MAGIE Hohlraum im Bett
Wie ein Lausbub, dem irgend etwas peinlich ist, lächelt er. Mit diesem Blick, der so schüchtern von der Seite kommt, muß der Magier einst die blonde Claudia Schiffer erobert haben, und mit diesem Blick erzählt er, daß heutzutage viele große Zauberer ihre Zuschauer betrügen würden.
Er nicht. Er betreibe »keine billige Effekthascherei«. Denn David Copperfield, 42, muß zwar mittlerweile 500 Shows pro Jahr durchstehen - und das brachte ihm 1998 geschätzte 60 Millionen Mark ein -
* Bei einem Auftritt in Detroit.
aber er strebt noch immer nach dieser »Balance zwischen High-Tech und Eros«, der »Liaison von Gewalt und Leidenschaft«, welche die »Zeit« so unwiderstehlich fand.
Ungefähr so etwas erwartete am 10. Januar auch der Kölner Rechtsanwalt Hans-Joachim Gutsche, 40. Die Eintrittskarten zur Copperfield-Show »You!«, jeweils 182 Mark teuer, waren ein Weihnachtsgeschenk für seine Freundin; das Pärchen habe »viel Geld und einen halben Tag« investiert, sagt der Jurist. Und das Resultat? Ein Desaster. Zuerst für Gutsche, inzwischen eher für Copperfield.
Fünf Tage nach der Vorstellung im Kölner Musical Dome verfaßte Gutsche den Entwurf einer Klage gegen »1. Herrn David Copperfield« und »2. Marek Lieberberg Konzert Agentur GmbH, Frankfurt«. Der Advokat verlangte seine 364 Mark zurück, weil Copperfields Auftritt »langatmig, uninteressant, durchschaubar und ungenügend« gewesen sei. Kurzum: schlechte Unterhaltung - und dazu noch »Wucher«. »Ein 5-Sterne-Restaurantinhaber«, so Gutsche, dürfe ja auch »keine Dosensuppen als Vorspeise liefern, keine Tiefkühlkost bekannter Tiefkühlhersteller«.
Die Agentur Lieberberg, die das Gastspiel organisiert hatte, zahlte fristgerecht. Sie legte noch 1,21 Mark Zinsen drauf - selbstredend »ohne Anerkennung einer Rechtspflicht«, aber wohl doch in der innigen Hoffnung, »sich mit dieser unerfreulichen Angelegenheit nicht weiter auseinandersetzen zu müssen«.
Der fromme Wunsch ist nachvollziehbar, denn Hans-Joachim Gutsche behauptet, daß so ziemlich alle Tricks des Hexenmeisters aus Metuchen (US-Staat New Jersey) derart dürftig gewesen seien, daß ein Laie wie er sie auf Anhieb durchschaut habe.
Da gab es etwa diesen »Unterhosentauschtrick«, bei dem Copperfield angeblich einer Dame, die unter der Hose einen weißen Slip trug, den roten Schlüpfer einer anderen an den Leib zauberte. Gutsche: »Dieser Trick war mit beiden Zuschauerinnen abgesprochen. Beide hatten jeweils Slips in beiden Farben an, so daß die Assistentinnen des Beklagten je nach Bedarf den roten oder den weißen Slip« aus der Hose herauszuzupfen hatten.
Wesentlich eleganter seien auch Copperfields Kartentricks nicht gewesen. Zuschauer hielten dabei verschiedene Karten in ihren »zu Hohlkörpern geformten Händen«. Dann sagte Copperfield sein Zaubersprüchlein auf, und schon hatten sich alle Symbole auf den Karten in Herzen verwandelt.
Gutsche glaubt: »Bei diesem Trick hat der Beklagte mit sogenanntem Thermopapier gearbeitet, das seine Äußerlichkeit bei der Veränderung von Temperatur ändert. Derartige Thermopapiere werden in Kinderschokoladen wie z.B. Duplo, Hanuta usw. an Kinder verteilt.«
Dann wieder sollte »eine Zuschauerin aus 8 Spielkarten eine Karte mit einem Symbol ziehen und diese verdeckt am Körper halten«; der Magier mußte raten. Copperfield, doziert Gutsche, habe sehr konzentriert ein Symbol auf einen Zeichenblock gemalt und damit darüber hinwegtäuschen wollen, daß schon vorher »sämtliche Symbole der acht Spielkarten in dem Zeichenblock, den der Beklagte in den Händen hielt«, versteckt gewesen seien.
Als die Zuschauerin ihre Karte umgedreht und einen Halbmond offenbart habe, sei das Publikum arg enttäuscht gewesen: Copperfield hatte nämlich ein Meer gemalt. Erst dann habe er durch einen Schlitz einen Halbmond hervorgezaubert. Ergo: Copperfield habe gemogelt, und das auch noch plump. Selbst die pompösen Tricks auf großer Bühne, mit denen der Mann, der als Kind russischer Einwanderer David Kotkin hieß, berühmt wurde, seien dilettantisch dahingewurstelt gewesen.
