ITALIEN / EHESCHEIDUNG Fessel zerrissen
Vier Abgeordnete brachen im Parlament zusammen: Die Marathondebatte überstieg ihre Kräfte.
Draußen, auf der römischen Piazza Pantheon, warteten Demonstranten eine ganze Nacht hindurch auf das Abstimmungsergebnis. »Vorwärts mit der Scheidung«, mahnten Plakattexte -- und: »Mit der Scheidung siegt auch die Zivilisation.«
Der Sieg kam im Morgengrauen. Am vergangenen Dienstag um 5.45 Uhr billigte die römische Abgeordnetenkammer mit 319 gegen 286 Stimmen jenes seit Jahren umkämpfte Gesetz, nach dem nun auch in Italien zerrüttete, de facto nicht mehr bestehende Ehen geschieden werden können. Von den europäischen Staaten haben seither nur noch Spanien, Portugal, Irland, Andorra und San Marino keine Scheidungsgesetze.
Italienische »divorzisti« (Scheidungs-Befürworter) entfachten nach der Abstimmung Freudenfeuer auf römischen Straßen. Und sogleich rollte die Welle der Scheidungsklagen an.
Am eiligsten hatte es der Rentner O. R., 75: Schon drei Stunden nach dem historischen Votum reichte er in Bari die Scheidung ein. Signor O. R. (sein genauer Name wurde nicht publik) trennte sich 1932 von seiner Frau und lebt seit vielen Jahren »in außerehelicher Liebe« -- so der Aktentext -- mit der Signora M. T. zusammen, mit der er vier Kinder hat.
Mindestens 2,4 Millionen Italiener, so schätzte der sozialistische Abgeordnete Luigi Sansone, leben im katholischen Italien in wilder Ehe -- ihre früheren Ehen konnten nicht geschieden werden. Rechnet man die Kinder aus den nicht anerkannten Ehegemeinschaften mit, so ergibt sich: Etwa fünf Millionen Italiener -- ein Zehntel der Bevölkerung -- haben irregulären Gesetzesstatus.
Allein etwa 500 000 Männer entzogen sich ihrem Ehejoch durch Auswanderung. Und oft genug vollzog ein Partner seine »Scheidung auf italienisch« so, wie es der gleichnamige Film demonstrierte: mittels Pistole, durch Gattenmord.
Fortschrittliche Abgeordnete haben zwar seit 1870 immer wieder versucht, ein modernes Scheidungsrecht durchzusetzen. Doch stets scheiterten sie am Widerstand der Kirche und klerikaler Parlamentarier. Elf Gesetzentwürfe versandeten. Auch das jetzt verabschiedete Gesetz wurde von papstfrommen Christdemokraten jahrelang blockiert.
Während der Vatikan und seine Verbündeten die Unauflöslichkeit der Ehe predigten, geriet die Ehemisere zum nationalen Notstand. Pro Jahr wurden etwa 10 000 Ehen »gesetzlich getrennt«, nur: Wiederheiraten durften die Abtrünnigen nicht, De jure galt ihre Ehe weiter -- die Heuchelei war öffentlich konzessioniert.
Eben dies prangerten die Scheidungsfreunde an. Sie fochten zudem gegen die vatikanische Ehekammer Sacra Rota, die jährlich etwa 150 Ehen von Bürgern aller Staaten annulliert und dabei -- wie es scheint -- besonders den katholischen Reichen entgegenkommt.
»Italien zerreißt die Fesseln der Priesterherrschaft«, jubelte die »Liga für die Scheidung«, als sich der Sieg der »divorzisti« abzeichnete,
Der christdemokratische Senatspräsident Amintore Fanfani sah die Parlaments-Niederlage seiner Partei voraus, sprach aber tröstlich vom »dolce vincolo dell'amore«, der süßen Fessel der Liebe, die auch künftig Familieneintracht garantiere.
Wenn die Partner entgegen dieser Annahme länger als fünf Jahre voneinander getrennt lebten, wenn einer von ihnen kriminell oder unzurechnungsfähig ist, kann in Italien künftig geschieden werden. Die Gerichte erwarten bereits bis Ende 1970 über 100 000 Scheidungsklagen.
Doch die Scheidungsgegner geben nicht auf. Durch einen Volksentscheid möchten sie das Gesetz wieder abschaffen. Die Kirche steht ihnen bei.
Denn der Vatikan kann es nur schwer verwinden, daß das römische Parlament, zum ersten Mal seit 1945, ein Gesetz verabschiedete, gegen das die römische Kirche mit ihrer ganzen Autorität kämpfte.
Papst Paul VI. ließ kundtun, die Einführung der Scheidung habe ihn »tief geschmerzt«. Und die Papst-Postille »Osservatore della Domenica« jammerte, das Scheidungsgesetz sei ein »neuer Schlag gegen die freie Gesellschaft«.