Missing Link: Computer und Wahlen – verwählt, verrechnet und vergessen
Wahlen sind manchmal eine komplizierte Sache, Wahlprognosen sind noch komplizierter. Seitdem Computer dabei helfen, halfen sie nicht immer.
(Bild: Anton Watman/Shutterstock.com)
In einem komplizierten Auszählungsverfahren hat Joe Biden wohl die Mehrheit der "Wahlmänner"-Stimmen in den USA gewonnen und beim Popular Vote mit einem Vorsprung von 4 Millionen Stimmen einen neuen Rekord aufgestellt. Was Joe Biden nicht geschafft hat, war der von Wahlforschern prognostizierte Erdrutschsieg gegen Trump; diese Biden zeitweilig einen Vorsprung von 10 Prozentpunkten prognostizierten.
Prompt erschienen Artikel, die von einem "Debakel der Demoskopie" berichteten. Dabei zeigt die Geschichte der US-amerikanischen "Pollster" wie der deutschen Meinungsinstitute, dass Wahlprognosen häufig danebenlagen. Mitunter spielten Computer dabei eine interessante Rolle.
Ein Analytiker liegt falsch
Die kleine Geschichte der Wahlen und Wahlprognosen beginnt im Jahre 1948, als die Wähler in den USA die Wahl zwischen Harry S. Truman von den Demokraten und Thomas E. Dewey von den Republikanern hatten. Die damals führenden Wahlforschungsfirmen von George Gallup, Elmo Roper und Archibald Crossley sagten ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. Ganz ohne Wählerbefragung und statische Auswertungen agierte der Wahlanalytiker Arthur S. Henning. Er hatte viermal in den letzten fünf Präsidentschaftswahlen korrekt den späteren Sieger vorhergesagt, entschied sich frühzeitig für Dewey als Gewinner der Wahl und legte sich auf einen Erdrutschsieg für den Republikaner fest.
Nun war Henning nicht nur Analytiker, sondern Korrespondent der einflussreichen Chicago Daily Tribune. Bei diesem Blatt streikten die Setzer der Linotype-Maschinen, was zur Folge hatte, dass die Zeitungsseiten im Handsatz gebaut und dann fotografiert werden mussten, ein langwieriger Prozess, bei dem bis zum Andruck viele Stunden Zeit verloren gingen. Nach der Wahl erschienen die ersten Ausgaben der Tribune mit der Meldung "Dewey Defeats Truman" gemäß der Prognose von Henning. Als die ersten Meldungen eintrafen, die von hohen Stimmengewinnen für Truman berichteten, blieb Henning bei seiner Meinung und hielt sie für Ausreißer.
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Erst für die Abendausgabe der Tribune wurde die Titelgeschichte der Zeitung umgeschrieben, als der Erdrutschsieg von Truman absehbar wurde: "Democrats make sweep of State Offices" hieß es. Schließlich holten sich die Demokraten auch die Mehrheit im Senat und Repräsentantenhaus. Truman kam auf 303 Wahlmänner-Stimmen, Dewey auf 189.
Frühe Katastrophe für Wahlforscher
Die Fehlleitung der Chicago Daily Tribune, von der viele kleinere Zeitungen abschrieben, wurde verewigt, als Harry Truman zwei Tage nach der Wahl (so lange dauerte die Auszählung 1948) in seinem Eisenbahnabteil nach Washington fuhr und für die Fotografen ein Exemplar der Tribune mit der Falschmeldung in der Hand hielt. Doch auch für die Wahlforscher von Gallup und Co war die Präsidentschaftswahl eine Katastrophe. Schließlich hatte man ein dramatisches Rennen mit engem Ausgang prognostiziert.
Bei der Suche nach den Fehlern einigte man sich auf die Ansicht, die Befragung der Wähler zu früh abgeschlossen zu haben. Anlässlich der nächsten Präsidentschaftswahl sollten sie direkt nach der Stimmabgabe befragt werden, damit die Prognose noch vor der Auszählung der Stimmen korrigiert werden kann.
Ein Computer in der Fernsehsendung
Bei der nächsten US-Wahl kamen gleich zwei Neulinge zu ihren ersten Einsätzen. Der spätere Star-Journalist Walter Cronkite moderierte seinen ersten TV-Einsatz bei CBS im Wahlkampf zwischen dem Republikaner Dwight D. Eisenhower und dem Demokraten Adlai Stevenson. Bei der ersten TV-Sendung, die von Küste zu Küste ausgestrahlt wurde, musste sich Cronkite das Bild mit einem anderen Gesicht teilen, der Steuerkonsole eines Univac-Rechners. Bei der Wahl sollten erstmals die Hochrechnungen eines Computers die Prognosen der Wahlforscher ergänzen.
