren Willen zu wirklicher Entspannung mit einer noch größeren Geste unterstreichen wollen.

Experten des Kanzleramtes rechnen damit, Sacharow könne schon im Mai oder Juni freikommen, im Umfeld des zweiten Gipfels zwischen US-Präsident Ronald Reagan und Gorbatschow. Ein gehöriger Zeitabstand müsse sein, weil der Sowjetmensch den Eindruck vermeiden wolle, erst auf Druck des Amerikaners gehandelt zu haben.

Bonns Außenminister Hans-Dietrich Genscher hat sich ebenfalls auf die Freilassung Sacharows im Sommer eingestellt. Er ist überzeugt, daß Gorbatschows Interview nicht das letzte Wort über Sacharows Freilassung war »Daran muß das nicht scheitern.«

Denn die Bonner können darauf verweisen, Schtscharanskis Austausch habe Moskau gezeigt, daß auf Absprachen mit dem Westen Verlaß sei.

Die Gespräche über eine Freilassung des Bürgerrechtlers hatten im vergangenen Sommer begonnen, als DDR-Anwalt Vogel dem Staatssekretär im innerdeutschen Ministerium Ludwig Rehlinger, Verhandlungsbereitschaft signalisierte. Gemeinsam mit den beiden US-Botschaftern Meehan und Burt wurden erste Möglichkeiten erwogen: Austausch Mann gegen Mann oder Schnürung eines Pakets.

Das Genfer Treffen zwischen Gorbatschow und Reagan im letzten November unterbrach die Verhandlungen, Gorbatschow machte den heiklen Fall vom Ausgang des Gipfels abhängig, danach ging es zügig weiter.

Der Handel stand Mitte Januar, besiegelt wurde er am 23. in Rehlingers österreichischem Urlaubsquartier, dem Hotel »Gaspingerhof« im Zillertal. Dorthin waren Botschafter Meehan, ein Mitarbeiter Burts und Vogel gereist, um den von Rehlinger mit der Hand geschriebenen Entwurf einer Vereinbarung zu prüfen und zu genehmigen.

Der Austausch ist - aus sowjetischer Perspektive - weitgehend geglückt. Anwalt Vogel: »Mein Gefühl nach diesem endlich und doch noch gelungenen Austausch ist vielleicht vergleichbar mit dem des Chirurgen nach einer erfolgreichen, komplizierten Operation.«

Vor den TV-Kameras westlicher Journalisten in Moskau dankte die Mutter Schtscharanskis nicht nur US-Präsident Reagan, sondern auch ausdrücklich dem Generalsekretär Gorbatschow, daß er die Ausreise ihres Sohnes ermöglicht habe. Schtscharanski selbst vermied bei seinem ersten Auftreten im israelischen Fernsehen jedes harte Wort gegen die Sowjets; und weder aus Bonn noch aus Washington ertönte Triumphgeschrei.

Im Gegenteil. »Bundeskanzler Kohl und Präsident Reagan«, ließ die Bundesregierung

in einer mit Washington abgestimmten Erklärung verlauten, »freuen sich, daß es möglich gewesen ist, die Freilassung von Anatolij Schtscharanski zu erreichen.« Mit im Bund war Erich Honecker. Ohne den SED-Chef wäre der Austausch auf der Glienicker Brücke nicht so glatt gelaufen. Er bestärkte nicht nur den großen Bruder Gorbatschow, daß der Fall Schtscharanski auf die Dauer dem Ansehen der UdSSR auch in neutralen Landern abträglich sei. Er riet, bei der Freigabe jeden Anschein eines Schachers zu vermeiden, und warnte vor der Kalkulation der Geheimdienste, für den Bürgerrechtler ließen sich allemal mehr als zwei der eigenen Leute auslösen.

Gegen sein eigenes Ministerium für Staatssicherheit setzte der Staatsratsvorsitzende die Freigabe zweier Agenten durch: Das MfS wollte weder den westdeutschen Kaufmann und Spion des Bundesnachrichtendienstes Dietrich Niestroj noch den DDR-Ingenieur und CIA-Mann Wolf-Georg Frohn nach Westen ziehen lassen.

