meinung •Zwei-Grad-Ziel beim Klimaschutz Von wegen Humbug
Zwei-Grad-Ziel: Unrealistisch?
Foto: Patrick Pleul/ dpaZugegeben, es ist ein gewagter Vergleich. Doch wirft man am Donnerstagmorgen einen Blick auf die Webseite des Uno-Klimasekretariats , fühlt man sich zumindest als Ostdeutscher ein wenig an die DDR-Parteizeitung "Neues Deutschland" erinnert. Eine Jubelmeldung reiht sich an die nächste. Besser geht's gar nicht.
Da wird eine "überraschende" Statistik präsentiert, wonach 70 Prozent der befragten Weltbürger glauben, dass Klimaschutz ihre Lebensqualität verbessert. Da rechnet das Uno-Umweltprogramm vor, dass allein Städte, Unternehmen und Industriesektoren bis zum Jahr 2020 1,8 Gigatonnen CO2 einsparen können. Dazu Durchhalteparolen vom früheren Uno-Boss Kofi Annan und zwei Ex-Staatschefs aus Brasilien und Chile. Und Äthiopien wird dafür gefeiert, seine Klimaziele veröffentlicht zu haben.
Alles in Ordnung also bei den emsigen Klimadiplomaten? Nein, natürlich nicht.
In Äthiopien, zum Beispiel, entstehen gerade einmal 70 Kilogramm CO2 pro Kopf und Jahr. Das ist noch nicht einmal ein Hundertstel des deutschen Wertes. Schwergewichte wie China, Indien oder Brasilien haben dagegen immer noch nicht erklärt, wie sie denn nun Klimagase einsparen wollen.
Und in Bonn geht am Donnerstag ein weiteres Vorbereitungstreffen für den Klimagipfel Ende des Jahres in Paris zu Ende. Organisiert wird es von eben jenem notorisch optimistischen Uno-Klimasekretariat. Die Erfolge sind bisher - gelinde gesagt - überschaubar. Wieder einmal.
Gebetsmühlenartig wird auf solchen Treffen das Ziel wiederholt, die Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen - auch wenn bei vielen Akteuren der politische Wille dazu erkennbar fehlt. Da helfen auch Erklärungen wie jene nach dem G7-Gipfel von Elmau nicht viel. Ohnehin gibt es längst Forscher, die an der Machbarkeit des Zwei-Grad-Ziels zweifeln.
Sollte die Menschheit sich also ehrlich machen - und vom scheinbar unrealistischen Zwei-Grad-Ziel verabschieden? Nein, so einfach ist die Sache wohl nicht.
Alternativen zum Zwei-Grad-Ziel müssen ambitioniert sein
Auf Klimagipfeln haben sich vor allem kleine Inselstaaten und andere Entwicklungsländer sogar für ein Ziel von anderthalb Grad stark gemacht - weil sie Angst um ihre bloße Existenz haben (Stichwort: Anstieg des Meeresspiegels). Mit welcher moralischen Grundlage sollte man ihnen jetzt eigentlich erklären, dass man selbst zwei Grad für Humbug hält? Vor allem wenn man ihnen auch sonst keine Perspektive anbietet. Schließlich sind langfristige Hilfen zur Anpassung an den Klimawandel noch immer knapp.
Wer das Zwei-Grad-Ziel ernsthaft kippen will, muss alternative Vorgaben anbieten, an denen sich die Menschheit beim Kampf gegen den Klimawandel orientieren soll. Denn dieser - und das muss klar gesagt sein - stoppt nicht, nur weil sich Akademiker und Entscheidungsträger über Strategien zu seiner Bekämpfung streiten.
Mögliche Alternativen zum Zwei-Grad-Ziel müssen ambitioniert sein, wissenschaftlich halt- und politisch fassbar. Nur so kann die Öffentlichkeit darüber befinden, ob der Kampf gegen die Erderwärmung - das wohl wichtigste globale Thema des 21. Jahrhunderts - noch auf Kurs ist.
Solche Ziele sind nicht einfach zu definieren. Genau das ist der Grund, warum die magische Zwei-Grad-Marke in den vergangenen zwei Jahrzehnten so gern genutzt wurde. Was sie bedeutete, glaubte beinahe jeder begriffen zu haben.
Eine der möglichen Ideen für die Zukunft ist, ein kurzzeitiges Überschreiten der Zwei-Grad-Marke zuzulassen - wenn sich die Erderwärmung danach wieder unterhalb dieses Wertes einpendelt. Dieser Vorschlag, Overshoot genannt, verbietet sich vielleicht nicht per se. Wer aber so diskutiert, muss es ehrlich meinen. Er muss das Problem nicht einfach nur auf den Sankt-Nimmerleinstag verschieben wollen - und muss stattdessen klare Strategien haben: wie Energieversorgung, Industrie und Transportsektor bis zur Mitte des Jahrhunderts kohlenstoffarm werden, wie Entwicklungsländer bis dahin bei der Anpassung zu unterstützen sind - und das alles bei einer weiter stark steigenden Weltbevölkerung.
Kurz gesagt: Er muss eine ernst gemeinte Antwort auf die Frage liefern, welche Welt wir zukünftigen Generationen hinterlassen wollen. Und er muss erklären, was er selbst dafür zu tun und zu lassen bereit ist.