Das Gesicht, vor dem der Außenreporter Collingwood in einem TV-Studio in New York saß, war ein Mockup. Der echte Rechner stand in Philadelphia, umgeben von einer Crew von Programmierern. Der Journalist gab sich alle Mühe, den Zuschauern das "Elektronen-Gehirn" zu erklären: "Rechts von der Univac sehen sie etwas, was wie eine Schreibmaschine aussieht. Auf diese Weise spricht der Univac. Jetzt summt er still vor sich hin und wartet auf die Zahlen." Als die Zahlen eintrafen und Univac sie mit einem Statistik-Verfahren berechnete, legte sich der Rechner frühzeitig auf einen Sieg des Republikaners Eisenhower fest, der den Verantwortlichen von CBS politisch nicht genehm war. TV-Moderator Cronkite erklärte in der Sendung, dass der Computer mit dem Rechenproblem nicht fertig werden würde. Erst nach der Wahl von Eisenhower wurde bekannt, dass Univac richtig gerechnet hatte und so stieg Univac zu einer nationalen Berühmtheit auf und wurde zum Synonym für Computer schlechthin.
Isaac Asimov und der "Wähler des Jahres"
Die Geschichte von Univac beeindruckte einen Autor, der sich bislang nur mit Robotern und Außerirdischen beschäftigt hatte: Isaac Asimov schrieb 1955 die Geschichte vom Computer Multivac, der sich ganz im Sinne des Turing-Tests mit einem ausgewählten Menschen unterhält und ihn zu verschiedenen Themen befragt. Aus den Antworten des Menschen errechnet Multivac alsdann, wer der nächste US-Präsident wird. In der Kurzgeschichte "Franchise" ist es ein gewisser Norman Muller aus Bloomington im US-Bundesstaat Indiana der "Wähler des Jahres", der im Jahre 2008 den nächsten Präsidenten wählt. "Es ist der Höhepunkt der elektronischen Demokratie, wenn ein Volk einen einzigen bestimmt, das freie Wahlrecht für alle auszuüben" heißt es sarkastisch bei Asimov in der Geschichte, die hier im Volltext gelesen werden kann.
Ein Schuss auf diesen Computer und die ganze schöne Demokratie wäre im Eimer. Doch wer kann solche friedlosen Gedanken haben? "Don't shoot the messenger", heißt es im Amerikanischen, was sich im Deutschen dann so anhörte: "Schießen sie nicht auf den Computer!" Es war der Sendeleiter Werner Höfer, der in der Sondersendung zur Bundestagswahl 1965 den Computer schützen wollte, eine IBM 1620, die der kettenrauchende Moderator Rudolf Rohlinger nur "meinen Freund" nannte.
Sensation: "Mr. Computer" liefert Vorhersage
Der erste "Mr. Computer" der bundesdeutschen TV-Geschichte konnte bereits um 21:43 Uhr die erste Hochrechnung des Computers präsentieren und um 22:25 Uhr sogar das Endergebnis auf der Basis von 59 ausgezählten repräsentativen Stimmbezirken. Das war eine Sensation. Bis zum 19. September 1965 ging man wählen, legte sich ins Bett und erfuhr im Laufe des nächsten Tages, wer die Wahl gewonnen hatte. Das änderte sich mit einem Schlag, als noch in der Nacht bekannt wurde, dass die CDU/CSU gewonnen hatte, aber mit der FDP koalieren musste, um eine tragfähige Regierung zu stellen. Die SPD und ihr Fraktionschef Fritz Erler, die den Prognosen nach gewinnen sollte, war entsprechend sauer. Erler wetterte im Studio über den neumodischen Zauber mit einem Rechner, den Werner Höfer in Schutz nahm.
Politische Geschichte und technische Erzählung
Es war der Arzt und Soziologe Alexander Mitscherlich, der die Idee hatte, einen Computer zur Hochrechnung der Wahlergebnisse einzusetzen. Mitscherlich wollte das Interesse der Deutschen an Wahlen fördern und so eine Stärkung der Demokratie erreichen: "Wer die Wege kennt, auf denen die Meinungsbeeinflussung durch die Massenmedien zustande kommt, weiß, dass sie dunkel und verwirrend sind", schrieb er 1961. Also musste Aufklärung her, am besten durch Zahlen und Statistiken.
Die Geschichte der Wahlberichterstattung (PDF-Datei) ist daher ein Stück politische Geschichte und nicht nur eine technische Erzählung der Materialschlachten der Fernsehanstalten, begleitet von immer leistungsfähigeren Rechnern und zunehmend besserer Software und grafischen Darstellungen. Wobei auch bei der Wahlberechnung die Zeit der Großrechner recht schnell zu Ende ging. Sie wurden in den 80er Jahren durch leicht zu transportierende PC-Netze ersetzt, was sich als enormer Vorteil herausstellte, als 1990 die erste freie Wahl zur Volkskammer der DDR begleitet werden musste.
Fehler und Eifersüchteleien
Was über all die Jahre hinweg immer wieder vorgekommen ist, sind fehlerhafte Prognosen und Eifersüchteleien unter den verschiedenen Meinungsforschungsinstituten. Das spielte schon bei der Bundestagswahl von 1965 eine Rolle, als der Computer erstmals mit von der Partie war. In der Retro-Mediathek kann man sehen, wie der umstrittene Wahlforscher Günter Wickert gegen die Konkurrenz stichelt.
(tiw)