Kommentar: Pendler im Stresstest
Steigende Mieten und mehr Verkehr hängen zusammen, stellt eine Studie von TomTom fest. Es ist an der Zeit, hier politisch einzugreifen. Denn einer Verteuerung des Individual-Pendelverkehrs sollte die Schaffung von Alternativen und die Idee eines sozialen Ausgleichs vorausgehen
(Bild: Mobil in Deutschland e.V.)
Zwei Studien machen derzeit die Runde, und ihre Ergebnisse dürften kaum jemanden überraschen. Eine Analyse der Verkehrsmuster durch die Navigations-Firma TomTom hat ergeben, dass steigende Mieten ein erkennbares Pendlerverhalten mit ausgeprägten Spitzen im Verkehrsaufkommen am Morgen und am Abend sowie Schwerpunkten auf Ring-, Ein- und Ausfallstraßen nach sich ziehen. Mobil in Deutschland e.V. hat, basierend auf den Daten von TomTom, einen Stau-Check für zehn deutsche Großstädte erstellt.
Führend im Stillstand
Pendler sind nicht zu beneiden. So ist unter anderem im Glücksatlas 2018 nachzulesen, dass eine Pendelzeit von mehr als 40 Minuten pro Strecke unzufrieden macht. Tendenziell steigen die Zeiten für die Fahrt zur und von der Arbeit. Der Stau-Check von Mobil in Deutschland e.V. belegt das: In sieben von zehn untersuchten Großstädten stieg die Stauzeit an – was nur die halbe Wahrheit ist. Denn die Prozentangaben, die der Verein dort anführt, sind Mittelwerte für 24 Stunden an 7 Tagen auf ein komplettes Kalenderjahr bezogen sind. Es wurden also auch nahezu staufreie Fahrten bei Nacht oder an bestimmten Feiertagen erfasst. Das bedeutet, dass zu Stoßzeiten im Berufsverkehr erheblich höhere Durchschnittswerte vorliegen können.
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(Bild: Mobil in Deutschland e.V.)
Am schlimmsten ist die Verkehrsbelastung in Hamburg, gefolgt von Berlin, Nürnberg, Bremen, Stuttgart und München. Bonn, Frankfurt am Main, Dresden und Köln vervollständigen die Liste der Städte in Deutschland, in denen Autofahrer die meiste Zeit durch Verkehrsbehinderungen verlieren. Doch längst ist das nur die Spitze eines riesigen Berges von Problemen, denen die Politik zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Die Lösung kann kaum darin liegen, mehr Straßen zu bauen, um den Individualverkehr besser zu verteilen. Dieses Rezept vergangener Jahrzehnte ist längst an seine Grenzen gestoßen, zumal sich Widerstand formiert. Niemand legt Wert darauf, dass sich der Pendelverkehr morgens und abends vor seiner Tür vorbeiquält.
Wachstum ohne Ende
Doch die Städte müssen handeln. Die Europäische Metropolregion München e.V. geht davon aus, dass München und sein direktes Umfeld zwischen 2015 und 2034 um mehr als 500.000 Einwohner netto wächst. Anderswo mögen die Zahlen etwas geringer ausfallen, doch ein Trend lässt sich recht gut abschätzen: Großstädte und ihre Speckgürtel wachsen, die Zahl der Menschen, die weit abseits davon lebt, sinkt perspektivisch. Das bringt neue Herausforderungen in der städtebaulichen Planung mit sich. Wohnraum muss geschaffen und sinnvoll angebunden werden. Blöd, wenn man für glanzvolle Einmaleffekte kommunalen Wohnraum verscherbelt hat und einem nun der Hebel fehlt, krankhaften Auswüchsen auf dem Wohnungsmarkt zu begegnen.
So man gewillt ist, sich dem unpopulären Thema „Verkehrsströme in der Rushhour“ auf politischer Ebene zu widmen, zeichnen sich Lösungen ab. Einerseits liegt es nahe, die Fahrt im eigenen Auto teurer zu machen. Ein Vorschlag in Form der CO2-Bepreisung liegt auf dem Tisch, selbst einige Politiker der Union finden daran Gefallen. Das Problem ist weniger die Umsetzung einer CO2-Steuer an sich, sondern vielmehr, dass man für eine breite Akzeptanz gleich mehrere Schritte auf einmal machen muss. Genau damit tut man sich gerade in Deutschland für gewöhnlich ein wenig schwer.
