Millionen-Spektakel im Dschungel
Vierzehn Monate lang, vom März 1976 bis zum Mai 1977, tobte vor Hollywood-Filmkameras im philippinischen Dschungel ein simulierter Vietnam-Krieg. Das Großunternehmen bescherte der verschlafenen Kokosnuß- und Tourismus-Stadt Pagsanjan nördlich von Manila inflationäre Preissteigerungen. Die Invasion der mehreren hundert Filmleute, von Francis Coppola für sein Kino-Kriegsgemälde »Apocalypse Now« vom Hauptquartier Pagsanjan aus befehligt, ließ pro Woche rund 100 000 Dollar in den ruhigen Landstrich fließen.
»Unsere Leute haben ihren Sinn für Werte verloren. Alles, was ich ihnen beigebracht habe, haben sie vergessen«, beklagte sich ein Lehrer der Stadt, der die philippinischen Filmarbeiter allabendlich in den Bars beschwor, ihre Löhne nicht nur für Frauen und Schnaps auszugeben.
Zustände wie in Vietnam zur Zeit des Angriffs der Amerikaner, dessen Schrecken Coppola in seinem Monumental-Werk sarkastisch nachzeichnet: Der Wahnsinn und das Chaos, die der Film beschreibt, haben auch seine Entstehung begleitet. So ließ sich zum Beispiel Coppola ("Der Pate") zur Feier seines 38. Geburtstags im April 1977 Eiskrem und Hot Dogs per Flugzeug aus seinem Stamm-Restaurant in San Francisco auf die Philippinen kommen. Und als er pittoreske Statisten für den opernhaften Filmschluß brauchte, wurden 250 Mitglieder eines primitiven Bergstammes vom Norden in den Süden des Landes gebracht. Ihre Gage bestand aus einer wöchentlichen Ration Betelnüssen.
Absurde Widersprüche, hybride Kraftakte: Zunächst als Routine-Operation eines Hollywood-Großprojekts geplant, ist im Verlauf der Dreharbeiten Coppolas Vietnam-Apokalypse in unerwartete Dimensionen ausgeufert.
Unvorhergesehene Zwischenfälle auf den Philippinen, Krankheiten, Besetzungsprobleme und Unwetter verlängerten die Drehzeit von sechs auf 14 Monate, das Budget steigerte sich von 12 auf über 30 Millionen Dollar.
Solche unheilvollen Meldungen vom Drehort wurden langsam selbst zu einem werbewirksam aufbereiteten Spektakel und bekamen schließlich legendären Charakter. Und als die Öffentlichkeit erfuhr, daß Coppola sich mit seinem Privatbesitz für Kredite über 18 Millionen Dollar verbürgte und damit sein persönliches Schicksal mit dem Erfolg oder Mißerfolg verband, kam fast eine Art tragische Komponente ins spannende Public-Relations-Spiel.
Auch die Mühsal, attraktive Schauspieler für die Arbeit im Dschungel zu gewinnen, wurde in Coppolas Leidenskatalog vermerkt. Steve McQueen wollte 3 Millionen Dollar für eine Rolle haben, James Caan pokerte mit einer Zwei-Millionen-Forderung immer noch zu hoch, Al Pacino fühlte sich nicht dschungeltauglich; Gene Hackman, Robert Redford und Jack Nicholson winkten ab. Harvey Keitel, der schließlich die Hauptrolle des Captain Willard übernommen und schon zu drehen begonnen hatte, kam mit dem Klima nicht zurecht und wurde nach einem Monat gefeuert.
Martin Sheen, der endlich für den Willard-Part verpflichtet wurde, erlitt während der Dreharbeiten beim Jogging eine Herzattacke und blieb sechs Wochen außer Gefecht.
Trouble gab es, wie gewohnt. mit Marion Brando, der den ausgeflippten Colonel Kurtz verkörpert. Der Superstar brachte, als er zu seinem Fünf-Wochen-Job (Gage: 2 Millionen Dollar) am Drehort antrat, 259 Pfund auf die Waage, etliches zuviel für die Darstellung eines Elite-Soldaten von den Green Berets.
Im mystischen Film-Finale, in dem Brando seinen zwei Filmstunden lang vorbereiteten Auftritt hat, ist deshalb auch fast nur sein kahlgeschorener Schädel zu sehen. Coppola rettete sich in die Notlösung, die Kolossalfigur seines Stars in geheimnisvolles Helidunkel zu tauchen.
Anderes Ungemach brach über die Produktion herein, als der Taifun »Olga« einen großen Teil der teuren Filmkulissen, darunter eine Nachbildung der kambodschanischen Tempelstadt Angkor Wat, verwüstete. Allein 400 000 Dollar kostete ihr Wiederaufbau, die Aufnahmen mußten für zwei Monate unterbrochen werden.
Für eine der spektakulärsten Sequenzen des Films, den Hubsehrauberangriff auf ein vietnamesisches Dorf mit Wagners Walkürenritt als dröhnender Begleitmusik, heuerte der Regisseur Helikopter und Piloten der philippinischen Armee an; denn das Pentagon hatte dem kritischen Vietnam-Film jede Unterstützung verweigert. Doch die asiatische US-Ersatztruppe mußte zwischendurch vom Drehort abgezogen werden, um die Guerrilleros im eigenen Lande zu bekämpfen.
Die Vorgeschichte der Kino-»Apocalypse« begann vor zehn Jahren, als Coppolas Regie-Kollege John Milius Joseph Conrads Novelle »Herz der Finsternis« zu einem Drehbuch verarbeitete. Regie sollte George Lucas ("Star Wars") führen, doch später übernahm Coppola selbst das Projekt und schrieb ein neues Buch.
Darin legte er dem verrückten Dschungel-Despoten Kurtz Texte von T. S. Eliot (aus dem Gedicht-Zyklus »The Waste Land") in den Mund und ließ sich von Michael Herr (Autor der Vietnam-Reportagen »Dispatehes") den inneren Monolog des Captain Willard schreiben.
Nach langer Wartezeit, in der immer wieder geheimnisvolle Nachrichten über das Mammut-Werk aus dem Schneideraum in die Öffentlichkeit lanciert wurden, nach einer im letzten Augenblick annoncierten Voraus-Premiere als »work in progress« beim Festival von Cannes, nach der spektakulären Veröffentlichung eines Tagebuchs der Coppola-Gattin Eleanor, in dem sie über eine schwere Ehekrise während der Drehzeit Auskunft gibt, und nach einer geschickt von Coppola inszenierten weltweiten Debatte über angeblich unterschiedliche Schlüsse des Films wurde »Apocalypse Now« endlich im August in New York präsentiert -- für Zuschauer, die ihre Eintrittskarten schriftlich vorbestellen mußten.
Inzwischen lief der Film auch in Europa an, und von diesem Freitag an ist er mit 80 Kopien in der Bundesrepublik im Einsatz.
Unter Coppolas nächsten Vorhaben ist ein Projekt, dessen Herstellung von weniger Paukenschlägen begleitet sein dürfte: Er will Goethes »Wahlverwandtschaften« verfilmen.