Die Ereignisse in Moskau im Minutenprotokoll Wie die Nawalny-Trauerfeier zur Kundgebung wurde
In der Kirche nahm seine Familie Abschied am offenen Sarg, draußen zeigten Tausende Russen ihre Anteilnahme und ihre Wut: SPIEGEL-Korrespondentin Christina Hebel erlebte die Szenen vor Ort in Moskau. Die Ereignisse im Minutenprotokoll.
Mit
Henrik Bahlmann,
Ann-Dorit Boy,
Alexander Chernyshev,
Christina Hebel und
Sebastian Stoll, Hamburg und Moskau
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Alexej Nawalny ist beerdigt, damit endet auch vorerst dieser Liveblog. Alle weiteren Entwicklungen zu den Protesten in Moskau und der weiteren Weltlage lesen Sie selbstverständlich weiter bei SPIEGEL.de.
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Die Behörden haben den Friedhof noch nicht geschlossen – obwohl offiziell um 15 Uhr deutscher Zeit Schluss sein sollte. Menschen kommen weiter auf das Friedhofsgelände, um sich von Nawalny zu verabschieden. Das lässt uns hoffen, dass die Trauerfeier im Viertel Marino friedlich bleibt.
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Eine Versammlung wie seit Jahren nicht – Trauerzug wird zum Protest für Frieden und Freiheit
Zur Trauerfeier von Alexej Nawalny kommen Tausende Menschen – trotz Einschüchterungen und massiver Repressionen trauen sie sich auf die Straße. Die Sicherheitsbehörden haben mit diesem Auflauf nicht gerechnet, die Menschen haben das schnell gemerkt und den Trauerzug in einen Protestzug für Freiheit und Frieden umfunktioniert. Sie trauten sich sogar, »Nein zum Krieg« und »Putin ist ein Mörder« zu rufen. »Endlich sehe ich Menschen, die wie wir denken«, sagte eine junge Frau mir. Solch eine Versammlung hat Moskau seit Jahren nicht erlebt, wohl zuletzt 2021.
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Auch wenn die Sicherheitsbehörden heute überfordert scheinen und es zu verhältnismäßig wenig Festnahmen gekommen ist: Letzteres muss nicht so bleiben. Der »Guardian«-Reporter Pjotr Sauer geht davon aus, dass der Geheimdienst FSB in den kommenden Tagen und Wochen noch an einige Türen klopfen wird.
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In diesen Minuten macht der Friedhof offiziell zu. Die Frage ist, ob man die Menschen, die noch nicht auf dem Gelände sind, reinlässt. Wenn nicht, könnten sich die Spannungen verschärfen. Ein Reporter der »Nowaja Gaseta« berichtet, es würden immer mehr Sicherheitskräfte kommen.
Ein Mann wartet mit einer Rose vor dem Friedhofseingang. Foto: Reuters
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Die Menschen rufen »Danke«, als sie die Mutter von Nawalny sehen.
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Vor dem Friedhof: Menschen drängen weiter vor, wollen zum Grab von Nawalny. Die Sicherheitsbehörden wirken überfordert, schicken die Menschen zurück. Überall sind Absperrgitter, Einheiten der Sonderpolizei und Polizisten im Einsatz.
DER SPIEGEL
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Alle, die sich von Alexej Nawalny verabschieden wollen, sollen nun auf das Friedhofsgelände dürfen, sagt im Livestream Nawalnys Mitstreiter Ruslan Schawetdinow. Ob das klappt, ist allerdings unklar.
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Trotz aller Einschränkungen, Schikanen und Sicherheitsvorkehrungen scheint Russlands Machthaber Putin ganz hässliche Bilder kurz vor seiner inszenierten Wiederwahl vermeiden zu wollen. Weiterhin lassen die Polizisten den Trauermarsch weitgehend gewähren. »Russland ohne Putin!« und »Nein zum Krieg!« rufen Leute aller Altersklassen. Andernorts hätten solche Slogans bereits zum Zugriff der Polizei geführt.
