Open Source im Auto
Embedded-Linux erfreut sich unter Geräteentwicklern bereits großer Beliebtheit. Nun wollen die Firmen Wind River und Intel Linux auch als Embedded-Betriebssystem für Infotainment-Geräte im Auto etablieren
- Gernot Goppelt
München, 21. Mai 2008 – Das Betriebssystem Linux hat sich nicht nur auf PCs durchgesetzt, sondern als Embedded-Variante auch auf Mobiltelefonen, Festplattenrekordern oder PDAs (Personal Digital Assistants). Ein offensichtlicher Vorteil für PC-Besitzer besteht darin, dass sie für das Open-Source-Betriebssystem Linux wenig oder sogar nichts bezahlen müssen. Zudem galt Linux von Anfang an als sehr stabiles Betriebssystem, nicht umsonst ist es im Serverbereich sehr beliebt. Und auch Embedded-Linux als „eingebettes“ Betriebssystem erfreut sich heute hoher Beliebtheit.
Weg von proprietären Systemen
Warum also sollten die Entwickler in der Automobilindustrie und deren Zulieferer nicht ebenfalls die Vorteile von Linux nutzen? Bis vor einigen Jahren entwickelten die Unternehmen meist proprietäre Embedded-Systeme für Infotainment-Systeme im Automobil. Das war auch kein Problem, solange Unterhaltung und Information im Auto technisch eine geschlossene Welt waren. Doch seit die so genannten Nomadic Devices (mobile Infotainment-Geräte) eine immer größere Rolle spielen, passen die Entwicklungszyklen der Automobiltechnik und Unterhaltungselektronik nicht mehr zusammen. So wird verständlich, warum beispielsweise Siemens VDO (heute VDO Automotive) seine proprietäre Entwicklung aufgab und auf Microsoft Auto umschwenkte.
Open Source im Auto (2 Bilder)

Wind River und Intel wollen Embedded-Linux für Infotaiment-Systeme ins Auto bringen. (Bild: Wind River)
Linux kommt ins Auto
Nun hat Wind River Systems angekündigt, zusammen mit dem Prozessorhersteller Intel eine Open-Source-Plattform auf Grundlage von Linux für die Automobilindustrie zu entwickeln, die für Infotainment-Komponenten im Auto zur Verfügung gestellt werden soll. Die Plattform wird für Intels „Atom“-Prozessor optimiert, der im vergangenen April vorgestellt wurde und ideale Eigenschaften für das In-Car-Infotainment mitbringen soll. Das neue Infotainment-Linux soll im kommenden August verfügbar sein. Nach einem Bericht der EETimes wird es Spracherkennung und eine Text-to-Speech-Software von Nuance enthalten, Bluetooth und Rauschreduzierung von Parrot, eine Musik-Management-Software von Gracenote, Netzwerktreiber von SMSC sowie eine DVD-Abspielfunktion von Corel. Auch die Anbindung von iPods werde bis dahin zur Verfügung stehen, ebenso wie die Anbindung an die CAN- und MOST-Bussysteme im Fahrzeug.
Open Source im Auto
Open-Source-Plattform in Netz
Wind River will die Open-Source-Spezifikation über einen neuen Fahrzeug-Infotainment-Bereich in Moblin.org verfügbar machen. Auf dieser Website können Software-Distributoren und Linux-Anwender ihre Ideen austauschen und Programmcode bereitstellen. So soll es möglich sein, Open-Infotainment-Plattformen zu entwickeln, die es erleichtern, eine Software-Plattform auf verschiedene Geräte anzupassen. John Bruggeman, Marketing-Chef bei Wind River, verspricht sich von dem Open-Source-Projekt eine „reichhaltiges Ökosystem“ von Entwicklern, das nicht nur die Entwicklungzyklen für Infotainment-Geräte im Auto beschleunigen werde, sondern auch neue Geschäftsmodelle erlaube. Der Intel-Manager Ton Steenman hält offene Plattformen für einen entscheidenden Faktor, um Infotainment-Geräte für Automobile schneller und kostengünstiger entwickeln zu können.
Prominente Unterstützer
Nach Angaben von Wind River und Intel unterstützen die Automobilhersteller oder-zulieferer BMW, Bosch, Delphi und Magneti Marelli die Strategie, Linux für Infotainment-Produkte im Automobil verfügbar zu machen. Besonders der Name des italienischen Zulieferers lässt dabei aufhorchen, da Magneti Marelli auch Infotainment-Komponenten an Fiat liefert, die auf der Plattform „Microsoft Auto“ aufbauen. Doch die Motivation der genannten Unternehmen ist nachvollziehbar: Microsofts Engagement sorgt bei einigen Beobachtern noch immer für gemischte Gefühle – ein Quasi-Monopol des Software-Giganten wünscht sich in der Automobilindustrie kaum jemand, sei es aus technischen Erwägungen oder weil die Lizenzkosten sich bei wachsender Marktmacht zu einem unangenehmen Kostenfaktor entwickeln könnten.
Ist Open-Source erwünscht?
Andererseits trägt ein Open-Source-Projekt das Risiko in sich, dass Automobilherstellern die Entwicklungshoheit entgleitet. Zudem ist Embedded-Linux ursprünglich nicht gezielt für mobile Nomadic Devices entwickelt worden. Im Zusammenspiel mit energieeffizienten Prozessoren mit ausreichender Leistung dürfte das allerdings keine große Rolle mehr spielen. Eine entscheidende Frage wird sein, ob sich die Automobilindustrie auf eine Open-Source-Kultur einlassen will. Die im Jahr 2003 begonnene Standardierungsinitiative AUTOSAR zeigt, dass die Bereitschaft der Unternehmen gewachsen ist, Standards auszutauschen und zu akzeptieren – doch die Mühlen mahlen noch immer und auch hier ist die Konkurrenz nicht untätig.
(ggo)