Kommentar: Adieu, Verbrenner
Völlig klar: Verbrennungsmotoren sind die größten Schädlinge der Welt, nachgerade Weltenvernichter, das Auto die rollende Klimakatastrophe. Aber, liebe Gemeinde, etwas mehr Pietät bei der Grabrede halte ich für angebracht.
- Detlef Grell
De mortuis nihil nisi bene – über Tote soll man nur Gutes sagen. Nur, was kann man denn heute noch Gutes über den Verbrennungsmotor sagen? Klar, das Auto hat uns Freiheit und Abenteuer gebracht, aber auch ordentlich Dreck und Krankheit, genau wie die ähnlich beworbenen Zigaretten. Muss ich daher nun auch mein gut vierzig Jahre währendes „Zusammenleben“ kommentarlos, einfach so beerdigen? Das kann ich nicht. Gewähren Sie mir stattdessen zum Abschied den Blick durch die rosarote Ingenieursbrille.
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„Na, Detlef, Dein nächstes Auto ist doch bestimmt ein Elektroauto. Müsste Dich der Tesla Model S nicht reizen?“ Das wurde ich schon etliche Male gefragt. Gern auch mit dem Zusatz „... wo Du doch Elektrotechnik-Ingenieur bist.“ Größer kann der Irrtum gar nicht sein. Gerade weil ich Elektrotechniker bin, finde ich E-Autos – grottenlangweilig.
Elektrisieren geht anders
Als ich neun Jahre alt war, bekam ich ein „fernsteuerbares“ Spielzeugauto geschenkt, das, wie damals üblich, über einen Bowdenzug im Handsteuergerät mechanisch gelenkt wurde. Für die „Längsdynamik“ gab es je einen Knopf für vorwärts und rückwärts. In dem Steuerkästchen befanden sich auch zwei Monozellen als Energiespeicher.
So ein Auto war Anfang der 1960er-Jahre ein teurer Spaß, weshalb meine Eltern ob meines Forscherdrangs überhaupt nicht begeistert waren, als ich das nach nur zwei Monaten total zerlegt hatte. Seither gelte ich als „der Junge, der alles kaputtmacht“, egal wie oft ich im elterlichen Haushalt Lampen, Installationen oder auch Fernseher repariert habe.
Trivialkram
Der Elektromotor wurde seinerzeit nicht aus Selbstzweck dem Auto entnommen, sondern unmittelbar einem höheren Zweck zugeführt, nämlich zum Betrieb der Seilwinde in meinem per Stabilbaukasten selbstgebauten Turmdrehkran.
Ich hatte mit neun Jahren weder studiert noch galt ich als sonderlich genial oder hochbegabt. Soll heißen: Das Zusammenfügen einer Batterie mit einem Elektromotor ist im Grundsatz hochgradig trivial und gelingt sogar einem Neunjährigen und damals auch ganz ohne Lötkolben über eine simple Litzen-Verknotungstechnik.
Doch bevor ich nun von einem Storm aus Shit begraben werde: Selbstverständlich ist die Konstruktion eines verkehrstauglichen Autos mit vernünftiger Reichweite, Sicherheits- und Infotainment-Ausstattung, sicheren und komfortablen Fahrwerk weiterhin keineswegs trivial. Diese Autos haben auch ganz tolle fahrdynamische Werte. Aber ...
Straßenbahn heiratet Auto
Als ich in den 1970ern E-Technik studierte, gab man im Institut für Elektromaschinen freimütig zu, dass der Elektromotor eigentlich ausentwickelt ist. Der gesamte Fortschritt spiele sich nur noch in der Ansteuerungs- und Regelungselektronik ab. Das ist nicht wirklich verwunderlich, denn gebrauchsfähige Elektromotoren gibt es bereits seit 1834, mithin seit fast 200 Jahren.
Elektrofahrzeuge begleiten uns ja nun weiß Gott schon viele, viele Jahre durch unseren Alltag. Sie sind so selbstverständlich, dass niemand sie mehr explizit als solche wahrnimmt: ICEs, Straßen- und U-Bahnen oder auch Oberleitungsbusse sind Elektrofahrzeuge, ebenso Auto-Scooter und viele Gabelstapler. Wie die derzeit führenden E-Autos etwa von Tesla haben selbst unsere hannoverschen Stadtbahnen mittlerweile eine Anfahrbeschleunigung, dass man auf den Stehplätzen besser beide Hände zum Festhalten nimmt. Bei E-Autos ist nun lediglich das Problem mit den Batterien und der immer noch vergleichsweise geringen Reichweite neu. Der Rest ist eigentlich kalter Kaffee, der entweder aus dem Auto oder der Straßenbahn stammt.