Der 50jährige Karlsruher Niestroj arbeitete als Firmenvertreter für medizinische Geräte im innerdeutschen Handel. Durch seine Tätigkeit bekam er Kontakt zu DDR-Instituten für Strahlentechnik, wurde 1978 vom BND angeworben und auf die Ausspähung von Atomgeheimnissen angesetzt. 1981 flog er auf. Im Oktober 1982 verurteilte ihn das Ost-Berliner Militärobergericht zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe.

Noch schwerer tat sich das MfS mit dem CIA-Agenten Wolf-Georg Frohn. Der heute 40jährige Ostdeutsche arbeitete in der Forschungsabteilung der Jenaer Zeiss-Werke und bekam 1980 ebenfalls lebenslänglich. Im Fall Frohn verfügte Honecker sogar eine Familienzusammenführung: Frohns Frau durfte bereits vier Tage später, am vergangenen Samstag, ihrem Mann mit Tochter und Enkelkind in den Westen folgen.

Schwierigkeiten gab es auch mit den USA: Washington, mit dem amerikanischen Ehepaar Karel und Hana Köcher an dem großen Ringtausch beteiligt, wollte die beiden gebürtigen Tschechoslowaken nur ziehen lassen, wenn die zuvor ein Schuldeingeständnis unterschrieben.

Karel Köcher saß seit 1984 in U-Haft. Der Agent des CSSR-Geheimdienstes hatte sich in den CIA-Apparat eingeschleust. Hana Köcher befand sich gegen eine Kaution von anderthalb Millionen Dollar auf freiem Fuß; dank jüdischer Solidarität. Das Geld für die Glaubensgenossin hatten amerikanische Juden aufgebracht. Um das Ehepaar zur Unterschrift unter das verlangte Schuldbekenntnis zu bewegen, jettete Wolfgang Vogel eigens nach New York.

Der Anwalt verfügt seit Jahren über ausgezeichnete Kontakte in der Bundesrepublik, auch mit wichtigen Amerikanern verbinden ihn alte Freundschaften - so mit einem der Hauptbeteiligten des jüngsten Austauschs, Francis Joseph Meehan. Meehan, heute US-Botschafter in der DDR, und Vogel konnten auf der Glienicker Brücke ein besonderes Berufsjubiläum feiern.

Gemeinsam schleusten sie wieder Menschen durch dieses Nadelöhr zwischen Ost und West - genau 24 Jahre und einen Tag, nachdem sie, damals in aller Heimlichkeit, beim ersten derartigen Tauschgeschäft den Sowjet-Spion Rudolf Abel freigehandelt hatten gegen den US-Piloten Francis Gary Powers, der mit seinem Aufklärungsflugzeug U-2 zwei Jahre zuvor über der Sowjet-Union abgeschossen worden war.

So undurchdringlich die deutsch-deutsche Grenze durch den Mauerbau von 1961 für die Menschen hüben und drüben wurde, so durchlässig erwies sie sich immer wieder für eine besondere Spezies - vom Gegner gefangene Spione.

Ostagent Alfred Frenzel durfte 1966 nach Verbüßung von nur einem Drittel seiner 15 Jahre Haft, in die CSSR ausreisen und bekam dort ein Staatsbegräbnis. Spion Heinz Felfe, einst Referatsleiter im BND, wurde 1969 in die DDR abgeschoben, nach knapp 6 von 14 Jahren Haft. Felfe ist heute Professor für Kriminologie an der Ost-Berliner Humboldt-Universität; im März erscheinen seine Agenten-Memoiren - im Westen. Topagent Günter Guillaume, dessen Enttarnung 1974 zum Sturz von Bundeskanzler Willy Brandt beitrug, hatte gerade etwas über die Hälfte seiner 13jährigen Haftstrafe verbüßt, da wurde er Ost-Berlin überstellt.

