Kommentar: Tempolimit-Diskussion am Begrenzer | heise autos

Kommentar: Tempolimit-Diskussion am Begrenzer

In schöner Regelmäßigkeit wird in Deutschland über ein Tempolimit gestritten. Die Argumente dafür und dagegen sind aus früheren Debatten weitgehend bekannt. Liegt die einzige Lösung, die verbitterte Diskussion zu beenden, in einer Utopie? Ein Kommentar

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(Bild: Polizei Bayern)

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Inhaltsverzeichnis

Die Diskussion um ein allgemeines Tempolimit flammt mit einiger Zuverlässigkeit alle paar Jahre wieder auf. Wirklich neue Einlassungen sind selten, und so werden die bekannten einfach frisch serviert. Der ADAC ist ebenso erwartungsgemäß dagegen wie Umweltverbände dafür. Beide Seiten führen dann Argumente auf, im Idealfall unterfüttert mit Studien, die belegen, dass die eigene Sicht auf die Dinge ganz unzweifelhaft die richtige sein muss.

Wie in so vielen aktuellen Diskussionen vertiefen sich auch hier die Gräben, was einen sinnvollen Kompromiss erschwert. Das ist schade, denn vielleicht ist eine Entscheidung doch gar nicht so kompliziert, wie es die unversöhnlichen scheinenden Argumentatoren vermuten lassen. Zumindest in der Theorie.

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Auf knapp 40 Prozent aller deutschen Autobahnen soll es aktuell ein dauerhafte oder temporäres Tempolimit geben, sagt der ADAC. Wichtig wäre, dass dies konsequenter als bisher überwacht wird.
(Bild: Polizei Bayern)

Es ist schon ein paar Jahre her, da fuhr ich an einem sehr frühen Samstagmorgen von der neuen in die alte Heimat, eine Strecke von rund 600 Kilometern. Wetter und Straße waren hervorragend, der Verkehr kaum der Rede wert. Wo möglich, lag das Tempo zwischen 160 und 180 km/h, was bei den damaligen Verhältnissen stressfrei war: Kein Drängeln, ein höflicher Umgang miteinander, Einhaltung des Rechtsfahrgebotes – zwischendurch hatte ich den Eindruck, es wären nur umsichtige Fahrer am Steuer. Es war mir eine Freude. Ein klares Bekenntnis gegen ein Tempolimit, meinen Sie? Nun, so einfach ist die Sache nicht.

Denn das Gegenbeispiel ist der Alltag, den viele kennen. Ganz extrem wurde mir das auf der Autobahn A7 Richtung Flensburg bewusst. Vor der Grenze nach Dänemark hatten es viele eiliger, als es die Verhältnisse zuließen, dahinter war die Sache urplötzlich vollkommen entspannt. Kein Wunder, die skandinavischen Länder haben nicht nur den Ruf, Tempolimits gut zu überwachen, sondern Verstöße auch drakonisch zu bestrafen. Ich befürworte diese Kombination ausdrücklich und vermisse sie in Deutschland schmerzlich.

Wo ein Tempolimit gilt, sollte es knackscharf überwacht werden. Hier schreibt nicht etwa ein Engel, auch ich bin schon erwischt worden. Dabei habe ich den Klassiker, nachts vor einem Kindergarten mit 36 km/h ertappt zu werden, auch erlebt. Auf meine Frage, ob dies tatsächlich der Sicherheit der Kinder dient, bekam ich die Antwort, Regeln seien da, um befolgt zu werden. Das ist zweifelsohne absolut korrekt, die Akzeptanz gegenüber Kontrollen hebt es eher nicht, was ich schade finde.

