Israel-Tagebuch "Ruhe bewahren, Sicherheit ausstrahlen"
Samstag, 6. September
Straßen-Flohmarkt im Hamburger Schanzenviertel, ich schlage meinen Hausstand los. Das St.-Pauli-Shirt? Drei Euro. Die CDs? Fünf für acht. Am Abend das jährliche Ritual: Der "Schwarze Block" der Krawallmacher schlägt sich mit der Polizei.
Ich denke an Israel, an die Extreme, die jedem sofort zu diesem Land einfallen: Es wird fast täglich mit Raketen beschossen, lebt in heißem Frieden mit seinen Nachbarn. Selbstmordattentäter sprengen Busse in die Luft, lassen Bomben in Bars detonieren. Die Armee hält das Westjordanland besetzt, und die Regierung baut eine Mauer drum herum.
Die Wahl meines Studienorts stieß zu Hause auf wenig Verständnis: "Warum gerade Israel? Bist du jüdisch?", fragte ein Freund. Nein. Warum? "Na ja, deine Nase ..."
Hamburg sei doch auch schön, findet meine Mutter. Robert von nebenan würde nach Ramallah gehen, für ihn sind die Palästinenser die Guten. Was will ich in Israel, als Deutscher? Wenn ich Jude wäre, hätte ich genug von Deutschen.
Samstag, 13. September
Die letzten Tage in Hamburg. "Laaangsam kommen lassen, vorsichtig!", ruft mein Freund Till. Er hat Angst um seine Vespa - ich habe Angst, in Jerusalem Bus zu fahren. Mein WG-Zimmer liegt leider weit entfernt von der Uni. Ich müsste jeden Tag eine Stunde im öffentlichen Nahverkehr verbringen, einmal quer durch die Stadt. Ich habe dieses Bild im Kopf: ein israelischer Bus, zerrissen, als sei er aus Papier. Scherben, Blut, Retter in weißen Anzügen. Dann lieber selbst fahren.
Ich träume von einem Roller, mit dem ich zur Uni sause, den Felsendom einmal aus dem Augenwinkel angeblinzelt, die Grabeskirche, das Damaskus-Tor. Aber erst mal übe ich noch eine Runde mit Tills Vespa.
Freitag, 3. Oktober
"Bis bald" hat niemand zum Abschied gesagt, oder "tschüs". Sondern: "Pass auf dich auf. Wirklich!" Ist Jerusalem ein Krisengebiet? Ich gehe ja nicht nach Gaza.
Während des Flugs denke ich trotzdem daran, dass gerade diese Maschine ein Terrorziel sein könnte. Alles geht gut, natürlich. "Ruhe bewahren, Sicherheit ausstrahlen", hatte Ronald auf dem Weg zum Flughafen gesagt.
Samstag, 4. Oktober
Ich lande mitten in der Nacht, um drei Uhr. Im Großraumtaxi von Tel Aviv nach Jerusalem, es geht fast tausend Meter hinauf in die judäischen Berge, gen Osten. In eine sehr merkwürdige Stadt. Die Luft ist dünner da oben, wie Türme einer trutzigen Feste tauchen die gelben Sandsteinmauern am Nachthimmel auf.
"Geh nicht nach Jerusalem", hatte mein Kumpel Elat aus Tel Aviv gesagt. "Da kann man nicht atmen. Da geht es nur um Religion."
Sonntag, 5. Oktober
Rund 4000 Jahre Geschichte stecken in dieser Stadt. König Salomo baute den jüdischen Tempel, später kamen die Römer. Jesus wurde hier ans Kreuz genagelt und ist auferstanden, so steht es in der Bibel.
Dann kamen die Araber, im Mittelalter die Kreuzfahrer. Jerusalem ist die Heilige Stadt der Juden, die drittheiligste des Islam und ein Pilgerort für alle Christen. Sie wurde niedergebrannt, wieder aufgebaut, überrannt, zerstört und noch einmal wieder aufgebaut. Seldschuken, Fatimiden, Mamluken, Osmanen und Templer herrschten - und dann, bis 1948, die Briten. Dann rief David Ben Gurion den Staat Israel aus.
