Schlingernde Privatuni Wittener Wechselbäder
Ein bisschen anders als sonst klingen sie schon, die Grüße der Wittener Studenten untereinander in dieser ersten Vorlesungswoche nach der Beinahe-Insolvenz. "Alles Gute zum neuen Jahr", sagen sie und klopfen sich auf die Schultern, während sie hinter der großen Drehtür den Schnee von den Schuhen trampeln. "Und nicht nur zum neuen Jahr, auch für die Uni", kommt nicht selten als Ergänzung hinterher. Dabei sieht eigentlich alles aus wie immer: Angehende Mediziner in grünen OP-Kitteln holen sich Kaffee oder gehen mit ihren Dozenten für eine kurze Zigarettenpause nach draußen, andere lümmeln mit ihren Laptops auf der großen, rot gepolsterten Sitzbank im Eingangsfoyer herum.
Und doch, etwas ist anders. Davon zeugen nicht nur Holzlatten am Rande der Eingangshalle, Teil eines Kunstwerks, das für die Vollversammlung ein paar Tage vor Weihnachten kurzerhand abgebaut wurde. Christian Eichert, 24, hat heute Morgen einen der ersten Züge von Stuttgart aus genommen, um nach Witten zu kommen. Offiziell wegen eines Referats, das der Wirtschaftsstudent am Nachmittag halten muss, inoffiziell aber wegen der bedrohlichen Finanzlage. "Die Stimmung unter den Studierenden ist wachsam - und hoch konzentriert", sagt Eichert.
Es ist eine besondere Beziehung, ein ganz anderes Binnenklima als an staatlichen Hochschulen üblich: Die Studenten waren stets stolz auf ihre Uni. Und die Uni ebenso stolz auf ihre Studenten. Unter den Hochschullehrern wie unter den Studenten sind viele eigenwillige, eloquente, energische Charaktere mit ziemlich präzisen Vorstellungen, wie eine gute Hochschule aussehen und arbeiten soll. Seit gut einem Vierteljahrhundert debattieren sie über Lehrinhalte und fachübergreifendes Lernen, über Mitbestimmung und akademische Freiheiten. Auch über die Studiengebühren, die es seit 1995 gibt, die zuletzt deutlich kletterten und weiter steigen sollen.
Aufgeben kommt nicht in Frage
Man streitet sich beherzt, beschwört dann aber wieder die Gemeinschaft - erst recht in Krisenzeiten. Und davon hat Deutschlands erste und wichtigste Privatuniversität so einige erlebt. 2006 taumelte sie heftig, als der Wissenschaftsrat die Schließung der Medizinfakultät empfahl. Geldsorgen begleiten sie seit dem Start des Studienbetriebs 1982. Aber so nah wie kurz jetzt kurz vor Weihnachten, als die Landesregierung Millionenzuschüsse stoppte, stand sie noch nie am finanziellen Abgrund. Und abermals sind die Studenten zusammengerückt.
"Wir haben teilweise das Weihnachtsfest mit unseren Familien sausen lassen, um uns für die Uni einzusetzen", erzählt Christian Eichert. Welche Rettungschancen gibt es? Muss die Uni vielleicht aus NRW wegziehen? Oder sollte man sich lieber gleich um einen anderen Studienplatz bemühen? Ans Aufgeben, versichern drei angehende Mediziner, denke hier keiner: "Das Lernen hier ist so toll - ich will diese Uni, ich will dieses Studium, ich will hier bleiben", sagt Studentin Susanne, 23.
"Wir können ja als Studenten nichts dazu sagen, was an den Vorwürfen der nicht ordnungsgemäßen Geschäftstätigkeit dran ist", so Christian Eichert, "wir können aber für die Ideale einstehen, auf denen diese Uni gegründet ist: Freiheit, Wahrheit, soziale Verantwortung." Heraus kam dabei die Idee, das Internet für eine ideelle Unterstützungskampagne zu nutzen: Auf der eilig eingerichteten Homepage Deutschlandbrauchtwitten.de haben mittlerweile etliche Prominente ihre Unterstützungserklärung für die angeschlagene Privathochschule veröffentlicht. Zudem entstanden Soli-Gruppen bei StudiVZ und Facebook.
