Vorstellung: BMW 3er
Einst war wichtig, wie schnell ein neuer BMW Dreier um die Kurve kommt. Beim Neuen ist das nur noch nebensächlich, obwohl er in dieser Hinsicht sicher talentiert ist. Doch als Abgrenzung zur Konkurrenz dienen inzwischen andere Werte
Es ist ein Werbeversprechen, das über Jahrzehnte konstant blieb: „Freude am Fahren“. Natürlich betont BMW dieses auch im Begleitschreiben zum neuen Dreier. Doch der Claim dient vor allem als wohlige Erinnerung an Zeiten, die längst vorbei sind. Die Zukunft dieser Baureihe liegt nicht in der Vergangenheit. Das Verrückte dabei ist, dass sich der siebente Dreier vermutlich wirklich noch etwas dynamischer um die Ecke bewegen lässt als sein Vorgänger. Das hauptsächliche Augenmerk der Entwickler liegt inzwischen jedoch auf anderen Dingen, die reine Freude am Autofahren lässt sich, so die Annahme der Verantwortlichen, allein kaum noch vermarkten. Und so ergießt sich nahezu das komplette Füllhorn der elektronischen Helfer und Vernetzung, mit der auch die größeren Modelle bedacht wurden, über der weiterhin als fahraktiv gepriesenen Limousine.
Aus Fehlern gelernt?
Das muss die Verantwortlichen mächtig gewurmt haben: Da entwerfen sie 2011 für ihren Bestseller ein Armaturenbrett, das in gewisser Weise alte und neue Werte vereinen soll, was optisch durchaus gelungen ist. Doch die Bayern ernten anhaltende Kritik für die margenoptimierten Materialien: Welliges Holz, das nach Kunststoff ausschaut, Risse in den Favoritentasten, eine Schalthebelumrandung mit der Anmutung einer Margarineverpackung. Im Serientrimm passten Preis und Anmutung nicht so recht zueinander. Das 2015er-Facelift hat einige Sünden etwas geglättet. Dennoch dürfte ein großes Kapitel im Lastenheft für den nun vorgestellten Dreier Nummer Sieben eine deutliche Anhebung der wahrgenommenen Qualität im Interieur gewesen sein. Zumal die direkte Konkurrenz hier zum Teil deutlich mehr bietet.
Vorstellung: BMW 3er (30 Bilder)

(Bild: alle Hersteller)
Gedämmt
Dass BMW sich diesem Thema intensiv widmen konnte, liegt auch daran, dass die Bayern im Dreier ansonsten keine dramatischen Baustellen hatten, die es aufzulösen galt. Was nicht heißen soll, dass es nichts mehr zu verbessern gegeben hätte. Immer wieder gab es beispielsweise Kritik an Windgeräuschen. BMW schäumt nun die A-Säule aus und verklebt serienmäßig eine Frontscheibe mit absorbierender Folie. Gegen Aufpreis wird die auch in den Seitenscheiben verarbeitet. Mercedes hat in der C-Klasse vorgemacht, wie erfolgreich diese Maßnahme sein kann. Ein kleines Detail nur, doch es zeigt, dass BMW vor allem an vielen Feinheiten geschliffen hat, anstatt in irgendeinem Bereich den epochalen Bruch zu versuchen.
Live Cockpit
BMW dürfte aber nicht an der oberflächlich wahrgenommenen Qualität gearbeitet haben, sondern hat, das lässt sich jetzt schon sagen, einen großen Schritt in Richtung Moderne versucht. Serienmäßig sind ein 8,8-Zoll-Display oben auf der Mittelkonsole und ein Instrumentenkombi in Black Panel Optik mit einem 5,7 Zoll großen Farbdisplay. Wer mag, kann in das „Live Cockpit Plus“ investieren, in dem dann Navi, Wlan-Schnittstelle und Apple CarPlay enthalten sind. Die teuerste Ausbaustufe nennt sich „Live Cockpit Professional“ und hat dann ein lernendes Navi und ein Multimediasystem mit einer 20-Gb-Festplatte. Dann gehört auch jenes Display als Kombiinstrument dazu, was auf den ersten Pressebildern zu sehen ist und mit den jahrzehntelang gepflegten Traditionen so viel am Hut hat wie Donald Trump mit Bankenregulierung und Umweltschutz.
