Das Gelbe vom Ei
Kein anderes Auto zeigt besser als der Boxster, was Porsche in Sachen Fahrwerksbau kann. Für den im Haus kleinsten Preis gibt es ein Auto, auf dessen Fahrverhalten nur ein Wort passt: exquisit
"Fahren Sie mal den Boxster GTS", sagte Porsches Dieter Landenberger, "der ist so ausgewogen, da werden Sie nichts mehr vermissen." Unser Thema waren Porsches Mittelmotorautos und dass der Boxster meiner Meinung nach die volle Leistung des Motors aus dem 911 vertragen könnte. Der Anlass unserer Unterhaltung war das Jubiläum "40 Jahre Turbo", das Porsche vor einiger Zeit ausgerechnet in der Schweiz beging, und ich fuhr ausgerechnet mit dem aktuellen Porsche 911 Turbo S hin. 560 PS, aber beim Cruisen zahm wie ein Lamm und langweilig wie eine E-Klasse. Dr. Jekyll. Aber wehe, du stellst alles auf scharf und trittst das Gas durch. Dann erwacht ein Monster hinter dir, wo vorher der Buchhalter saß. Mr. Hyde.
Diesen interessanten Spagat schaffen alle Modellgenerationen des 911 Turbo: gleichzeitig rentnertauglicher Langstrecken-GT-Wagen UND aggronesischer Reifenschredder. Es sind in sich interessante Autos, genauso wie ich es schön finde, dass es noch ein paar Relikte aus der Verbrenner-Heckantriebszeit gibt. 911. Smart/Twingo. Aber wer verstehen möchte, was Porsche in Sachen Fahrzeugbau kann, der muss den Blick von den laut präsentierten Relikten und den gut verkauften Chantalles abwenden und Porsches Mittelmotorwagen anschauen. 917. 914. Boxster/Cayman. Und meinen persönlichen Traumwagen, den Porsche Carrera GT. Diese Autos belegen nicht nur Porsches Kompetenz im Chassisbau, sondern sie sind so gut, dass sie in sich das gesamte Konzept Mittelmotor ohne ein Wort erklären. Wer nur einen einzigen Nerv in der Gesäßhaut besitzt, wird nach den ersten drei Metern in einem Boxster ein Wort denken wie "exquisit", weil das immer noch am besten beschreibt, wie er fährt. Im Radio läuft Nellys "Hey Porsche", als ich in Zuffenhausen vom Hof fahre. Kein Witz. Das simpel gestrickte Lied verteilt Komplimente, die auf einen Porsche oder eine Frau passen, und am besten passen sie auf diesen gelben Boxster GTS.
Das Gelbe vom Ei (18 Bilder)

(Bild: Clemens Gleich)
Gottesbefehl: Boxster fahren
Ich könnte unterbrechungslos Boxster fahren. Wenn Gott morgen sagt, ab jetzt gibt es nur noch Autotests von Boxster oder Cayman, dann zünde ich ihm eine kostenpflichtige Kerze in einer Katholenkirche an. Mir würde nichts fehlen. Wenn ich aus dem Boxster heraus Leute sehe, die einen Golf GTI oder einen AMG-Daimler gekauft haben, dann weiß ich, wie falsch sie entschieden haben. Sie denken, der Boxster ist das Auto, in dem Delegationen der Friseursinnung zum Christopher Street Day anreisen, und das mag stimmen. Doch genauso stimmt, dass sie ein Auto gekauft haben, das schlechter fährt. Ich mache lieber im Boxster Taxiservice für die gesamte Friseursinnung zum CSD als eine einzige Schultaxifahrt im GTI. Weil ich dann öfter Boxster fahren kann.
Sie haben bis hierhin feststellen können, dass ich hoffnungslos verstrahlt bin. Begonnen hat das, als Kollege Toby Münchinger unbedingt einen Boxster wollte, und ich damals nicht verstehen konnte, wieso ein Motorradfahrer unbedingt ein Tuntentaxi haben will. Aber dann fuhr ich das Tuntentaxi eben. Und jetzt haben wir den Salat, dass ich den Boxster bewerbe wie ein Gebrauchtporschehändler. Wenn ich wenigstens Geld kriegen würde von Porsche, wie es Leser vermuten, die andere Autos besser finden (aber in beidem unrecht haben). Genau das ist ja das Perfide: Porsche muss den Leuten kein Geld geben für solche Ausbrüche. Es reicht, sie diese Autos ein Mal fahren zu lassen.
Natürlich musste ich es Toby heimzahlen, dass er meine Street Credibility derart unterminiert hat mit seinem perfide ansteckenden Boxsterwahn. Den kritischen Industriebeobachter nimmt mir jedenfalls keiner mehr ab. Also rief ich ihn an, bat ihn, mir den gelben GTS für Fotos am Lochenpass zu fahren und legte im Bewusstsein auf, dass er danach jeden Tag auf Mobile.de die Preisentwicklung älterer Modelle studieren und die irrationale Hoffnung hegen wird, dass jemand einen leicht kiesgestrahlten Boxster unter Wert verkauft.
