Studieren in Dublin: Hart feiern, früh aufstehen - DER SPIEGEL
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Studieren in Dublin Hart feiern, früh aufstehen

Es hat ähnlich viel Patina wie die englischen Schmuckstücke Oxford oder Cambridge: Das Trinity College in Dublin gehört zu Europas Uni-Perlen. Doch die Tradition kommt bei den Iren deutlich entspannter daher, nach der Vorlesung geht's ins Pub. Doch wehe, man kommt morgens nicht aus dem Bett.
Von Benjamin Hammer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Höchstens sieben Millimeter lang darf das Gras sein. Und nein, natürlich darf der heilige Rasen nicht betreten werden. So viel Strenge muss sein, da steht das Trinity College in Dublin den berühmteren Vorbildern in Oxford und Cambridge nicht nach.


Wer die Patina der dortigen Gemäuer schätzt, wird auch die irische Vorzeige-Uni mögen. Den holzgetäfelten Speisesaal der Mensa zum Beispiel: Der würde sich gut machen in einem Harry-Potter-Film. Die meisten Gebäude sind mehr als 200 Jahre alt, dazwischen das penibel gepflegte Grün. Wer nach Mitternacht heimkommt, muss den Campus durch eine kleine Tür betreten, unter den gestrengen Blicken des Nachtportiers.

Das alles gehört zum Standardrepertoire angelsächsischer Traditionshochschulen. Doch Trinity hat mehr zu bieten. Der deutsche Professor Jürgen Barkhoff, seit 14 Jahren in Irland, nennt es schlicht "Spaß". Und den schätzen vor allem die Gaststudenten aus dem Ausland, für die Barkhoff zuständig ist.

Philosophieren mit der ältesten Studi-Organisation der Welt

Spaß macht der Pub auf dem Campus, wo die Studenten nach Vorlesungsschluss ihr Guinness trinken und über Dublin blicken. Spaß macht das neugebaute Sportzentrum mit Schwimmbad, Sauna und Kletterwand. Intellektuelle Freude bereiten die regelmäßigen Diskussionsabende der Philosophical und der Historical Society, die zu den ältesten Studentenorganisationen der Welt gehören.

Und das Vergnügen hört an der Campusmauer nicht auf. Direkt anschließend reiht sich eine Kneipe an die nächste, in den kühlen Monaten brennt fast in jeder ein Kaminfeuer. Wer allein kommt, so sagt man hier, der bleibt nicht lange allein.

Es gehört zu den Besonderheiten des Trinity College, dass seine Studenten am Abend heftig feiern - aber am folgenden Morgen früh aufstehen. Sie müssen lernen; die Anforderungen an der traditionsreichen Universität sind hoch. Das College mit seinen 15.000 Studierenden gehört laut Ranking der britischen Zeitung "Times" zu den 50 besten Hochschulen der Welt. Die Professoren kennen die meisten ihrer Eleven mit Namen; wer bei einer Vorlesung unentschuldigt fehlt, bekommt schon mal eine E-Mail mit einer Nachfrage vom Dozenten. Bei den Historikern, erzählt Jürgen Barkhoff, gelte ein Seminar mit über 20 Studenten als überfüllt.

"Die Betreuung am Trinity College ist phantastisch", sagt die deutsche BWL-Studentin Sabrina Marks, 22. Sie studiert normalerweise in Regensburg, nach Dublin ist sie für ein Jahr als Erasmus-Studentin gekommen. Ihre Professoren, sagt sie, spreche sie mit Vornamen an, und die meisten von ihnen beantworteten E-Mails innerhalb weniger Minuten. Auch die Ausstattung der Bibliothek und der Computerräume, schwärmt Marks, sei sehr gut.

Studiengebühren von 6000 Euro, Erasmus for free

So viel Luxus ist teuer. Die irische Regierung plant deshalb, nun auch für Bachelor-Studenten Studiengebühren von bis zu 6000 Euro jährlich einzuführen. Master-Anwärter zahlen bereits jetzt, je nach Fach, 5000 bis 10.000 Euro. Davon ausgenommen sind - und bleiben - Erasmus-Studenten. Sie bezahlen nur die Gebühren ihrer deutschen Universität, also im Erststudium maximal 500 Euro pro Semester.

Dafür ist das Leben in der irischen Hauptstadt kein Schnäppchen. Ein WG-Zimmer kostet rund 400 bis 600 Euro pro Monat, ein Abendessen in einem gewöhnlichen Restaurant etwa 30 Euro.

Ein Grund für die hohen Preise ist das enorme Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre, das dem Land den Spitznamen "Keltischer Tiger" verpasste. Wie keine zweite Nation profitierte Irland vom Zusammenwachsen Europas und vom Dienstleistungs- und Finanzboom.

