Kramatorsk, Oblast Donezk/Ukraine
»Wartet, bitte wartet! Mein Mann ist gehbehindert!«
Versuch, in einen der wenigen Züge aus Kramatorsk im Donbass zu gelangen. Hier, unweit der Frontlinie, steht an Tag Eins des Kriegsbeginns ein Evakuierungszug bereit, um die Menschen Richtung Westen, nach Lwiw zu bringen.
Die Industriestadt Kramatorsk gehörte zu den ersten Städten, die angegriffen wurden, am frühen Donnerstagmorgen gab es mehrere Explosionen.
Andrej, aus Kramatorsk
»Es war ein früher Weckruf heute – das war gar nicht lustig. Jetzt fahre ich erstmal nach Kiew. Von dort versuche ich Richtung Westen zu kommen. Irgendwohin, wo es ruhiger ist. Keiner weiß ja, was passieren wird. Aber wenn Truppen aus dem Osten kommen, werden sie durch diese Stadt kommen. Also ist es besser zu fliehen.«
Martin, Geschäftsreisender aus Dnipro
»Ich habe keinen Plan B. Wir müssen Kramatorsk auf jeden Fall verlassen, wir haben hier keine Bleibe. Wir waren nur auf Geschäftsreise aus Dnipro hier. Eigentlich sollte der Evakuierungszug dorthin fahren. Aber jetzt stellte sich heraus, er fährt gar nicht nach Dnipro, sondern über Poltawa nach Lwiw. Also müssen wir auf einen nächsten Zug warten. Und versuchen, weiterzukommen.«
Viele der regulären Züge sind bereits gestrichen, einfach ist das Weiterkommen nicht. Und die Flucht aus der Stadt ist nicht für alle eine Option.
Jana, Trainerin aus Kramatorsk
»Wissen Sie, es gibt genug Menschen, die einfach nicht wegkönnen. Sie haben Babys, oder müssen sich um betagte Eltern kümmern, oder haben kein Geld. Deshalb will ich auch nicht gehen. Diese Menschen sind hier, sie sind Ukrainer – und sie wollen, dass diese Region ukrainisch bleibt.«
Alex, Journalist aus Kramatorsk
»Es war ein beängstigender Morgen. Ich hatte ehrlich gesagt große Angst. Aber jetzt weiß ich, was zu tun ist. Wenn es eine große Evakuierung geben wird, werden wir auch gehen – aber jetzt bleiben wir erst zuhause und arbeiten. Morgen werden wir den Leuten beibringen, wie sie sich bei einer Bombardierung verhalten sollen.«
Jana, Trainerin aus Kramatorsk
»Was sollen wir tun? Wir müssen kämpfen und unser Land und diese Region schützen. Wir arbeiten also hier und gehen nicht weg.«
Amedov, aus Kramatorsk
»Diese Angriffe, damit versuchen sie uns nur zu erschrecken und Panik zu erzeugen. Ich habe einen Freund zu Besuch, er fährt jetzt ab. Aber ich sage es nochmal: Wir hier aus Kramatorsk, die Einheimischen, haben keine Angst. Und auch unsere Soldaten haben keine Angst. Wir warten. Ich hoffe, die Lage beruhigt sich und alles hört wieder auf. Aber wenn nicht, würden wir bis zum Ende für unser Land kämpfen. Für unsere geliebte Ukraine.«
Angesichts der Entwicklung seit Donnerstagfrüh, ist vermutlich weniger die Frage ob, sondern wann die russischen Truppen nach Kramatorsk vorrücken.