Kaum ein Jahrhundert, in dem Jerusalem keinen Krieg erlebt hätte. Der letzte war 1967. Jerusalem ist die Hauptstadt Israels und eines palästinensischen Staats, den es nicht gibt. Die Waffenstillstandslinie verläuft 50 Meter östlich von meinem Bett. Jerusalem, das heißt übrigens "Stadt des Friedens".
Dienstag, 7. Oktober
In meiner WG sind wir zu viert: Esther und Shuki, Israelis mit amerikanischen Wurzeln, Charlotte aus England und ich. Wir haben einen Garten, ein Wohn- und Esszimmer, die Küche ist koscher. Die wichtigste Regel: Fleisch und Milch trennen! Es gibt zwei Öfen, zwei Sätze Besteck, Töpfe, Pfannen, Teller. Überall sind kleine Aufkleber, auf denen "chalavi", also milchig, oder "basari", also fleischig, steht. Ich bin unsicher: War das jetzt wirklich der richtige Teller fürs Käsebrot? Das richtige Messer?
Mittwoch, 8. Oktober
"Gehst du auch zur Synagoge?" Charlotte hält mir eine Kipa hin. Heute beginnt Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Vorher geht Esther durch die Wohnung und schaltet alle Lampen an - "bitte nicht ausknipsen!"
Am Jom Kippur betätigen die meisten Juden keinen Lichtschalter, fahren nicht Auto, arbeiten nicht, essen nicht, küssen sich nicht. Sie ruhen. Sie fasten. Ich mache halt mit. Der Abend ist mild, die Stadt liegt still da. Alle gehen in die Synagoge, heute sogar die Israelis, die nicht religiös sind. Die Kinder ziehen mit ihren Fahrrädern weite Kreise auf den leeren Straßen. Ich muss ständig meine Kipa zurechtschieben.
In der Synagoge setze ich mich an den Rand und mache alles nach, was die anderen tun. Immer wenn jemand den Vorhang vor der Tora aufzieht, stehen wir auf und beten und singen im Stehen weiter. Ich brumme mit: "Baruch ata adonai elohenu melech haolam ...", das heißt "Gelobt seist Du, ewiger unser Gott, König der Welt".
Der Chasan, der Vorprediger, geht auf mich zu. Ich soll den Vorhang vor der Tora zurückziehen. Ich schüttele den Kopf, die Kipa fällt herunter. Ich denke: Jetzt schmeißt er mich raus. Als ich ihn wieder ansehe, hat er einen anderen gefragt. Später liege ich im Bett, mein Schädel brummt, ich habe Hunger und Durst. Verdammtes Fasten! Das soll ich durchhalten, bis morgen die Sonne wieder untergeht?
Und Esther sprach: "Die eine Hälfte von West-Jerusalem wartet auf die Straßenbahn, die andere auf den Messias. Beide werden niemals kommen."
Donnerstag, 9. Oktober
Ich wache viel zu früh auf und spaziere quer durch die Stadt nach Mea Schearim, dem Viertel der Haredim, der Ultraorthodoxen. Ein Gefühl von Freiheit, dreist mitten auf einer dreispurigen Straße zu gehen. Der Hunger ist weg, das Fasten wirkt wie eine Droge, die den ganzen Körper betäubt.
Mea Schearim besteht aus einem Gewirr von Gängen und kleinen Gassen; die Häuser sind in Schichten übereinander gebaut, nebeneinander, kreuz und quer. Die Wände sind über und über beklebt mit Postern und Plakaten - so wird hier kommuniziert. Fernsehen, Radio und Internet sind verpönt.
Viele Haredim wohnen zwar in Israel, akzeptieren aber das Land nicht, weil sie darauf warten, dass der Messias kommt und den jüdischen Staat aufbaut. Sie gehen nicht zum Militär, einige von ihnen sprechen nicht Hebräisch, sondern Jiddisch.