Dabei war die Grüne Insel einst das Armenhaus Westeuropas. Hunderttausende wanderten aus, bis in die siebziger Jahre ging das. Insgesamt war die Bevölkerung innerhalb zweier Jahrhunderte von acht Millionen auf gut vier Millionen geschrumpft. Doch die Zeit des Aderlasses ist vorbei: Viele junge Einwanderer zog es im vorigen Jahrzehnt nach Irland; jetzt hat man hier mit 33 Jahren das niedrigste Durchschnittsalter Europas. Draußen vor den Toren des Trinity College ist sichtbar, wie sehr sich das Land gewandelt hat. Auf der Grafton Street gibt es teure Boutiquen, ringsum hippe Bars, und die vielen dicken Autos passen kaum auf die engen Straßen.

Vor 1970 mussten Katholiken draußen bleiben

Angesichts des urbanen Trubels außerhalb seiner Mauern wirkt das Trinity College umso mehr wie eine "Oase inmitten der Stadt" - so nennt ein Uni-Gärtner seinen Arbeitsplatz. "Hier gibt es seit Jahrhunderten Ruhe." 1592 hat Königin Elisabeth I. die Hochschule für protestantische Studenten gegründet. Selbst als Irland 1921 seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte, änderte sich nicht viel: Das College war durch und durch protestantisch, die katholische Kirche verbot ihren Anhängern bis 1970, Trinity zu besuchen.

Der "Long Room": Pracht der Bibliothek

Der "Long Room": Pracht der Bibliothek

Foto: DDP

Der Zwist zwischen den Konfessionen, das ewige Leid auf der irischen Insel, war auch an der Universität spürbar. "Heute spielt hier Religion keine Rolle mehr", sagt Jürgen Barkhoff. Die zum großen Teil britische Geschichte des College teilt sich jedoch noch immer mächtig mit. Beim "Commons Dinner", einem feierlichen Abendessen, beten die Studenten jeden Abend auf Latein und schließen dabei Königin Elisabeth I. in ihre Fürbitten ein. Rund 350 Studenten dürfen zu dem Mahl in den Speisesaal von 1761 kommen, es gibt drei Gänge und ein Glas Guinness. Die Auserwählten haben durch besonders gute Leistungen den Status eines "Scholar", eines Stipendiaten der Universität, erlangt. Sie bekommen nicht nur das Abendessen frei Haus, sondern zahlen auch keine Semestergebühren und dürfen umsonst auf dem historischen Campus wohnen.

Lernen an der Uni von Oscar Wilde und Samuel Becket

Silvia Schmidt, 23, hat diese Privilegien ebenfalls erworben. Die Deutsche studiert Jura und Französisch und kam vor vier Jahren nach Dublin. Mit den altertümlich wirkenden Zeremonien hat sie keine Probleme. "Das gibt mir ein Gefühl der Kontinuität", sagt sie. "Vor mir haben das Tausende gemacht, und nach mir werden viele weitere kommen."

Das Traditionsbewusstsein hat kaum Kratzer; wer am Trinity studiert, fühlt sich zurückversetzt in die Zeit, als hier die Schriftsteller Samuel Beckett oder Oscar Wilde lernten. "In Irland gab es keine 68er, die mit der Vergangenheit brechen wollten", erklärt Jürgen Barkhoff. Von einer elitären Atmosphäre sei man aber weit entfernt. "Bei den Iren ist Snobismus verpönt."

Und so bietet das Trinity College eine Mischung aus britischem Flair und der lockeren irischen Art, gewürzt mit einem Hauch amerikanischer Fröhlichkeit. "Wir sind hier am Westzipfel Europas. Bis nach Amerika sind es nur sechs Stunden Flugzeit", sagt Silvia Schmidt. Viele Professoren kommen aus den USA, haben in Harvard oder an einer anderen Ivy-League-Universität studiert. Vier Jahre dauert am Trinity ein Bachelor-Studiengang, der Master nur ein Jahr. Für deutsche Bachelor-Absolventen ist das interessant: Trotz der kurzen Studienzeit haben die Master-Abschlüsse in Europa und den USA einen guten Ruf.

Ausgleich vom Studienstress holen sich die Trinity-Studenten an langen Sandstränden und Steilküsten, die nur 20 S-Bahn-Minuten von Dublin entfernt liegen. Im Winter ist es wegen des Golfstroms bedeutend wärmer als in Deutschland. Ansonsten erfüllt das irische Wetter oft die Erwartungen: Es regnet viel. Das verleitet bisweilen zu eigenwilligen meteorologischen Betrachtungsweisen, wie sie beispielsweise der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll in seinem "Irischen Tagebuch" anstellte. "Man kann diesen Regen schlechtes Wetter nennen, aber er ist es nicht. Er ist einfach Wetter, und Wetter ist Unwetter."

Böll löste Mitte der fünfziger Jahre einen Ansturm deutscher Touristen auf die Grüne Insel aus, und Dublin blieb ein beliebtes Reiseziel. Wer als Student morgens über den Campus zu einer Vorlesung hetzt, muss sich den Weg durch Touristenströme bahnen. "Es ist ein bisschen so, als ob man in einem Museum studierte", sagt Sabrina Marks. "Ich empfinde das als großes Privileg."