Festgehalten hat man an den nahezu frei belegbaren Favoritentasten. Eine gute Idee aus dem Jahr 2007, mit der man häufig genutzte Funktionen mit einem Knopfdruck erreicht. Natürlich verspricht BMW, die Sprachsteuerung deutlich verbessert zu haben. Einzigartig sei, dass man dem Assistenten einen individuellen Namen geben kann. Er reagiert also nicht nur auf „Hey, BMW“ sondern, so gewünscht, auch auf „Hey, Detlef“ oder „Hey, Walburga“. Damit, so heißt es im Beipackzettel zum neuen Dreier ganz ernsthaft, würde er noch mehr Individualität und Persönlichkeit gewinnen. Wer aus der A-Klasse umsteigt, kann sich sicher auch „Hey, Mercedes“ programmieren und muss sich so nicht umgewöhnen. Wichtiger erscheint uns, dass die Software lernfähig ist und sich mit der Zeit auf den Fahrer einstellt.
Wer sich auf die Sprachsteuerung einlässt, wird es sicher deutlich leichter haben als mit der Gestensteuerung, die uns bislang nicht überzeugen konnte. Sie erkennt im neuen Dreier sieben Gesten. Sollte sie so gut funktionieren wie im 520d, den wir in der Redaktion hatten (Test), ist das Beste, was man damit machen kann, das Geld dafür anderweitig zu investieren. Den Abstand zum 5er wahrt BMW an anderer Stelle: Etwas Hochwertigeres als das Soundsystem von Harman/Kardon wird es im Dreier weiterhin ebensowenig geben wir die vorzüglichen Komfortsitze. Dafür integriert BMW eine Online-Schnittstelle, die nicht nur wie bisher das Kartenmaterial aktuell hält, sondern auch das Betriebssystem des Multimediasystems. Selbstverständlich wird BMW dem Kunden dafür in die Tasche langen, wobei noch nicht feststeht, wie tief.
Zahlreiche Helfer
Gleiches gilt auch für die zahlreichen Unterstützer. Zu denen zählt unter anderem ein Abstandstempomat, der die Verkehrsschilderkennung einbindet und dann das Tempo darauf einstellt. Der Fahrer kann dabei eine Abweichung von bis zu 15 km/h nach oben vorgeben. BMW gehörte bisher zu den weniger Schlechten, was die Verkehrsschilderkennung angeht. Von Perfektion war man aber noch ein gutes Stück entfernt. Serienmäßig ist die bei Geschwindigkeiten zwischen 70 und 210 km/h nutzbare Spurverlassenswarnung. Wer mag und zuzahlt, kann sich beim Spurwechsel helfen lassen und Warnungen bei verschiedenen Situationen erhalten. Ein weiterer Assistent erkennt passende Parklücken und kann diese dann selbstständig ansteuern und auch wieder verlassen.
Neu ist ein Rückfahrassistent, der die Lenkbewegungen auf der zuletzt vorwärts und mit einer Geschwindigkeit von maximal 36 km/h gefahrenen Strecke speichert. So soll er den Dreier aus besonders enge Parklücken, in die man sich hineingequält hat, selbstständig wieder befreien. Gasgeben und Bremsen muss der Fahrer dabei selbst übernehmen. Auch dafür, dass niemand überfahren wird, liegt in der Verantwortung des Steuermanns.
Näherungsweise
Künftig wird es auch möglich sein, den Dreier mit einem Smartphone via Near Field Communication zu öffnen. Dafür muss es dann allerdings dicht an dem Türgriff gehalten werden. Das Auto lässt sich dann auch ohne Schlüssel starten, wenn das Smartphone in der Wireless Charging- oder Smartphone-Ablage liegt. Vor dem Hintergrund, dass auf einem Großteil der Handys ein veraltetes Betriebssystem läuft, sind solche Spielereien hoffentlich gut abgesichert. In gewisser Weise hat BMW vorgesorgt: Der Digital Key ist zumindest vorerst nur für alle NFC-fähigen Samsung Galaxy Smartphones mit Android 8.0 und höher verfügbar. Alternativ dazu kann eine Key Card genutzt werden. Die ist ebenfalls mit NFC ausgestattet und bietet damit die gleiche Funktionalität wie ein entsprechendes Smartphone.