Verteuerung als Lösung?
Natürlich ist es möglich, das Autofahren so teuer zu machen, dass Menschen gezwungen werden, zu Alternativen zu greifen. Naheliegend wäre ein Umstieg auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Aber der ist vielerorts morgens und abends an der Kapazitätsgrenze und wurde über Jahrzehnte kaputtgespart. Langsam bewegt sich in dieser Hinsicht etwas, doch die Versäumnisse einer weitreichenden Vergangenheit lassen sich nicht innerhalb kurzer Zeit kurieren. Dennoch ist das die richtige Richtung: Wer Städte vom massenhaften Autoverkehr zumindest erleichtern will, regelt das im Sinne einer breiten Akzeptanz am besten darüber, eine Alternative zu schaffen, die dem Auto überlegen ist. Das betrifft im Falle des ÖPNV Netzdichte, Pünktlichkeit, Tempo, Komfort, gefühlte Sicherheit genauso wie den Preis.
In meinem Szenario brauche ich pro Tag mit dem ÖPNV insgesamt rund 4 Stunden statt 1h30min mit dem Auto. Das Ticket kostet aktuell 24,40 Euro pro Tag, was einerseits meiner Wohnsituation auf dem Dorf geschuldet ist, andererseits daran, dass sich zwei Verkehrsverbünde seit Jahren nicht darauf einigen mögen, wie sie ihre Strukturen sinnvoll zusammenlegen könnten. Das mag nicht repräsentativ sein, beschreibt aber ein Teil des Problems. Es muss sich im Nahverkehr dringend zügig etwas tun. Ohne ihn werden wir die Verkehrsprobleme der verdichteten Wohnsituation nicht lösen. Ja, das wird reichlich Geld kosten. Meines Erachtens wäre es hier aber gut angelegt.
Sozialer Aspekt
Was mir in der erhitzten Debatte viel zu kurz kommt, ist der soziale Aspekt. Eine CO2-Bepreisung verteuert das Fahren und Wohnen, eine City-Maut nur das Fahren in Großstädten. Mich betrifft das nur am Rande, Job und Arbeitgeber machen ein Arbeiten von daheim relativ problemlos möglich. Würden sich mehr Arbeitgeber dem anschließen, wäre ein gewisser Teil des Weges schon gegangen. Doch meine Umstände lassen sich nicht gesamtgesellschaftlich übertragen.
Geringverdienern, deren Anwesenheit vor Ort Voraussetzung für ihre Arbeit ist, kann man nicht einfach zurufen: „Pech gehabt. Hättest du in der Schule besser aufgepasst, hättest du das Problem ja nicht.“ Gelesen habe ich das sinngemäß so in einem Forum. Es zeugt von einer Arroganz einiger, die sich die irren Mieten in den Großstädten oder gar Eigentum leisten können. Mögen auch sie nie auf die helfenden Hände einer Pflegekraft angewiesen sein, die sich ein Leben in der Stadt nicht mehr leisten kann und daher pendeln muss. Auch dieser Klientel wurde vor ein paar Jahren noch der Diesel als günstige und umweltfreundliche Lösung gepriesen. Durch unerwartet stark purzelnde Restwerte dürfte manche Neuanschaffung in Haushalten mit knappem Budget weit nach hinten geschoben worden sein.
Es sollte uns nicht egal sein
Das ist keineswegs ein Plädoyer dafür, alles so zu lassen und sehenden Auges auf Verkehrs- und Umweltverhältnisse wie in Moskau, Mexiko-Stadt oder Peking zuzusteuern. Doch wer von einer massiven Verteuerung des Autoverkehrs träumt, sollte erstens zuvor attraktive Alternativen schaffen. Der ÖPNV ist es derzeit vielerorts nicht. Zweitens muss ein sozialer Ausgleich her. Es wäre die denkbar übelste Lösung, Menschen mit kleinem Einkommen monetär die Hauptlast an der notwendigen Verkehrswende überzustülpen. Denn wer reichlich Geld hat, kann dem Problem in doppelter Hinsicht ausweichen: Er kann sein Wohnumfeld nah an die Arbeit legen und höhere Spritkosten puffern. Es sollte uns als Gesellschaft aber nicht egal sein, dass dies keineswegs alle können. (mfz)