Es war nicht gerade Menschenfreundlichkeit, die Westdeutsche, Amerikaner oder andere jeweils beteiligte Nationen zum Strafverzicht veranlaßt. Stets hatte auch der Osten im Gegengeschäft ein paar Gefangene anzubieten.

Im staatlich sanktionierten Menschenhandel zwischen Ost und West gab es von Anfang an Entlassungsquoten und Kopfpreise, wurden »Lebenslängliche« gegen Verurteilte mit kürzeren Haftzeiten aufgerechnet, ließen sich Ringtausch-Aktionen verabreden oder der direkte Wechsel Mann gegen Mann.

Offiziösen Verkaufs-Charakter bekam das Geschäft, als 1964 der damalige Vize-Kanzler und gesamtdeutsche Minister Erich Mende, FDP, in Ost-Berlin eine Liste mit den Namen von 800 Häftlingen präsentieren ließ: Agenten, Fluchthelfer, gescheiterte Flüchtlinge. Sie kamen fast alle frei, gegen die Übergabe des mutmaßlichen DDR-Spions Günter Hofe und, erstmals, gegen eine erhebliche Summe Geldes.

Das geschah damals noch ohne Rechtsgrundlage. Nur mit dem Rückzug auf einen »übergesetzlichen Notstand« konnte der Staat in extremen Ausnahmefällen auf das Legalitätsprinzip verzichten, ertappte Nachrichtenhändler in jedem Fall zu verurteilen.

1968 zog Rechtmäßigkeit und Routine ein: Der Bundestag ließ, in einer Änderung der Strafprozeßordnung, das Opportunitätsprinzip zu. Seitdem gilt, daß die Behörden »von der Verfolgung von Straftaten absehen« können, wenn »die Durchführung des Verfahrens die Gefahr eines schweren Nachteils für die Bundesrepublik Deutschland herbeiführen würde oder wenn der Verfolgung sonstige überwiegende öffentliche Interessen entgegenstehen«.

Viele hundert verhaftete Agenten - oder wen jeweils die Gegenseite dafür hielt - wechselten seitdem dank stiller und zäher Verhandlungen von West nach Ost und von Ost nach West, und nur die wenigsten Fälle drangen an die Öffentlichkeit (siehe Seite 127).

Die Frau des Kanzleramt-Spions Günter Guillaume, Christel, wurde im März 1981 unter anderem gegen den Redakteur der »Kölnischen Rundschau« Peter Felten ausgetauscht, den ein gewisser Hansjoachim Tiedge vom Verfassungsschutz in die DDR geschickt hatte.

Ausgetauscht gegen Günter Guillaume und fünf weitere DDR-Spione wurden schließlich neun westdeutsche Agenten und weitere 30 politische Gefangene. Zusätzlich sicherte die DDR zu, im Zuge der Familienzusammenführung weitere 7000 Bürger ausreisen zu lassen.

Bei der vorletzten großen Tauschaktion am 11. Juni 1985 ließen die Ostblockländer 25 Gefangene frei, darunter neun Westdeutsche, die für den US-Geheimdienst CIA spioniert hatten und deshalb in der DDR einsaßen. Der Westen mußte sich lediglich von vier Ostagenten trennen.

Anwalt Vogel möchte den Agententausch am liebsten ganz aus der geheimdienstlichen Grauzone herausbringen - ein Vorschlag, mit dem der zu seinem 60. Geburtstag zum Honorar-Professor ernannte Jurist im letzten Herbst die Rechtslehrer der SED schockierte. In seiner Antrittsvorlesung vor den Dozenten der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft der DDR in Babelsberg forderte Vogel, das Gegengeschäft mit den Spionen, das in den DDR-Medien bislang streng tabuisiert war, zu einem normalen öffentlichen zwischenstaatlichen Vorgang zu erheben.

Am vergangenen Mittwoch erschien, eine Premiere in der DDR-Presse, im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« eine wenn auch dürre Meldung über den »Kundschafter Austausch« auf der Glienicker Brücke. Wahrscheinlich nicht die letzte.