Schwierige Abgrenzung
Ob man dies alles nun braucht, ist sicher eine Frage der persönlichen Vorlieben. Es zeigt aber auch, wie schwierig eine Abgrenzung offenbar geworden ist. Immerhin bringt der Druck der Konkurrenz auch positive Seiten mit sich. Wie zuletzt schon im Vorgänger sind LED-Scheinwerfer serienmäßig. Wer mehr Geld für dieses Thema ausgeben möchte, kann das mit Matrix-LED-Scheinwerfern und Laser für das Fernlicht auch weiterhin tun. BMW verspricht für diesen Fall eine Leichtreichweite von bis zu 530 Metern. Wichtiger erscheint, dass die Maskierung der anderen Verkehrsteilnehmer gut funktioniert. Im Vorgänger war das teure Licht in dieser Hinsicht bereits sehr gut.
Zum Start bietet BMW drei Diesel und zwei Benziner an. 318d, 320d, den es auch mit Allradantrieb gibt, und der Sechszylinder im 330d wurden im Detail leicht überarbeitet und leisten 150, 190 und 265 PS. Wie schon im Vorgänger, den BMW im Frühjahr 2018 diesbezüglich nachgerüstet hat, haben alle drei Selbstzünder einen Speicherkat und einen SCR-Kat. Die Kombination hat schon im 5er bewiesen, dass der hohe Aufwand einen geringen Stickoxid-Ausstoß zur Folge hat.
2019: Sechszylinder und Plug-in-Hybrid
Bei den Benzinern machen der 320i mit 184 PS und der 330i mit 258 PS den Anfang. Sie bekommen einen Partikelfilter mit auf den Weg. Im Sommer 2019 folgen noch der 374-PS-Sechszylinder im 340i und der Plug-in-Hybrid im 330e. Der stellt im neuen Modus „XtraBoost“ bis zu 215 kW (292 PS) zur Verfügung, die ihn in 6 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 beschleunigen. Die maximale Reichweite im E-Modus soll bei rund 60 Kilometern liegen. Angabe zu Kapazität und Lademöglichkeiten reicht BMW im Frühjahr nach. Bei einem Antrieb mit Elektrounterstützung wird es über die Bauzeit dieser Dreier-Generation ohnehin nicht bleiben, auch wenn sich BMW diesbezüglich noch nicht in die Karten sehen lassen mag.
Vorab war leider auch zu den Preisen noch nichts zu erfahren. Aufgrund der veränderten Serienausstattung gibt der Vorgänger nur eine ungefähre Richtung vor, in die es gehen könnte. 318d und 320i stehen in der Preisliste vom Juli 2018 mit 37.850 Euro. Die vergleichbaren Nachfolger werden sich der 40.000-Euro-Grenze weiter nähern. Wer den ganzen Zauber der neuen Helfer um sich herum braucht, wird weiterhin kräftig zur Kasse gebeten.
Gegen hohe Preise regt sich vor langer Zeit auf Seiten der Händler schon einmal grimmiger Protest – kurz vor der Vorstellung des Vorgängers der Dreier-Reihe, dem BMW 1600-2. Kaum jemand wollte glauben, dass sich die stolzen Preise von damals 8500 Markt am Markt durchsetzen lassen würden. Doch Paul G. Hahnemann, 1966 Vertriebsvorstand von BMW, behielt recht. Heute ist der Wettbewerb sehr viel härter, doch die Verantwortlichen dürfen darauf hoffen, dass die Werte von einst die Dreier-Reihe in eine weiterhin ertragreiche Zukunft tragen. Dass diese nach wie vor vorhandenen Werte heute nur noch Beilage sind, stört kaum – sofern die Kunden mit den neuen weiterhin die Margen-Wünsche der Aktionäre erfüllen. Wer nun immer noch von Dingen wie einem bezahlbaren Sechszylinder träumt, dem sei der längst verblichene Domenico Modugno mit auf den Weg gegeben – „Ein solcher Traum kehrt sicher nie wieder.“ (mfz)