Moria - Traumatisierte Flüchtlingskinder: "Ihre Körper waren Orte des Schreckens" - DER SPIEGEL
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Traumatisierte Flüchtlingskinder aus Moria Der Horror im Kopf

Deutschland nimmt 150 Kinder aus dem Camp Moria auf - einem absoluten Krisengebiet. Welchen Schaden hat ihre Seele genommen, was tragen sie mit sich? Besuch in einem Zentrum für traumatisierte Kinder.
Aus Hamburg berichten Maria Stöhr und Maria Feck (Fotos)
Eltern rennen mit ihren Kindern aus dem brennenden Camp Moria. "Das sind zerstörte Seelen", sagt Traumatherapeut Andreas Krüger.
Eltern rennen mit ihren Kindern aus dem brennenden Camp Moria. "Das sind zerstörte Seelen", sagt Traumatherapeut Andreas Krüger.

Eltern rennen mit ihren Kindern aus dem brennenden Camp Moria. "Das sind zerstörte Seelen", sagt Traumatherapeut Andreas Krüger.

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ANGELOS TZORTZINIS / AFP

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Wenn der Horror kommt, passieren im Körper eines Menschen, erst mal, ganz kleine Dinge. Es wird Stress ausgelöst, der im Mittelhirn die Amygdala aktiviert, auch Mandelkern genannt. Von dort startet ein Notfallprogramm im Körper, ein System, das den Menschen in dauerhaftem Alarmzustand hält.

Das ihm den Schlaf nimmt. Das ihn das Erlebte wieder und wieder erinnern und durchleben - und keinen Schmerz vergessen lässt.

Ein Programm, das läuft und läuft und läuft. Bis man es abschaltet.

Dafür ist Andreas Krüger zuständig.

Krüger, 55, ist Psychiater und Psychologe, und er behandelt traumatisierte Kinder und Jugendliche. Mädchen und Jungen, die Zeugen von Schreckenstaten wurden. Kinder, bei denen es "klick" gemacht hat im Kopf, wie Krüger das sagt. Deren Körper auf Krisenmodus geschaltet haben.

Andreas Krüger an seinem Arbeitsplatz: "Fiebermessen in der Seele"

Andreas Krüger an seinem Arbeitsplatz: "Fiebermessen in der Seele"

Foto: Maria Feck

Wir treffen uns mit Krüger am Tag, bevor die ersten 50 Minderjährigen aus dem abgebrannten Camp Moria in Hannover landen. Insgesamt sollen etwa 150 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus dem Elendslager nach Deutschland kommen. Viele von ihnen haben die Flucht übers Mittelmeer auf Booten erlebt, kommen aus Syrien, Afghanistan, Somalia, mitten aus dem Krieg. Sie waren dabei, als ihre Zelte Anfang September in Flammen standen, und sie haben Monate und Jahre ihrer Kindheit in Unsicherheit verbracht.

Was tragen diese Kinder mit sich, wenn sie hier ankommen?

In Hamburg-Eppendorf liegt Ende September Laub auf den Gehsteigen, dann biegt man einmal links ab und steht vor einer Villa mit weißem Anstrich. Hier drin befindet sich das "Ankerland", ein Therapiezentrum für schwer traumatisierte Kinder, es ist Krügers Arbeitsplatz. Die kleinen Patientinnen und Patienten sind an diesem Tag schon weg. Aber überall liegen Sachen rum, die an sie erinnern. Zum Beispiel die getöpferten Elefanten auf den Fenstersimsen oder das Bild aus Wasserfarben, mit den Bäumen und der Schaukel, das im Eingangsbereich hängt.

Die Kinder der Villa "Ankerland" haben unterschiedlichste Traumata erlebt: Verkehrsunfälle, Missbrauch, Flucht

Die Kinder der Villa "Ankerland" haben unterschiedlichste Traumata erlebt: Verkehrsunfälle, Missbrauch, Flucht

Foto: Maria Feck

Die Kinder kommen ambulant hierher, drei Stunden pro Woche (lesen Sie mehr über "Ankerland" in der Bilderstrecke). Ungefähr 60 Therapieplätze gibt es, davon werden 20 Prozent für Flüchtlingskinder reserviert. Andreas Krüger hat Erfahrung damit, wie es Kindern geht, die die Flucht erlebten. Er nennt es "Fiebermessen in der Seele".

