Auslandssemester in China: Maden, Müllsammler und Mahjong - DER SPIEGEL
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Auslandssemester in China Maden, Müllsammler und Mahjong

In Europa fällt er kaum auf, in Asien schon: Die Menschen in Peking drehen sich nach Matthias Meyer um. Inzwischen wundert ihn das nicht mehr. Auch an die seltsamen Vorlesungen hat sich der Austauschstudent gewöhnt.
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"Schau, ein Ausländer” oder "Ooh, so groߔ sagen die Leute, wenn sie mich sehen. Als zwei Meter großer Europäer fällt man in China eben immer und überall auf. Ich bin inzwischen seit neun Monaten hier und habe mich daran gewöhnt.

Auch andere Dinge, über die man in Europa nur den Kopf schütteln würde, wundern mich nicht mehr. Etwa, wozu die Menschen den Bürgersteig benutzen. Sie suchen keine Toilette auf, werfen ihren Müll nicht in den Mülleimer, schnäuzen nicht in ein Taschentuch - sondern entledigen sich einfach mitten auf der Straße. Kleinkinder haben zu diesem Zweck einen praktischen Schlitz statt einer Naht in der Mitte ihrer Hose.

Es gibt Müllsammler, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, aufzusammeln, was andere weggeworfen oder liegenlassen haben. Mit Plastiksäcken, die oft größer als der eigene Körper sind oder auf Dreirädern mit Ladefläche ziehen sie Tag und Nacht durch die Straßen. Sie sammeln Verpackungen, Plastikflaschen, Getränkedosen und sonstigen Müll auf, der sich noch irgendwie verwerten lässt.

An den Müllsammlern sieht man, welche krassen sozialen Unterschiede es in der Stadt gibt, in der 10.847.800 Menschen leben. Das Leben hier spielt sich zu jeder Tages- und Jahreszeit hauptsächlich im Freien ab. Immer und überall herrscht geschäftiges Treiben. Die einen hetzen zu Terminen, andere stehen um ein Mahjong-Brett herum und diskutieren lautstark über den nächsten Spielzug, wieder andere schlagen sich an einem der zahlreichen Straßenimbissen den Bauch voll.

Frittierte Hühnerherzen am Spieß

Die Spezialität dieser Imbisse sind Holzspieße. Es gibt welche mit Seealgen, Hühnerherzen, Maden, Pilzen im Tofumantel, aber auch ganz normale Fleischspieße. Die Auswahl ist groß, die Speisen werden auf verschiedene Weise zubereitet: Sie werden auf Holzkohle gegrillt, in Öl frittiert oder in einer heißen Brühe gegart, deren Hauptbestandteil rote Chilischoten sind. Ein Spieß kostet zwischen 5 und 50 Cent.

Zu meiner Uni im Zentrum der Stadt, der Beijing Normal University (BNU), fahre ich meist mit dem Fahrrad. Sich im chinesischen Straßenverkehr zurechtzufinden, will gelernt sein. Wenn man sich in einem Strom aus Drahteseln, Autos und anderen, teils skurilen Fortbewegungsmitteln und jeder Menge Passanten bewegt, braucht man vor allem eines: Geduld. Kaum jemand hält sich an die Straßenverkehrsordnung, Geisterfahrer sind nichts Ungewöhnliches. Fast niemand gebraucht seinen Blinker und die Farbfolge der Ampeln ist bedeutungslos. Schnell fahren ist nicht ratsam - das gibt nur Ärger. Am besten passt man sich dem Rhythmus des Verkehrsstroms an. So kommt man unbeschadet zur Uni.

Der Großteil der ausländischen Studenten stammt aus Japan und Südkorea. Europäer, Nordamerikaner und andere Ausländer gehören zu den Exoten. Im Gegensatz zu den asiatischen Kommilitonen, die an die hiesigen Vorlesungen gewöhnt sind, tun sich die westliche Studenten schwer. Denn die Veranstaltungen hier kann man eigentlich nicht als Vorlesungen bezeichnen - es handelt sich eher um Unterricht in einem Klassenverband, der aus 10 bis 15 Leuten besteht.

Ich studiere an der BNU Chinesisch und klassisches Chinesisch. Es hat gedauert, bis ich mich an den Frontalunterricht in Magnetschwebebahngeschwindigkeit und das konsequente Auswendiglernen von "Hanzi” (chinesische Schriftzeichen) gewöhnt habe. Die Professoren scheinen zu denken: Verstehen kann man den Stoff später immer noch, jetzt ist dafür aber leider keine Zeit. Kreativität und Individualität sind leider selten gefragt.

Die natürliche Verlängerung der Hand

Auch die Texte in den Lehrbüchern versetzen Ausländer in Staunen. Über die – teils fragwürdigen – Informationen und Fakten muss man oft lachen. Ein Beispiel: Neben mehreren Kapiteln über chinesischen Tee scheint es den Verfassern auch ein Herzensanliegen zu sein, Gaststudenten über die Entstehungsgeschichte und den Gebrauch von Essstäbchen (Kuaizi gennant) zu unterrichten. Hierbei handele es sich um die natürliche Verlängerung der Hand des Essenden, ist dort zu lesen. Ein paar Sätze weiter erfährt man, dass Essstäbchen dem westlichen Besteck eindeutig überlegen sind. Das alles kommt nicht nur einmal, sondern in regelmäßigen Abständen immer wieder im Buch vor.

Die Menschen hier sind sehr stolz auf ihr Land und auf ihre über 6000 Jahre alte Kultur. Aber ihre Neugier und Interesse an Ausländern, den "Laowai”, ist dennoch riesig. Sie rufen nicht "Schau mal ein Ausländer" und "Ooh, so groß", weil sie einen ärgern wollen - sondern weil sie wirklich erstaunt sind und mehr über den Menschen wissen möchten, der so anders aussieht. Am Anfang stellen sie immer die gleichen Fragen: Aus welchem Land kommst du? Zwei Meter groß? Arbeitest oder studierst du? Wie lange bist du schon hier? Gefällt dir China? Kommt man einmal ins Gespräch, merkt man schnell wie höflich, freundlich und hilfsbereit die Chinesen sind.