Börsenschluss Nemax 50 fällt unter 1000 Punkte
Frankfurt am Main Am Donnerstag war es endlich soweit: Nachdem Händler wochenlang darauf spekulierten, dass der Nemax 50 unter die 1000-Punkte-Linie fallen würde, rutschte der Auswahlindex des Neuen Marktes am Nachmittag auf 999,01 Punkte, ein Minus von über sieben Prozent. Bis zum Handelsschluss ging es dann wieder leicht nach oben, mit einem Minus von 5,5 Prozent auf 1021 Punkten präsentierten sich die einstigen Wachstumswerte aber immer noch sehr schwach. Börsianer werteten es jedoch als positiv, dass die befürchtete Panik ausblieb. Die schwachen Umsätze würden auch der Theorie eines Ausverkaufs widersprechen, hieß es. Der Dax verlor 2,7 Prozent auf 5162 Zähler und schloss damit nahe seines Tagestiefs von 5157 Punkten.
Ähnlich katastrophal verlief der Börsentag in den USA, wo die Aktienmärkte jeweils wichtige psychologische Marken nach unten durchbrochen hatten. Der Dow Jones rauschte unter 10.000 Punkte und notierte zum Handelsschluss in Deutschland mit 1,5 Prozent im Minus bei 9937 Zählern. Die Nasdaq gab 3,5 Prozent auf 1778 Punkte nach.
Auslöser für den Kursverfall waren Hiobsbotschaften großer US-Technologiekonzerne: Sun Microsystems, AMD und Altera warnten am Mittwoch nach Börsenschluss vor geringeren Erträgen und zeichneten ein düsteres Konjunkturbild. Zudem veröffentlichte das US-Handelsministerium negative Konjunkturdaten. Der private Verbrauch in den USA habe sich im Juli auf 0,1 Prozent verlangsamt, hieß es. Dies war der kleinste Zuwachs seit Oktober. Im Juni lag die Steigerung noch bei 0,5 Prozent. Das durchschnittliche Einkommen der Amerikaner stieg dagegen um 0,5 Prozent, der höchste Anstieg seit Dezember. Im Juni lag die Rate bei 0,4 Prozent.
Die europäischen Börsen konnten sich trotz der am Nachmittag bekannt gegebenen Zinssenkung der EZB nicht dagegen stemmen. Der Aktienmärkte reagierten mit Abschlägen, weil eine Zinssenkung um 0,25 Prozent möglicherweise als zu wenig empfunden wird, um effektiv zu sein, sagte Andreas Kehl, Händler bei der Deutschen Bank. Ein anderer Händler sagte, die Kursverluste spiegelten auch die "Nervosität des Marktes" wider. "Wir sind orientierungslos, eine nachhaltige Einschätzung des Marktgeschehens ist kaum jemanden noch möglich", hieß es auf dem Parkett.
Zudem warnte EZB-Präsident Wim Duisenberg vor einem schwächeren Wirtschaftswachstum als bislang erwartet. Die EZB habe das Ausmaß der US-Wirtschaftsschwäche unterschätzt, sagte Duisenberg.
Münchener Rück übertrifft Erwartungen
Als einziger Dax-Wert hat die Münchener Rück den Börsentag unbeschadet überstanden und legte marginal um 0,1 Prozent auf 315,90 Euro zu. Der weltgrößte Rückversicherer hat seinen Gewinn in den ersten sechs Monaten 2001 binnen Jahresfrist verdoppelt und übertraf die Erwartungen der Analysten. Alle anderen Titel im Blue-Chip-Index schlossen dagegen im Minus.
Größter Verlierer war die T-Aktie , die sich um 5,7 Prozent auf 16,78 Euro verbilligte. Offenbar lasten die Unsicherheiten über den Rückfluss an T-Aktien nach der Voicestream-Übernahme nach wie vor wie Blei auf dem Aktienkurs. Auch Unsicherheiten über den Kabelnetzverkauf drückten anscheinend auf das Papier: Der Verkauf des an den US-Medienkonzern Liberty Media wird sich nach Informationen des "Handelsblattes" weiter verzögern.
Im Sog der schlechten Nachrichten aus den USA verloren die Technologiewerte deutlich: Die Anteilsscheine von Siemens (minus 5,7 Prozent auf 55,31 Euro), SAP (minus 4,9 Prozent auf 148,50 Euro), Epcos (minus 4,5 Prozent auf 43,10 Euro) und Infineon (minus 4,2 Prozent auf 25 Euro) präsentierten sich sehr schwach.
Die angekündigte Konkurrenz für die Deutsche Post im Briefgeschäft durch acht Verlage und Tageszeitungen drückte die Aktie der Post um 2,4 Prozent auf 16,54 Euro. Die "FTD" berichtete zudem, die Post-Tochter DHL International habe im ersten Halbjahr vermutlich rote Zahlen geschrieben. Dies gehe aus dem Halbjahresbericht der Deutschen Lufthansa hervor, die mit einem Minderheitsanteil an dem Luftexpressunternehmen beteiligt ist. Mit einem negativen Ergebnis aus ihrer 25-Prozent-Beteiligung an DHL rechtfertige die Lufthansa ihr schlechtes Finanzergebnis. Die Deutsche Post besitzt die Mehrheit an DHL, bislang ist das Tochterunternehmen aber noch nicht voll in die Bilanz des Bonner Konzerns einbezogen.
Neuer Markt: T-Online schwer unter Druck
Am Neuen Markt geriet das Schwergewicht T-Online einen Tag nach der Halbjahresbilanz immer stärker unter Druck und schloss rund zehn Prozent auf 7,33 Euro im Minus. Die US-Investmentbank JP Morgan hat das Kursziel für die Aktie des Internet-Anbieters T-Online International von 10,50 auf 6,30 Euro gesenkt.
Auch die Papiere des E-Commerce-Softwareherstellers Broadvision gaben wieder nach. Nachdem die Aktien am Vortag an der Nasdaq um acht Prozent gefallen waren, verbilligten sich die Titel in Frankfurt um 20 Prozent auf 1,63 Euro.
Die Aktien der Kinowelt Medien verloren elf Prozent auf 0,80 Euro. Gerüchte um eine mögliche Insolvenz reißen einen Tag vor Veröffentlichung der Quartalszahlen nicht ab. Das "Handelsblatt" berichtet von einem möglichen Verkauf der profitablen DVD-Sparte, dem Tafelsilber des Unternehmens.
Kurs des Euro schwankt stark
Nach der Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) um 0,25 Prozentpunkte war die europäische Gemeinschaftswährung zwischenzeitlich bis auf 0,9132 Dollar gestiegen, verlor dann wieder stark und erholte sich bis 20 Uhr auf 0,917 Dollar. Die EZB hatte am Nachmittag den Referenzkurs auf 0,9095 (Mittwoch: 0,9122) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 2,1504 (2,1440) Mark.