Zweiter Anlauf der SRH
Seit Mitte Dezember ging es Schlag auf Schlag: Erst tauchte die Universität in einer Liste von Bußgeld-Empfängern auf, die in der Bochumer Staatsanwaltschaft für erhebliche personelle Querelen sorgte und schließlich zur spektakulären Ablösung der für Wirtschaft verantwortlichen Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen führte. Einen Tag später verkündete Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP), das Land werde bereits zugesagte 4,5 Millionen Euro für 2008 nicht auszahlen. Zusätzlich forderte er noch drei Millionen aus dem Jahr 2007 zurück. Uni-Präsident Birger Priddat trat zurück, auch sein junger Vize Maxim Nohroudi.
Kurz vor der drohenden Insolvenz dann die - vorläufige - Rettung: Gemeinsam verkündeten die Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH), die Darmstädter Software AG Stiftung sowie der Gemeinnützige Verein zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern Herdecke, die Zahlungsfähigkeit der Hochschule erst einmal bis Mitte Januar sicherzustellen. Dabei hatte ausgerechnet die Heidelberger SRH-Holding im Jahr 2007 schon einmal versucht, in Witten Fuß zu fassen - was misslang, weil sie der Uni als zu profitorientiert erschien.
Für einige Studenten war das offenbar zu viel an nervlicher Belastung, der Zusammenhalt schwand: Weil die Tochter der geschassten Staatsanwältin in Witten studiert und es Spekulationen über Mauschelei bei ihrer Aufnahme gab, kursierte bald eine Unterschriftenliste gegen die Kommilitonin. Und sogar ein Einbruch in die WG der Studentin wurde in Internet-Foren in Zusammenhang mit den aktuellen Entwicklungen gebracht - "Widerliches aus Witten" betitelte die "Financial Times Deutschland" einen Bericht darüber.
"Unsere Ideale könnten stark leiden"
Inzwischen haben sich die Wogen geglättet, einen neuen Geschäftsführer hat die Universität auch: Michael Anders von der Software AG Stiftung, Diplomökonom und Wittener Absolvent des Jahrgangs 1993. Die Verhandlungspartner sind allerdings nicht allen Studenten geheuer. Skepsis grassiert vor allem gegenüber der SRH-Holding. Deren Sprecher hatte nämlich erklärt, auf das von Studenten entwickelte Gebührenmodell des "umgekehrten Generationenvertrags" könne man getrost verzichten.
"Das ist überaus beunruhigend", so Caspar Lorenz von der Studierendengesellschaft. Und auch Christian Eichert überzeugt die SRH nicht: "Investoren verfolgen ja eigene Ziele und Interessen, und die sind ja nicht unbedingt immer altruistisch ausgerichtet", sagt er, "wenn ich die Art und Weise sehe, wie der SRH-Konzern seine Fachhochschulen betreibt, wie er Bildung und Ausbildung zu einem Produkt macht, dann habe ich da persönlich durchaus Bedenken, dass die Ideale einer freien, privaten Universität stark leiden könnten."
Doch Eichert weiß auch: Wählerisch kann seine Uni im Moment kaum sein. "Wir haben bis jetzt nur einen Etappensieg errungen", sagt er, "jetzt beginnt der eigentliche Kampf, hier eine langfristige Finanzierung auf die Beine zu stellen. Und zwar mit Partnern, die tatsächlich an der Uni als Universität interessiert sind." Und nicht an einer Bildungsfabrik, in der nur möglichst schnell und effizient möglichst viele junge Leute zum Examen gebracht werden.