Das Problem sind jedoch nicht diejenigen, die nachts vor Kindergärten unverfroren sechs Kilometer pro Stunde zu flink sind oder auf einer verkehrsarmen Autobahn Tempo 160 fahren. Sondern die, die im dichten Verkehr unbedingt 10 bis 15 km/h schneller sein müssen als der Rest, warum auch immer. Das lässt sich im übrigen auch auf Landstraßen übertragen, wo mehr Unfälle passieren als auf der Autobahn. Auf meiner täglichen Pendelstrecke über Land erlebe ich wöchentlich aufregende Überholmanöver, bei denen alle in der Kolonne mitspielen müssen, damit nichts schiefgeht. Im Ergebnis können sich die „Helden“ dann daran erfreuen, etwas weiter vorn in der Kolonne mitschwimmen zu können – bestenfalls. Im schlimmsten Fall schwimmen sie und Unbeteiligte nie wieder mit, was häufiger passiert, als manche von ihnen glauben wollen.

Ein klares Argument für ein Tempolimit ist der Umweltaspekt. Hohe Geschwindigkeiten bedeuten hohe Verbrauchswerte, steigende Luft- und Rollwiderstände bedingen dies. Ich habe auf österreichischen Autobahnen schon weniger als 5 Liter auf dem Bordcomputer gehabt, eine gleichmäßige Fahrt mit gemäßigtem Tempo machten es möglich. Auf unlimitierten, deutschen Autobahnen klappt das bedeutend schlechter, wenn man auf schnelle Autos Rücksicht nehmen will. Denn das führt zu häufigeren Beschleunigungsphasen, wenn beispielsweise Lkw überholt werden, was den Verbrauch oftmals stärker anhebt als ein flottes, gleichmäßiges Fahren.

Andererseits gilt aber auch: Wer ein Tempolimit aus ökologischer Sicht befürwortet, muss gleichzeitig auf eine Sanierung der Bahn drängen. Sie müsste eigentlich stets das günstigste und schnellste Verkehrsmittel sein. Nicht nur regelmäßige Nutzer der Deutschen Bahn wissen, dass beides derzeit eine Wunschvorstellung ist und auf absehbare Zeit auch bleiben wird. Gleiches gilt für den Öffentlichen Personennahverkehr, der in vielen Szenarien weder finanziell noch zeitlich attraktiv erscheint. In meinem wäre ich täglich vier Stunden unterwegs, statt anderthalb mit dem Auto.

Lassen Sie uns gemeinsam eine Utopie skizzieren: Wie wäre es, wenn man bei Bedarf nur noch schnell fahren würde, wenn Wetter, Verkehr, Zustand von Straße, Fahrer und Auto es zulassen? Ganz ohne allgemeines Tempolimit, einfach so, weil einem der gesunde Menschenverstand eine Grenze diktiert? Die ganze unversöhnliche Debatte wäre vermutlich zwar nicht vorbei, aber weitgehend entschärft. Denn die paar Gelegenheiten, wo alles das zusammentrifft, sind ohnehin so rar, dass die entscheidenden Pro-Limit-Argumente Sicherheit und Umwelt zwar nach wie vor gültig und richtig sind, es aber zahlreiche andere Hebel gibt, um beides sehr viel effizienter voranzubringen.

Beim Thema Umweltschutz kann vermutlich jeder mehr oder weniger noch nachsteuern. Wo genau, wird bei der Ermittlung des ökologischen Fußabdrucks deutlich. Im Bereich Verkehr ist das in erster Linie der Verzicht auf Flugreisen. Wer den Straßenverkehr etwas sicherer machen will, passt sein Tempo an, hält Abstand und denkt für jene mit, die der oben skizzierten Utopie nicht folgen können oder wollen. Freiheit ist eben nicht nur die Freiheit derjenigen, die die Dinge anders sehen als man selbst, sondern oft auch etwas mühsam.

Das sage ich als jemand, dessen Auto mit 229 km/h eingetragen ist – nichts war bei der Wahl des Modells so unwichtig wie diese Zahl. Ich könnte mit einem Tempolimit gut leben, ganz rational, weil aus meiner Sicht mehr Argumente dafür als dagegen sprechen. Andererseits fände ich es bedauerlich. Aber so ist das im Leben, nicht alles lässt sich auf rationale Beweggründe eingrenzen. Wie gut, dass es nicht so ist, denn sonst hätten beispielsweise auf dem Heiratsmarkt nur noch tolerante, stets gut gelaunte Models mit allumfassenden Talenten eine Chance. (mfz)