Noch haben beide Seiten genügend Wunschkandidaten auf ihren jeweiligen Austauschlisten, und erfahrungsgemäß wachsen Jahr für Jahr weitere Tauschobjekte nach. Mit Sicherheit werden die Bonner beim nächsten Mal wieder den Namen Karin Schumann präsentieren, die Ost-Berliner den ihres Agenten Lothar-Erwin Lutze.

Beide standen schon diesmal auf der ost-westlichen Wunschliste, doch in diesem Fall konnte sich Erich Honecker nicht durchsetzen, Staatssicherheitsminister Erich Mielke blieb hart.

Ursprünglich wollte die DDR im Schtscharanski-Geleitzug auch ihren Lutze wiederhaben, der die Nato-Pipelines in Europa an den Osten verraten hatte. Bonn war dazu zwar bereit, verlangte im Gegenzug aber die Herausgabe von Karin Schumann. Die Ärztin, Jahrgang 1950, verbüßt seit 1979 eine 15jährige Haftstrafe. Ihr Vergehen: Sie hatte für ihren Lebensgefährten Baumann als Kurier zum BND gearbeitet.

Baumann, Major im Ministerium für Staatssicherheit, büßte seine Dienste für den BND mit dem Leben. Der Offizier, 1978 von Pullach geworben, wurde 1979 geschnappt, als er sich in den Westen absetzen wollte. Das Ost-Berliner Militärobergericht verurteilte ihn zum Tode, Baumann wurde erschossen.

Der MfS-Offizier könnte nach Ansicht ostdeutscher Fachleute noch leben, wenn der BND seinen Mann damals nicht im Stich gelassen hätte. Doch die Pullacher gaben keinen Laut: Sie gestanden ihren Kontrahenten vom MfS nicht einmal ein, daß Baumann ihr Mann war.

Zu jener Zeit, so der Vorwurf, habe sich der BND, anders als das MfS, überhaupt nicht um seine aufgeflogenen Leute gekümmert. Erst nach Baumanns Tod verfügte Klaus Kinkel, von 1979 bis 1982 Chef in Pullach und heute Staatssekretär im Justizministerium, daß sich die Geheimdienst-Zentrale jener Männer (und _(Mit Premier Peres, Außenminister ) _(Schamir. )

Frauen) anzunehmen habe, die aus der Kälte kommen wollen.

Im Fall Lutze freilich verstießen auch Mielkes Beamte gegen ihr Geschäftsprinzip, die eigenen Leute nicht hängen zu lassen: Karin Schumann, so argumentierten die ostdeutschen Staatsschützer, habe noch zuviel geheimes Wissen und stehe daher derzeit nicht zur Disposition. Also muß auch Stasi-Mann Lutze weiter auf die Heimkehr warten.

Die westdeutsche Wunschliste für die nächsten Treffen auf der Glienicker Brücke enthält mehr Namen als den von Karin Schumann. Mindestens ein Dutzend in der DDR verurteilte Mitarbeiter von Verfassungsschutz und BND hätten die Bonner gern wieder hier, acht von ihnen sitzen im fünften Stock des DDR Gefängnisses Bautzen II ein.

Ob sie im Zuge einer Freilassung Sacharows Bautzen werden verlassen können, steht dahin.

Denn erst einmal muß der Westen eine ähnlich prominente Symbolfigur anbieten, wie sie der Osten in Sacharow hat - Mann gegen Mann.

Im Visier für den Sommer 1986 ist dieser Menschentausch: Freiheit für Sacharow gegen Freiheit für Nelson Mandela, Führer der südafrikanischen Befreiungsbewegung und seit mehr als 23 Jahren eingesperrt.

Ein solcher Coup würde das Ansehen des Michail Gorbatschow über Nacht, in Ost wie West, verdoppeln.

»Das kann noch Monate dauern«, sagte Winnie Mandela letzten Freitag bei einem Internatsbesuch in der Nähe von Johannesburg.

Eben.

Mit Bonns Staatssekretär Rehlinger (2. v. l.), Schtscharanski,US-Botschafter Burt (hinter dem Schlagbaum).Mit Premier Peres, Außenminister Schamir.

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 95