Porträt des US-Immunologen Anthony Fauci Nah an der Macht, ganz unpolitisch
Anthony Fauci: "Ich fühle mich nie hilflos. Hilflos bedeutet, dass Sie nichts tun können. Und es gibt eine Menge, was wir tun können. Es liegt an uns, es tatsächlich zu machen. Ich werde nicht depressiv. Ich bin Wissenschaftler und Beamter im Gesundheitswesen. Ich habe keine emotionale Reaktion auf einen Ausbruch. Ich habe eine Reaktion auf die öffentliche Gesundheit. Ich bin nie demoralisiert. Ich bin ein vorsichtiger Optimist. Ich bin Realist. Ich werde nicht depressiv.”
Dieser eher unscheinbare Mann ist der bekannteste Immunologe der USA. In der Coronakrise vertrauen ihm die meisten Amerikaner mehr als dem Präsidenten, viele verehren ihn. Als am 23. Juli die Baseball-Liga startete, war es Anthony Fauci, der den FIRST PITCH machen durfte - also den traditionellen ersten Wurf der Saison. Gewöhnlich ist das eine Ehre, die dem Präsidenten zu Teil wird….
Zu Beginn der Pandemie trat Fauci häufig an der Seite Donald Trumps auf. Er spreche täglich mindestens eine Stunde mit dem Präsidenten, sagte Fauci damals der New York Times.
Fauci: "Ich denke, ich bin ziemlich klar, in dem, was ich denke. Der Präsident ist eine clevere Person. Er versteht Sachverhalte. Er hat seine eigenen Ideen über Dinge. Er drückt sie dann in einer anderen Art und Weise aus.
Der 79-Jährige leitet seit 1984 das Nationale Zentrum für Infektionskrankheiten. Bekannt wurde Fauci in den 80er-Jahren als Kopf im Kampf gegen Aids. In letzter Zeit sah man ihn nur noch selten im Rampenlicht. Trump passte es nicht, dass Fauci es wagte, ihn zu kritisieren. Auch die Popularität des Wissenschaftlers missfiel ihm.
Donald Trump "Wir arbeiten sehr eng mit Dr. Fauci zusammen und mit Dr. Birx, ebenso hochangesehen. Beide sind hochgeschätzt. Aber mich mag keiner. Das muss an meiner Persönlichkeit liegen.”
Monatelang hat der US-Präsident nicht persönlich mit Fauci gesprochen. Erst vergangene Woche gab es doch wieder einen direkten Kontakt: Der Präsident habe sich bei ihm über einen möglichen Impfstoff erkundigt, erklärte Fauci gegenüber dem SPIEGEL.
Anthony Fauci: Eine der Gründe, warum ich sechs Präsidenten, angefangen bei Ronald Reagan, effektiv und erfolgreich beraten habe ist, dass ich komplett unpolitisch bleibe. Ich bin Wissenschaftler. Ich bin Physiker.
Mehr als 5, 5 Millionen bestätigte Infizierte. Über 173.000 Tote - mehr als jedes anderes Land. Erschreckende Zahlen aus den USA. Für Fauci aber kein Grund zur Resignation.
Fauci: Ich habe nie darüber nachgedacht, zurückzutreten.
Um die Pandemie in den Griff zu bekommen, muss ein Impfstoff gefunden werden. Wie stehen die Chancen?
Fauci: "Der Grund dafür, dass ich und meine Kollegen - obwohl wir nicht garantieren können, ich sage nicht überzeugt, ich sage, vorsichtig optimistisch, dass wir einen wirksamen Impfstoff haben werden bis Ende des Jahres, ist, dass die frühen Studien mit mehreren Kandidaten, Tierstudien, und in der jüngsten Phase Humanstudien, darauf hindeuten, dass dieser Impfstoff oder diese Impfstoffe, eine Reaktion beim Menschen auslösen können."
Anthony Fauci - das Gesicht des wissenschaftlichen Kampfes gegen Corona in den USA. Und das Gesicht der Vernunft: Unbeirrt von Donald Trumps politischem Druck macht er weiter. Unaufgeregt, analytisch und überraschend entspannt.