Bernie Sanders nach Vorwahl-Rückschlägen Der Trotzkopf
US-Senator Bernie Sanders bei der Pressekonferenz in Vermont nach dem bitteren Wahldienstag
Foto: Lucas Jackson / REUTERSEs war, ganz zum Schluss, doch ein erstaunliches Eingeständnis für einen notorischen Trotzkopf wie Bernie Sanders. Nachdem der Senator aus Vermont erklärt hatte, dass die Mehrheit der Amerikaner seine Forderung nach einer staatlichen Krankenversicherung teilt; nachdem er betont hatte, dass die Bürger ein Ende aller Studiengebühren verlangen und er zur Sicherheit auch noch einmal klargestellt hatte, dass er und nur er in der Lage ist, junge Wähler zu begeistern - nach diesem langen Eigenlob also gestand Sanders ein, dass sein Konkurrent Joe Biden vielleicht doch der bessere Kandidat gegen Donald Trump sein könnte.
"Während unsere Kampagne die Debatte über die ideologischen Ausrichtung gewinnt, verlieren wir die Debatte über die Frage, wer die besten Wahlchancen hat", sagte Sander am Mittwochmittag in einer eilends einberufenen Pressekonferenz in seiner Heimatstadt Burlington. Immer wieder kämen Menschen auf ihn zu und sagten ihm, dass sie zwar mit seiner Politik einverstanden seien, sagte Sander. Aber dennoch kämen sie zu dem Ergebnis, dass Biden die besseren Chancen habe, Trump zu schlagen.
Der Verlust von Michigan war bitter
Mehr als zwölf Stunden hatte Sanders gebraucht, um nach der bitteren Niederlage bei der zweiten großen Runde der demokratischen Vorwahlen wieder seine Stimme zu finden. Gleich vier Bundesstaaten hatte Sanders verloren: Idaho, Mississippi, Missouri und Michigan. Vor allem der Verlust von Michigan war bitter. Nicht nur, weil Sanders den Staat noch im Jahr 2016 gegen Hillary Clinton gewonnen hatte. Sondern auch, weil er eine Brandmauer bilden sollte. Nach dem enttäuschenden Abschneiden beim Super Tuesday vor einer Woche wollte Sanders wenigstens in Michigan beweisen, dass er fähig ist, eine neue Koalition aus Arbeitern, jungen Wählern und Progressiven zu schmieden. Aber dieses Versprechen löste er nicht ein. Zwar ist Sanders immer noch führend, wenn es um Wähler unter 30 geht. Aber die Arbeiter und die Senioren halten zu Biden; das gilt auch für die schwarzen Wähler. Und diese Blöcke sind viel entscheidender als die vergleichsweise kleine Gruppe der Jungwähler.
Sanders ist deshalb nun in einer fast aussichtslosen Lage.
In der kommenden Woche stehen Vorwahlen in Florida, Arizona, Illinois und Ohio an. In all diesen Staaten hat Sanders im Jahr 2016 gegen Clinton verloren, und es spricht wenig dafür, dass sich das Blatt wendet, im Gegenteil: Viele Demokraten, die 2016 noch für Sanders gestimmt hatten, wenden sich nun Biden zu - das zeigte sich am Super Tuesday, und das zeigte sich auch am Dienstagabend dieser Woche. Dazu kommt, dass Sanders seine Stärken vor allem im direkten Dialog mit dem Publikum ausspielen kann. Wegen des Coronavirus aber wird es auf absehbare Zeit keine Großveranstaltungen mehr geben – was Biden in die Hände spielt, der solange staatsmännisch wirkt, wie er nicht hinter einem Mikrofon steht.
Angesichts dieser prekären Ausgangslage hatten schon Gerüchte die Runde gemacht, dass Sanders vorzeitig aus dem Rennen um die Kandidatur aussteigen könnte. Diese hat er mit seinem Auftritt in Burlington zwar erst einmal ausgetreten. Sanders machte klar, dass er die Chance nutzen will, am Sonntag in einem direkten Fernsehduell gegen Biden anzutreten. Das alles überragende Ziel sei es, Trump zu schlagen, sagte Sanders: "Das amerikanische Volk wird dann die Gelegenheit haben, selbst zu beurteilen, wer dafür am besten geeignet ist."
Aber aus Sanders‘ Worten konnte man auch heraushören, dass er keine aussichtslose Abnutzungsschlacht führen wird. Sein Plan ist offenkundig, sich ein letztes Mal in Position zu bringen. Dieser Vorwahlkampf hat schon viele irre Wendungen genommen. Vielleicht landet Sanders in der Fernsehdebatte ja einen Glückstreffer und streckt Biden zu Boden. Vielleicht tritt sogar der noch viel größere Glücksfall ein, und Sanders holt am nächsten Dienstag einen wichtigen Bundesstaat wie Illinois oder Florida. Dann könnte er mit allem Recht ein Comeback für sich reklamieren.
Auch als Verlierer kann Sanders noch etwas bewegen
Wenn nicht, hat Sanders immer noch die Möglichkeit, erhobenen Hauptes aus dem Rennen auszusteigen. Der Senator weiß, dass er auch als Verlierer noch großen Einfluss hat. Sanders verfügt über Fans, die ihm folgen wie einem Guru. Clinton hatte im Jahr 2016 auch deshalb gegen Trump verloren, weil die Anhänger von Sanders entweder nicht zur Wahl gegangen sind – oder gleich für den Populisten von rechts gestimmt haben.
Die große Frage ist, wie Sanders seinen Einfluss nutzen will. Naheliegend wäre, den Posten des Vizepräsidenten zu beanspruchen. Praktisch allerdings ist das so gut wie ausgeschlossen, weil Sanders mit 78 Jahren noch ein Jahr älter ist als Biden: ein Spitzenduo, das es zusammen auf das stolze Alter von 155 Jahren bringt, ist den Amerikaner kaum zu vermitteln.
Wahrscheinlicher erscheint, dass Sanders seinen Konkurrenten zu politischen Zusagen zwingen will: etwa die Abschaffung der Studiengebühren oder eine kräftige Erhöhung des Mindestlohns. In seinem Auftritt in Vermont hat Sanders jedenfalls schon angekündigt, dass er Biden am Sonntag zu diesen Themen grillen wird: "Ich werde fragen: Joe, was wirst Du tun?" Wenn Biden zu erkennen gibt, dass er zu einem Entgegenkommen bereit ist, könnte Sanders seinen Fans erklären, dass es nun an der Zeit ist, die Bühne zu räumen.