Der Verbrenner, der hatte Pepp
Das ist bei Autos mit Verbrennungsmotor ganz anders. Schon das Grundprinzip „Hubkolbenmotor“ in einen Antrieb zu verwandeln, der ein Auto gleichmäßig vorwärts und rückwärts fahren lässt, ohne dass man jeden einzelnen Hub im Allerwertesten spürt, ist eine Meisterleistung. Fahrer historischer Traktoren mit nur einem Zylinder wissen bestens, was ich meine. Zweitakter, Viertakter, Reihen-, V- oder Boxermotoren. Oder so was Abgefahrenes wie der Sternmotor, wie er früher in Flugzeugen eingesetzt wurde. Alle Zylinder in derselben Ebene, alle Pleuel zielen auf dieselbe Stelle auf der Kurbelwelle! Die Lösung ist so simpel wie genial. Die verschiedenen möglichen Treibstoffe, die alle ihre eigene Forschung und Infrastruktur erfordern: Benzin, Diesel, synthetischer Kraftstoff, Alkohol, Gas, Wasserstoff.
Wunderbare Zahnräder
Oder zum Beispiel die faszinierende Geschichte der Ventilsteuerung: Königswelle, unten oder oben liegende Nockenwelle. Verstellbare Nockenwellen. Brennverfahren, die zur Effizienzsteigerung optimiert werden, Miller, Selbstzünder, Schichtladungen, Wassereinspritzung, raumfüllende Zündvorrichtungen, Brennraumoptimierungen, Alu-Kolben, gehonte oder veredelte Laufflächen im Zylinder zur Reibungssenkung – ich belasse es hier bei dieser Stichwortsammlung, die ich noch endlos weiterführen könnte. Der Verbrennungsmotor ist so vielfältig, dass man eigentlich gar nicht im Singular von ihm sprechen sollte. An Verbrennungsmotoren gibt es auch nach über 100 Jahren Existenz noch so viele Schräubchen und Rädchen, mit deren Hilfe ihn die Entwickler optimieren können.
Wunderbare Zahnräder
Nicht zu vergessen die unzähligen Innovationen bei den Getrieben! Wo der Elektroantrieb bestenfalls mit einem Zweiganggetriebe langweilt, da erweist sich die moderne Wandlerautomatik als wahres Wunderwerk. Ok, ganz sicher nicht die ollen 3-Gang-Gurken, wie man sie aus Ami-Oldies oder Opel Admiral kennt und die ich noch in meinem Golf 2 erdulden musste. Nein, mir ist seinerzeit echt die Kinnlade runtergeklappt, als ZF erklärte, dass der Übergang vom 5-Stufenwandler zum 6-stufigen rund ein Fünftel der Bauteile einsparte: Weniger Schaltelemente, weniger Radsätze, weniger Masse und weniger Bauraum. Ich habe seinerzeit nicht gewusst, dass neue Planetenradsätze wie Lepelletier oder der diesem zugrundeliegende Ravigneaux patentfähige Erfindungen waren. Erfindungen im Maschinenbau noch in unserem Jahrhundert! Respekt!
Das Gegenteil von langweilig
Genau diesen Respekt empfinde ich als E-Techniker vor Autos mit Verbrennungsmotoren. Dieses Ineinandergreifen so vieler kleiner und großer Finessen, die uns dennoch heute Fahrzeuge bescheren, die etliche 100.000 km mit nur einem Motor überdauern. Die geschmeidig sind, leise, komfortabel, kraftvoll und auch von Generation zu Generation sparsamer und, ja, letztlich auch immer ein bisschen weniger umweltbelastend geworden sind. Das ist für mich das Gegenteil von langweilig, hier fanden tolle und spannende Entwicklungen statt. Ein paar vielleicht sogar heute noch.
Ich mochte diese Dinger. Aber öffentlich drüber reden? Nun, da flüchte ich mich halt aufs Oldtimergleis und nenne es nurmehr Liebhaberei. Aber zu der stehe ich. Was mich zu meinem Schlusswort bringt, einem Zitat von Beatrix Kiddo (Kill Bill 2): „Vielleicht, weil ich ein schlechter Mensch bin?“ (gr)