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Es wirkt so, als hätten die Sicherheitsbehörden nicht mit so vielen Menschen gerechnet. Sie sind auch aus anderen Städten extra angereist. »Ich konnte nicht anders, ich will mich von Alexej verabschieden. Er war ein Vorbild für mich, er hat keine Angst gezeigt«, sagt mir ein junger Mann aus Sankt Petersburg, 20 Jahre. Er ist mit 13 Freunden mit dem Nachtzug morgens in Moskau angekommen.
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Zwei Leser des russischsprachigen Mediums »Mediazona« erzählen unabhängig voneinander von Männern in Zivilkleidung, die andere Trauernde dazu aufrufen, den Protest zum Kreml zu bringen. Diese hätten den Polizisten mit zwei Fingern das V-Zeichen gezeigt, daraufhin hätten diese die Männer hinter die Absperrung gelassen. Vermutlich geht es um eine Provokation, die die Trauernden und Nawalny-Team diskreditieren soll.
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Julija Nawalnaja, die Witwe des Oppositionellen, konnte wie die beiden Kinder Darja und Sachar nicht an seiner Beerdigung in Russland teilnehmen. Nach ihrer offenen Kampfansage an Wladimir Putin hielten viele eine solche Reise für zu riskant. Zu ihrer eigenen Sicherheit halten sich die drei im Ausland auf. Nawalnaja hat gerade eine Botschaft an ihren verstorbenen Mann veröffentlicht:
»Ljoscha, ich danke dir für 26 Jahre absolutes Glück. Ja, sogar für die letzten drei Jahre des Glücks. Für die Liebe, dafür, dass du mich immer unterstützt hast, dass du mich sogar im Gefängnis zum Lachen gebracht hast, dass du immer an mich gedacht hast. Ich weiß nicht, wie ich ohne dich leben soll, aber ich werde mein Bestes geben, damit du dich da oben für mich freust und stolz auf mich bist. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe oder nicht, aber ich werde es versuchen.«
»Ljoscha, ich danke dir für 26 Jahre absolutes Glück. Ja, sogar für die letzten drei Jahre des Glücks. Für die Liebe, dafür, dass du mich immer unterstützt hast, dass du mich sogar im Gefängnis zum Lachen gebracht hast, dass du immer an mich gedacht hast. Ich weiß nicht, wie ich ohne dich leben soll, aber ich werde mein Bestes geben, damit du dich da oben für mich freust und stolz auf mich bist. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe oder nicht, aber ich werde es versuchen.«
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In der Nähe des Friedhofs viel Polizei, auch in den Hinterhöfen. Menschen versuchen weiterzukommen.
DER SPIEGEL
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Es gibt immer mehr Bilder aus Marino. Von Menschenmassen, Sicherheitskräften, Blumen. Erst allmählich wird deutlich, wie viele Menschen wirklich in den Moskauer Stadtteil gekommen sind, um Alexej Nawalny zu gedenken.
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Nawalnys Sarg ins Grab gesenkt
Der Sarg mit dem Leichnam von Alexej Nawalny wurde zu den Klängen von »My way« von Frank Sinatra ins Grab gesenkt, berichtet auf Telegram Iwan Schdanow, der Leiter von Nawalnys Antikorruptionsstiftung. Menschen werfen nun eine Handvoll Erde in den Sarg. Das Orchester spielt Musik aus »Terminator 2«. Wie sich Leonid Wolkow erinnert, hat Nawalny selbst diesen Film wiederholt als »den größten Film aller Zeiten und Völker« bezeichnet.
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Vom Friedhof erreichen uns wackelige Videoaufnahmen durch das Gittertor. Am offenen Sarg verabschieden sich Verwandte von Alexej Nawalny. Mutter und Vater küssen den toten Sohn, andere bekreuzigen sich oder streicheln das Haar des Oppositionellen. Dann werden Tücher auf sein Gesicht gebreitet, der Sarg geht zu. Die vielen Menschen, die sich noch auf dem Weg zum Friedhof befinden, werden Nawalny nicht mehr sehen.
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Der russische Journalist Alexander Pluschew hat in seinem Telegram-Kanal Videoaufnahmen veröffentlicht, die eine erste Festnahme in Marino zeigen sollen. Die Hintergründe sind bislang unklar.