Ohne Dach ist alles besser
Grenzen wir den Boxster vom Cayman ab: Die fahren beide gut, der Cayman wahrscheinlich noch etwas besser, aber dessen Dach bleibt halt dicht. Die erste Handlung jeder Fahrt im Boxster nach dem Motorstart war jedoch bei mir: Dach auf! Mit offenem Dach hört der Fahrer, was die Reifen tun, was der Motor und was die Umwelt. Mit offenem Dach wird das periphere Blickfeld frei, viel, viel, viel mehr zu sehen. Eigentlich würde ich am liebsten nur ohne Dach fahren, und habe das selbst im Winter getan. Es lebe die Rukka-Jacke! Es lebe die Lenkrad-Heizung! Am besten wäre für mich ein Dach, das ich daheim lassen kann, also eine Art Aufsetz-Minigarage, das die Vogelscheiße von den Sitzen hält und mir außerdem den Parkplatz freihält. Das Mitnehmdach wiegt nur. Aber ich nehme auch die Stoffgarage mit, denn es tut mir leid, aber so viel besser kann der Cayman gar nicht fahren, dass der Vorteil den offenen Luftraum überwiegen könnte.
Von der S-Version des Boxster unterscheidet sich der GTS in einem anders abgestimmten, etwas tieferen Fahrwerk, serienmäßigen, sehr guten Schalensitzen, Ausstattungsgekruschtel und 15 PS mehr. Jede dieser eigentlich kleinen Änderungen verstärkt das Erlebnis Boxster für Fahrer. Die Freundin fragte, wie man aus diesem Auto mit Rock aussteigen soll, ohne die Unterwäsche zu zeigen, worauf es nur eine richtige Antwort gibt, die des Motorradfahrers: immer saubere Unterwäsche tragen, auch aus Höflichkeit für die Krankenschwester.
Und darüber eine Hose. Oder Leute, die zu dick sind für die Schalensitze oder zu schwach, unpeinlich und ungrunzend aufzustehen, aber das sind alles Cruiser-Gründe. Das Cruiser-Publikum kann sich doch, wenn es unbedingt der Boxster sein soll, den billigsten mit dem schwächsten Motor holen und den mit den bequemsten Sitzen optionieren. Der cruist genauso gut. Oder gleich ein Muscle Car kaufen oder eine Chantalle oder den Porsche Macker, der schaut in weiß doch super aus in der Reihenhaussiedlung.
Schmalere Hüften auf Buckelpisten
Im Anflug auf den Lochenpass fällt mir wieder auf, was ein Landstraßenauto ausmacht: gute Straßenlage bei nicht zu breiter Karosserie. 1801 mm Fahrzeugbreite, 1978 mm über Außenspiegel – baustellenlinksfahrlegal! Selbst mit den Straßenreifen fährt der Porsche damit beeindruckende Kurvengeschwindigkeiten, an die man sich als Motorradfahrer erst einmal gewöhnen muss. Auf dem sehr breiten Pass dann ist Platz, ein paar Dinge auszuprobieren. Das ESP erlaubt zum Beispiel auf Sport Plus einen gewissen Quergangwinkel. Man kann es auch ganz ausschalten. Dann findet man heraus, wo die Kehrseite der Wendigkeit einer Mittelmotor-Konfiguration liegt: Die geringere Momententrägheit um die Hochachse aufgrund der achsenzentrierten Masse dreht sich auch dann schneller weg, wenn man nicht darauf vorbereitet ist, und mit "man" meine ich natürlich Toby, der privat Standardantrieb fährt.
Nachmittag. Früher Abend. Rückfahrt. Natürlich denken alle, die uns im Eigelb sitzen sehen, wir sind von der Friseursinnung. Wenige Dinge könnten mich gerade peripherer tangieren. Wenn die Friseursinnung Boxster fährt, dann können das keine ganz schlechten Menschen sein. Daheim. Kamerausrüstung wegräumen. Toby ist noch nicht fertig. Er will einfach noch weiterfahren. Ich gebe ihm den Schlüssel. Der Herr Landenberger hatte Recht damit, den GTS zu fahren. Es ist ein tolles Paket. Herr Landenberger hatte jedoch nicht recht mit der Leistung. Ich bleibe dabei, dass dieses Chassis viel mehr Leistung verträgt und nur deshalb nicht bekommt wegen irgendwas mit 911 und Preis. Der Fall ist also klar, der Spyder mit 375 PS muss unbedingt getestet werden. Wir von der Friseursinnung stehen bereit. (cgl)