Es ist wie in einem anderen Jahrhundert: überall Männer mit schwarzen Mänteln, schwarzen Hüten, Schläfenlöckchen. Die Frauen in langen Röcken und weiten Blusen, Tücher oder Perücken auf dem Kopf. Wer seinen Körper nicht so bedeckt, wie die Haredim es für richtig halten, den jagen sie aus dem Viertel. Jetzt bin ich froh, dass ich eine Kipa aufhabe - sie sitzt auch schon viel besser als gestern. Und bald geht die Sonne unter.
Mittwoch, 29. Oktober
Fabian aus Bremen nimmt mich mit in die Westbank. Er arbeitet als Zivi auf einem Weinberg südlich von Betlehem. Der Hang gehört dem Palästinenser Daher, der seit mehr als zehn Jahren mit dem israelischen Staat darum streitet, ob er dort bleiben darf. Daher hat Kataster-Papiere, die älter sind als Israel. Sein Hof liegt auf einem kargen Felsrücken mitten im Nirgendwo.
Die israelische Armee hat die Straße mit zwei Felsblöcken blockiert. Auf dem Weinberg stehen zwei Gebäude: das alte Familienhaus von Daher und eine Baracke für die Zivis und Volontäre. Für andere Gebäude bekommt er keine Genehmigung. Für seinen Traktor, einen Generator, für Werkzeug, die Tiere und Saatvorrat hat er in den Jahrzehnten Höhlen in den Fels geschlagen.
Drei Tage lang schütte ich Mauern auf, setze Keimzwiebeln ins Feld und schlage Feuerholz. Der Weinberg muss bewirtschaftet werden, sonst gilt er als Brachland und Daher verliert sein Recht darauf.
Strom gibt es nur eine Stunde am Tag, Wasser sammeln wir in einer Zisterne. Ich schaue zu den Bergen ringsum. In jeder Himmelsrichtung liegt eine jüdische Siedlung. Sie sehen wehrhaft und modern aus - und irgendwie wie Raumschiffe, die an der falschen Stelle gelandet sind.
Sonntag, 2. November
Das erste Mal zur Uni. Ich habe noch keinen Roller gekauft, und etwas anderes als Busse gibt es hier nicht. Die Stadtverwaltung baut jetzt eine Straßenbahn. Die Jaffa-Straße war einmal der Einkaufsboulevard, jetzt ist sie nur noch eine kilometerlange Baustelle. Im Juli sind zwei palästinensische Bauarbeiter mit ihren Radladern in Busse und Autos hineingefahren, sie machten Jagd auf Passanten. Drei Menschen starben bei den Amokfahrten. Seitdem stockt der Bau, die Routen der Buslinien ändern sich täglich.
Esther sagt: "Die eine Hälfte von West-Jerusalem wartet auf die Straßenbahn, die andere auf den Messias. Beide werden niemals kommen." Ich sitze eine Stunde im Bus. Das Getingel im Schritttempo geht mir so auf die Nerven, dass ich vergesse, Angst vor einer Bombe zu haben.
Am Ende fährt der Bus in einen Tunnel unter der Uni. An einer Schranke hält er, ein Sicherheitsmann geht durch und schaut, ob jemand Waffen dabeihat. Dann kommen die Ausweiskontrolle und der Metalldetektor, die Taschen werden durchsucht. Neben der Mensa, in der ich zu Mittag esse, hängt ein Baum, halb umgekippt, über den Weg. Er ist ein Mahnmal: 2002 ging hier eine Bombe hoch. Neun Studenten starben, mehr als 80 wurden verletzt.
Am Nachmittag lese ich das erste Mal seit fast zwei Wochen meine E-Mails. Ronald hat geschrieben: "Viele Grüße nach Israel. Und immer dran denken: Ruhe bewahren, Sicherheit ausstrahlen." So mache ich das jetzt.
Markus Flohr, 28, war Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und studiert seit Oktober Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem