Einführung von WLTP und Euro 6c
Ab dem 1.9. 2018 dürfen nur noch Autos zugelassen werden, die mindestens die Euro 6c erfüllen. Eigentlich. In der Praxis gibt es aber ein ziemlich großes Schlupfloch, was Hersteller nutzen und Neuwagen-Käufer kennen sollten
(Bild: VW)
- Christoph M. Schwarzer
Eigentlich ist Stichtag: Mit einem Erstzulassungsdatum ab dem 1. September 2018 müssen alle in der EU erstmals zugelassenen Pkw mindestens die Abgasnorm Euro 6c erfüllen. Die Grenzwerte gelten außerdem im neuen und verschärften Messzyklus WLTP. Aber Achtung, es gibt eine Ausnahmeregelung, nach der Autos bis zum 31. August 2019 neu zugelassen werden dürfen, die lediglich die im alten NEFZ erhobene Abgasnorm Euro 6b erfüllen.
End of series
Auf Anfrage von heise/Autos bestätigt das Kraftfahrtbundesamt (KBA) diese Ausnahmeregelung, manchmal Englisch „End-of-Series“-Regelung genannt. In Artikel 27 der Richtlinie 2007/46/EG ist festgelegt, dass Modelle, die bald vom Markt genommen werden oder ein großes Facelift erhalten, vorübergehend weiterverkauft werden dürfen. Allerdings nur bis zu einem bestimmten Volumen: Lediglich in Höhe von zehn Prozent der Vorjahreszahl eines Herstellers in einem EU-Land.
Einführung von WLTP und Euro 6c (6 Bilder)

Beispiel VW Golf: Der meistverkaufte Autotyp in der EU wird erst „in den nächsten Wochen“ die Freigabe für WLTP bekommen, so Volkswagen. Ähnlich sieht es beim Tiguan und anderen Modellen aus Wolfsburg aus. Man muss sich ranhalten, um die Zehn-Prozentquote zu schaffen.
Wahrscheinlich werden bestimmte Motor-Getriebekombinationen nicht rechtzeitig oder gar nicht für WLTP und Euro 6c homologiert. Die Variantenvielfalt wird eingeschränkt. Das ist eine Kostenfrage: In Jahresfrist erscheinen neben dem Golf VIII auch große Facelifts von Tiguan und Passat. Auslaufmodelle wie der aktuelle Golf VII, die nun aufwendig gemessen werden, können folglich nur kurzfristig in den Handel gebracht werden.
Schlüsselnummer zur Identifizierung
Letzte Sicherheit, welche Abgasnorm das Wunschauto erfüllt, bietet die Schlüsselnummer im Kfz-Schein. Steht unter Position 14.1 noch 36BA, 36BB oder 36BC, handelt es sich um ein Euro 6b-Fahrzeug. Kunden bekommen den ersten Hinweis auf ein veraltetes Auto, wenn die Verbrauchs- und CO2-Angabe noch nach NEFZ angegeben ist.
Die meisten Hersteller haben die Umstellung gut im Griff. Es lässt sich umgekehrt formulieren: Mit Ausnahme des Volkswagen-Konzerns mit seinen vielen Marken von Audi über Porsche bis Seat sind die Autohersteller im Zeitplan.
Norm übersprungen
Eigentlich also gilt ab dem 1. September 2018 die Abgasnorm Euro 6c. Viele Autos erfüllen schon die Euro 6d-TEMP-Norm, die ein Jahr später für alle neu zugelassenen Pkw verbindlich wird. Diese Überschneidung ergibt sich daraus, dass neu eingeführte Autotypen seit 1. September 2017 schon nach Euro 6d-TEMP typgeprüft werden können. Für die Unternehmen ist es wegen der Kosten attraktiv, die Homologation für die kurzfristige Zwischennorm Euro 6c gleich zu überspringen.
Kern der Euro 6c für Pkw mit Benzin-Direkteinspritzer ist die Absenkung des Grenzwerts für die Partikelzahl um den Faktor 10. In der Konsequenz erhalten fast alle solche Autos einen serienmäßigen Partikelfilter, sofern es sich um einen Benzindirekteinspritzer handelt. Beispiel Volkswagen Polo: Die Basismodelle spritzen ins Saugrohr ein, emittieren darum kaum Partikel und benötigen keinen Filter. Die leistungsstärkeren Versionen mit dem Kürzel TSI sind Direkteinspritzer und kommen nicht ohne aus.
Weil die Euro 6c- bereits in einem Jahr von der Euro 6d-TEMP-Norm kassiert wird, wird sie von vielen Herstellern ausgelassen. Der ADAC führt hierzu eine ständig aktualisierte Liste aller Euro 6d-TEMP-Fahrzeuge.
Mit Euro 6d-TEMP ergibt sich eine weitere Verschärfung: Die Grenzwerte für Benzin- und Dieselmotoren müssen auch im Straßentest RDE eingehalten werden und nicht nur im Labor. Zwar dürfen die für den Selbstzünder problematischen Stickoxid-Emissionen im realen Verkehr vorerst noch um den Faktor 2,1 überschritten werden („Conformity Factor“). Das Ergebnis wird trotzdem eine massive Verbesserung der Abgasreinigungs-Hardware beim Dieselmotor sein.
Künftige Grenzwerte unterboten
Der Dieselmotor steht damit vor der Rehabilitierung. Strenge Tests der Abgaswerte im Realbetrieb haben etwa den DS7 Crossback BlueHDI 180 vom französischen PSA-Konzern nicht nur als bisher saubersten Diesel ausgewiesen. Der erreichte Stickoxidwert von 18 mg NOx / km liegt sogar weit unter dem ab 2020 gültigen Limit von 120 mg NOx / km (Conformity Factor 1,5) und mindestens gleichauf mit den Benzinantrieben.
Weil seit 1. September 2018 neben den Partikeln und den Stickoxiden die CO2-Emissionen im neuen WLTP erhoben werden, steigt die darauf basierende Kfz-Steuer an. Fachkreise gehen von circa 20 Prozent aus. Das ist jedoch nur für Neufahrzeuge gültig, am Bestand ändert sich nichts. Interessenten von Neuwagen wiederum können sich für einen Pkw mit niedrigeren CO2-Emissionen entscheiden – schließlich soll die Kfz-Steuer ihrer geringen Höhe zum Trotz eine gewisse Lenkungswirkung haben.
Schnäppchen mit Euro 6b
Schnäppchenjäger können sich zurzeit über hohe Nachlässe freuen. Es gibt große Lagerbestände mit bereits produzierten Euro 6b-Autos, für die vergleichsweise kleine Kfz-Steuern entrichtet werden müssen. Ob diese irgendwann ein Fahrverbot bekommen oder einem höheren Wertverlust unterliegen, ist ungewiss. Nach heutigem Stand sind lediglich Pkws mit Euro 5 oder noch älteren Normen von der Entwertung betroffen – was, die aktuelle Debatte um Fahrverbote für Euro-5-Diesel zeigt es – nicht so bleiben muss. Die Auswahl ist groß. Nicht nur im Volkswagen-Konzern, fast überall gibt es Auslaufmodelle. So werden etwa die letzten Toyota Avensis Touring Sports regelrecht verschleudert. Ein Nachfolger ist in Europa nicht geplant. Auch der aktuelle Renault Clio steht vor der Ablösung.
Wer weniger kaltschnäuzig ist, sollte beim Neuwagenkauf unbedingt auf die neuen Abgasnormen achten. Beim Ottomotor also mindestens auf die Euro 6c, die in den meisten Fällen mit einem Partikelfilter einhergeht. Und beim Dieselmotor auf die Euro 6d-TEMP, bei der mit aufgewerteter Hardware gerechnet werden darf. Die Auswahl an entsprechenden Modellen ist inzwischen sehr groß. (mfz)