CHINA Große Brandmauer
Auf der Treppe hastet ein Kellner mit einem Gemüsegericht nach oben. Gleich gegenüber der Küche im Feuertopf-Restaurant liegt hinter einer weißen Tür ein Raum, den Neonleuchten in kaltes Licht tauchen. Wie in einem Klassenzimmer sitzen junge Leute nebeneinander an langen Tischen, auf denen Monitore flimmern und Tastaturen klacken. Im »Login«, einem Internet-Keller an der Südmauer der Peking-Universität, ist an diesem späten Nachmittag jeder Platz besetzt.
Seit 1996 können hier Studenten für acht Yuan (zwei Mark) eine Stunde lang im Internet surfen, rund 200 nutzen mittlerweile jeden Tag das Angebot. Den Erfolg hat sich Manager Xie Zhong nicht träumen lassen: »Vor drei Jahren hatten wir gar keine Ahnung vom Internet.«
Chinas Internet-Gemeinde wächst in schnellem Tempo, allein in den letzten sechs Monaten des vergangenen Jahres um rund 400 000 auf insgesamt 2,1 Millionen Menschen. Nächstes Jahr, so schätzen Experten, könnten es bereits 10 Millionen sein.
Längst hat Login-Chef Xie scharfe Konkurrenz erhalten. In Peking gibt es inzwischen zahlreiche Internet-Cafés und - landestypische - Internet-Teehäuser. Nur wenige Meter vom Login-Keller entfernt eröffnete das »Fei Yu«-Café. Hinter grünen Samtvorhängen können die Kunden Cocktails wie »Singapore Sling« oder »Screwdriver« schlürfen, während sie im Netz surfen, die Stunde für knapp fünf Mark.
Die Kellnerin Wang Xuemei (zu deutsch: »Pflaumenblüte im Schnee") steht Gästen bei, die sich im Internet noch nicht gut auskennen. Während die Absolventin der Parteihochschule Getränke serviert, behält sie die Bildschirme im Auge. Pflaumenblüte soll auf Anweisung ihrer Chefs verhindern, daß sich die Kunden »gelbe Fotos«, die chinesische Umschreibung für Pornobilder, anschauen: »Ich sage ihnen dann: ,Das ist ungesund für deinen Geist!' Den meisten ist es peinlich, und sie schalten ab.«
Die moralische Führung im Fei-Yu-Café ist ganz im Sinne der Partei. Je dichter sich das Netz über das Reich der Mitte legt, desto mehr sorgt sich Pekings Führung um die ideologische Festigkeit ihrer Untertanen. Exil-Dissidenten beispielsweise nutzen das Netz, um Verhaftungen von Oppositionellen und Unruhen unzufriedener Bauern zu melden. »Wir wollen das chinesische Zensursystem mit Hilfe des Internets zerstören«, kündigt die Website »VIP Reference« in den USA an.
Aber Chinas Cyberspace-Polizisten sind wachsam. So verurteilte ein Gericht den Softwareunternehmer Lin Hai in Schanghai zu zwei Jahren Haft, weil er 30 000 E-Mail-Adressen an die VIP Reference weitergeleitet hatte. Nicht erwischt wurden dagegen kecke Hacker, denen es gelungen war, in eine Regierungswebsite einzudringen und die Internet-Adresse von Amnesty International einzufügen.
Zur besseren Kontrolle will Peking eine Organisation mit dem Orwellschen Namen »Staatskomitee für Informationssicherheit und Identifizierungsmanagement« gründen. Schon jetzt dürfen Internet-Benutzer nur über Unternehmen ins Netz, die an das staatlich überwachte »Chinanet« angeschlossen sind. Sie müssen sich verpflichten, keine Informationen »zu lesen, zu kopieren oder zu verbreiten«, welche die »Staatssicherheit« und die »soziale Ordnung« bedrohen könnten.
Internet-Cafés müssen neuerdings jeden Kunden registrieren - eine Regel, an die sich bislang allerdings kaum jemand hält. In Schanghai schloß die Polizei vor kurzem 300 Cafés, weil sie angeblich nicht die »notwendigen Lizenzen« besaßen.
Eine »Große Brandmauer« aus elektronischen Filtern wehrt bereits unliebsames Gedankengut ab. So verhindern die Internet-Aufpasser, daß Chinesen die »Washington Post« oder die »New York Times« online lesen. Die Nachrichten der BBC oder der Hongkonger »South China Morning Post« dagegen erscheinen unzensiert auf dem Monitor.
Pekings Genossen scheinen allerdings inzwischen bereit, ein gewisses politisches und moralisches Risiko in Kauf zu nehmen. Zu groß ist der Zwang für die Wirtschaft des Riesenreiches, in die High-Tech-Industrie vorzustoßen. Schon haben sich die Behörden der Hauptstadt und der Sonderwirtschaftszone Shenzhen im Süden des Landes digital vernetzt, und mit Microsoft-Chef Bill Gates wurde das »Venus«-Projekt verabredet: Noch in diesem Jahr sollen sich Zehntausende Bürger mit einem vereinfachten »Windows«-Betriebssystem und einem landläufigen TV-Gerät ins Internet einschalten können.
Dann können sie auch das Angebot der ältesten Pekinger Computerfirma »Stone« nutzen und unter Pseudonym auf dem Forum »Wir sprechen über Gott und die Welt« den Herrschenden die Meinung sagen. Viele Teilnehmer erregen sich dort über bürokratische Hürden beim Schalten einer zweiten Telefonleitung, zürnen über Kader ("Sie fressen, saufen und ...") oder fragen sich, ob Staats- und Parteichef Jiang Zemin seine jüngst veröffentlichten Gedichte wirklich allein geschrieben habe.
Partei und Regierung nutzen das Internet ihrerseits längst, um Propaganda und Informationen zu verbreiten. Selbst Jiang Zemin präsentiert sich mit einer Homepage (www.china.org.cn/cicc/jzm/profile). Er sei der »Kern von Chinas Führung der dritten Generation«, läßt er verkünden und preist sich als den »Obersten Führer nach Mao Tse-tung und Deng Xiaoping«, der auch in Krisensituationen stets ruhig und besonnen bleibe - selbst wenn »die Welt zusammenfällt«. ANDREAS LORENZ