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Menschen skandieren »Nein zum Krieg«
Tausende bewegen sich weiter Richtung Friedhof, der Trauerzug verwandelt sich in einen Protestzug, ich hätte solche Bilder nicht für möglich gehalten, es ist wie ein Ventil, das sich öffnet, die Leute rufen auch »Nein zum Krieg« und »Russland ohne Putin«. Es fahren Gefangenentransporter Richtung Friedhof über die Brücke, über die wir gehen.
DER SPIEGEL
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Iwan Schdanow, der Leiter von Nawalnys Antikorruptionsstiftung, erklärt auf Telegram, wie es am Friedhof weitergehen soll: »Der Sarg wird gleich herausgeholt, und der Deckel. Die Familie verabschiedet sich. Der Sarg wird geschlossen und mit einer speziellen Hebebühne in das Grab hinabgelassen. Dann können alle Leute nach zum Grab kommen und eine Handvoll Erde werfen.«
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Viele Trauernde sind noch unterwegs. Der Sarg mit dem Leichnam von Alexej Nawalny ist hingegen schon am Friedhof angekommen. Das zeigen Bilder eines Livestreams der Nachrichtenagentur Reuters. Darauf zu sehen sind ein Foto Nawalnys und ein Kreuz, die vor dem Sarg auf den Friedhof getragen werden. Auch die Eltern Nawalnys sind zu sehen. Wir würden Ihnen gern den Livestream präsentieren, jedoch bricht offenbar wiederholt die Verbindung nach Moskau zusammen.
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Per Sprachnachricht schickt uns Christina Hebel einige Eindrücke von dem Zug der Trauernden zum Friedhof. Es sei massiv, sagt sie uns. »Mit so viel Leuten habe ich einfach nicht gerechnet.« Es sei, als ob die Zensurgesetze nicht gelten würden. »Es sind einfach wahnsinnig viele Menschen«.
Christina Hebel / DER SPIEGEL
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Sonderpolizisten, die Stellung bezogen haben.
DER SPIEGEL
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Die Trauernden gehen nun zu dem etwa eine halbe Stunde entfernten Friedhof, dem kleinen früheren Dorffriedhof Borissowskoje, wo Nawalny beerdigt werden soll. Bisher halten sich die Sicherheitskräfte offenbar zurück und es ist nicht zu den massenhaften Festnahmen gekommen, die viele befürchtet hatten. Aber die Gefahr eines Zugriffs bleibt weiterhin groß: Die Menschen skandieren immer wieder auch politische Losungen wie »Russland ohne Putin!« oder nennen den Machthaber einen »Mörder«. Durchgehend aber rufen sie »Nawalny!«.
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Einen bemerkenswerten Protest gegen das Regime gibt es in Marino nicht zum ersten Mal. Im Jahr 2015 fand hier die Demonstration mit dem Namen »Für den Machtwechsel« statt. Die Moskauer Behörden wollten der Opposition keine Demonstration im Stadtzentrum erlauben und boten Marino als eine Alternative an. Es war das erste Mal, dass die Opposition nicht im Zentrum Moskaus protestieren durfte. An der Demo nahmen vier- bis zehntausend Menschen teil. Im heutigen Russland kann man sich die Demonstrationen, die von Behörden offiziell erlaubt sind, nicht mehr vorstellen.
Als Letzter betrat Alexej Nawalny damals die Bühne. »Mein persönlicher Plan ist es, zu versuchen, ein anständiger Mensch zu bleiben«, sagte er damals. Es gibt übrigens ein Foto von dem damaligen Protestzug. Gepostet hatte es – Alexej Nawalny.
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Die orthodoxe Trauerfeier im Inneren der Kirche ist im Eiltempo durchgeführt worden. Neben den Eltern Nawalnys waren offenbar rund 150 Menschen eingelassen worden. Ein Bild drang nach außen, auf dem der Oppositionelle im offenen Sarg zu sehen ist. Seine Eltern sitzen links vom Sarg. Die Trauernden halten Kerzen.
Screenshot
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