So habe der Magier 13 Zuschauer auf die Bühne gebeten, um sie verschwinden zu lassen - »auf eine Insel, ins Bett einer Frau, an einen Pool«, wie der Meister verkündet, dahin halt, wo''s schöner ist als im Rheinland im Winter. Brav nahmen die 13 Zuschauer auf einem Podest Platz.
Und Gutsche guckte genau hin: »Sodann wurde dieses Podest mit hellen Leinentüchern verhüllt und von Seilen nach oben gezogen. Während der Beklagte einen Zauberspruch von sich gab, verschwanden die 13 Personen von diesem in der Luft hängenden Podest. Dieser Trick funktionierte derart, daß über einen schwarz verhüllten Laufsteg diese 13 Zuschauer von Assistenten von dem Podest in den hinteren Teil der Bühne geführt wurden und das Podest nach dem Fallenlassen der Tücher leer war.«
Immerhin räumt der Kritiker ein: »Dieser schwarz verhüllte Laufsteg war nicht gut erkennbar«, die Senioren in der Mittagsvorstellung bemerkten ihn wohl nicht.
Durchsichtig sei dafür die Nummer mit dem angeblich leeren Bett gewesen, das Copperfield-Hiwis auf die Bühne geschoben und dann verhüllt hatten. Nachdem sie das Tuch fallen gelassen hatten, »befanden sich auf diesem Bett zwei Assistentinnen des Beklagten«. Wo die plötzlich herkamen, war für Gutsche sonnenklar: Ein Hohlraum in der Matratze habe den beiden als Versteck gedient.
Hatte der Jurist etwa geglaubt, daß Copperfield wahrhaftig zaubern könne, mit Drudenfuß und Johannishändchen womöglich? Habe er nicht, sagt er, aber zur Schwarzen Kunst gehöre doch wohl, daß man nicht auf Anhieb alles erkenne, sondern rätseln müsse, »wie der Zauberer dies geschafft hat«.
Viel Applaus bekam Copperfield in Köln für den »Laserstrahltrick«. Der Magier, bekleidet mit weißem Hemd und schwarzer Hose, hatte sich eine Schärpe um die Hüfte gebunden und wurde »von dem Laserstrahl durchschnitten«. Sein Oberkörper bewegte sich nach rechts, »wohingegen die Hose stehenblieb«.
Auch das glaubt Gutsche erklären zu können: Diese Illusion habe mit der Beleuchtung und dem schwarzen Vorhang zu tun, vor dem das dunkle Beinkleid nicht erkennbar gewesen sei. »Das angeblich auf der Bühne noch stehende Unterteil des Beklagten, das von seinem Oberkörper ''abgetrennt'' worden war, bestand aus einer Art überdimensionalem Sandkastenförmchen, das auf dem Podest stehenblieb, als der Beklagte sich nach rechts bewegte.«
Und selbst der berühmte »Ventilatortrick«, Höhepunkt der »You!«-Show, bei dem Copperfield durch einen überdimensionalen Miefquirl verschwindet und auf einem Podest im Zuschauerraum wieder auftaucht, ist für Gutsche eher Kinderkram: »Dieses Wunder« sei lediglich »dadurch möglich, daß der Beklagte« beim Aufnehmen eines Leinentuches »einen Personentausch mit einem Double durchführte«. Verraten habe sich Copperfield wie ein Anfänger dadurch, daß er sich nach unten beugte und »im selben Moment sein Double aufstand«.
Bei seiner Hochzeit zahlte der Anwalt einem Amateurzauberer 1000 Mark für eine halbe Stunde; der sei sein Geld wenigstens wert gewesen. Copperfields »miserable Tricks hätten vielleicht bei einem Kindergeburtstag Anklang gefunden.«
Die Agentur Marek Lieberberg, die Copperfields Gastspiel organisierte, bestreitet alle Vorwürfe. »Gezahlt haben wir nur, weil es den Ärger nicht wert war«, sagt Tourneemanager Oliver Agarwal, »und wenn die Tricks so durchschaubar wären, hätten schon viele Menschen Entzauberungsbücher auflegen können.«
David Copperfield, wen wundert''s, kann Leute wie Gutsche nicht gut leiden. Seine Bitte: »Man sollte der Zauberei ihren Zauber lassen.« Vorsichtshalber aber will der Meister seine Aktivitäten auf prosaischere Bereiche ausweiten. Er plant eine »Restaurantkette - Orte, an denen Ihr Geld magisch verschwindet«. KLAUS BRINKBÄUMER
* Bei einem Auftritt in Detroit.