Menge: »Schuldig!«
Der Jubel in Minneapolis ist groß: Im Prozess um den Tod des Schwarzen George Floyd hat das Gericht den weißen Ex-Polizisten Derek Chauvin schuldig gesprochen – in allen drei Anklagepunkten.
Menge: »Alle drei Punkte! Alle drei Punkte!«
Anders als die jubelnde Menge vor dem Gerichtsgebäude nahm Chauvin das Urteil regungslos zur Kenntnis. Der Richter verlas den Schuldspruch wegen Totschlags zweiten Grades sowie Mordes zweiten und dritten Grades. Der Ex-Polizist wurde direkt nach der Urteilsverkündung festgenommen.
Das genaue Strafmaß wird der Richter erst in einigen Wochen festlegen – Chauvin könnte nach Ansicht von Experten bis zu 40 Jahre Gefängnis bekommen. Die zwölf Geschworenen kamen nach weniger als elf Stunden zu ihrem einstimmigen Urteil. Einen Schuldspruch dieser Art hat es in den USA noch nie gegeben.
Philipp Oehmke, DER SPIEGEL:
»Die meisten bekannten Fälle von Tötungen schwarzer Bürger durch die Polizei sind entweder gar nicht zur Anklage gekommen oder endeten in einem sogenannten »mistrial«, also einem Fehlverfahren oder gar einem Freispruch. Dass ein weißer Polizist auch unter Mitwirkung anderer Polizisten, seiner Kollegen, zu bis zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt wird für eine solche Tat, ist tatsächlich ein Unikum.«
Seit dem Mord steht George Floyds Name symbolisch für die landesweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA. Für die Black Lives Matter-Bewegung ist das Urteil ein Meilenstein.
Philipp Oehmke, DER SPIEGEL:
»Dennoch darf man sich nicht täuschen: allein während des Prozesses, allein während der letzten drei Wochen, sind weitere über 60 Menschen in den USA von der Polizei erschossen worden. Vergangene Woche hier in Minneapolis, als nur zehn Meilen von dem Gericht entfernt eine weiße Polizistin einen 20-jährigen schwarzen Jungen erschoss.«
Nach dem Urteil telefonierte US-Präsident Joe Biden mit George Floyds Familie und wandte sich gemeinsam mit Vizepärsidentin Kamala Harris an die Öffentlichkeit:
Joe Biden, US-Präsident:
»Es war ein Mord im vollen Licht des Tages und er hat der ganzen Welt die Schueklappen heruntergerissen. Sodass sie den systemischen Rassismus sieht, von dem die Vizepräsidentin gerade gesprochen hat. Den systemischen Rassismus, der ein Schandfleck auf der Seele unserer Nation ist, das Knie im Nacken der Gerechtigkeit für schwarze Amerikaner, die tiefe Angst und das Trauma. Der Schmerz, die Erschöpfung, die schwarze und braune Amerikaner jeden einzelnen Tag erleben.«
"Es war ein Mord im vollen Licht des Tages und er hat der ganzen Welt die Schueklappen heruntergerissen. Sodass sie den systemischen Rassismus sieht, von dem die Vizepräsidentin gerade gesprochen hat. Den systemischen Rassismus, der ein Schandfleck auf der Seele unserer Nation ist, das Knie im Nacken der Gerechtigkeit für schwarze Amerikaner, die tiefe Angst und das Trauma. Der Schmerz, die Erschöpfung, die schwarze und braune Amerikaner jeden einzelnen Tag erleben."
In den Tagen vor dem Urteil war die Stimmung in Minneapolis angespannt: Geschäfte waren verriegelt, Polizeistationen zu Festungen ausgebaut. Die Nationalgarde patrouillierte in den Straßen. Doch die befürchteten Proteste blieben nach dem Urteilsspruch aus.
Auch auf dem Black Lives Matter Plaza in Washington war es am Abend und in der Nacht ruhig. Der Kampf gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA geht aber auch nach dem Urteil weiter.