Krüger sagt: "Die Flüchtlingskinder, die nach Deutschland kommen, sind alle mehrfach traumatisiert. Sie haben mehr als eine schlimme Sache erlebt. Das ist erst mal bis zum Beweis des Gegenteils anzunehmen."

"Das sind zerstörte Seelen. Ihre Körper waren Orte des Schreckens"

Andreas Krüger über traumatisierte Flüchtlingskinder

Dann redet er von den Kindern, die auf der Flucht verloren gingen und wiedergefunden wurden oder wichtige Bezugspersonen zu Hause zurücklassen mussten. Von gefolterten Kindern, von sexuellem Missbrauch, Tod der Eltern, "da bricht fast jede Psyche ein", sagt er.

Es gibt Flüchtlingskinder im Grundschulalter, die sich selbst verletzen oder suizidal sind. "Das sind schwer beschädigte Seelen. Ihre Körper waren oft Orte des Schreckens."

Fotostrecke

Fiebermessen in der Seele - Besuch im "Ankerland"

Foto: Maria Feck

Ein Junge habe jedes Mal, wenn er jemanden in Uniform gesehen habe, plötzlich seine Beine nicht mehr bewegen können. Er sei dann in sich zusammen gesackt, wie gelähmt. Flashback nennt man das, bildhafte Erinnerungen an ein traumatisches Erlebnis. Ein Horrorfilm ohne Ende. Die Uniform war sein Trigger, sie zog ihn zurück an den Ort und den Moment, als ein Terroranschlag in seiner Heimat Afghanistan viele Menschen tötete. Der Junge hatte sich damals retten können. Doch die Traumafolgen ließen ihn, auch in Deutschland, in Sicherheit, keine Ruhe finden. Sie lösten eine körperliche Reaktion aus.

Andere Kinder spürten noch Jahre später, sagt Krüger, Schmerzen an Körperteilen, an denen sie einmal gefoltert wurden. Sie brauchten dann Schmerzmedikamente in hoher Dosis, obwohl es keinen körperlichen Befund gebe.

Auch die Kunsttherapie gehört zur Behandlung der Traumafolgen: Denn für manche Gefühle gibt es keine Worte

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Foto: Maria Feck

Fast alle Kinder aus Kriegsgebieten hätten Bewusstseinsstörungen. Momente, in denen die Mädchen und Jungen wie weggeschaltet wirken, nicht ansprechbar sind. Momente, in denen sie, wenn sie in den Spiegel blicken, nicht mehr wissen: Bin ich das?

Oder Identitätsstörungen. Dann fühlt sich ein Fünfzehnjähriger wie ein Fünfjähriger, denkt so, handelt so, steckt fest. Dabei, sagt Krüger, spielt es keine große Rolle, ob die Kinder diese Schrecken selbst durchlebten oder ob sie Zeugen davon waren. Die Reaktion der Psyche kann dieselbe sein.

Welche Spuren hinterlassen die Schrecken der Flucht? In der Fachsprache heißen die Diagnosen Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und dissoziative Störungen. Wie stark gerade geflüchtete Kinder betroffen sind, dazu gibt es bisher wenig Forschung. Im Jahr 2018 ergab eine Studie der AOK, dass zwei von drei Kriegsflüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak mehrfach traumatisiert sind.

Dramatische Unterversorgung in Deutschland

Das Göttinger Max-Planck-Institut hat kürzlich 133 junge Flüchtlinge  befragt, die nach Deutschland gekommen waren. Das Ergebnis: Je mehr Schrecken auf der Flucht zusammengekommen waren, desto schwerer die nachweisbaren psychischen Störungen. Bei vier der Interviewten wurden psychotische Symptome diagnostiziert.

Die ersten Kinder aus Moria sind im Land, bald sollen noch weitere 100 Mädchen und Jungen nachkommen. Haben wir Antworten auf das, was sie am dringendsten benötigen?

Auf keinen Fall, sagt Andreas Krüger. Deutschland sei ja schon überfordert, die Trauma-Patienten im Land mit Therapieplätzen und Fachpersonal zu versorgen. Es gebe in dem Bereich ohnehin eine dramatische Unterversorgung. Auch für die Nöte der Geflüchteten und ihren Bedarf an angemessener therapeutischer Versorgung seien weder Bewusstsein noch Ressourcen da. Es gibt in den deutschen Aufnahmezentren zwar inzwischen auch geschultes Personal, das besonders Traumatisierte betreut, das genüge aber bei Weitem nicht.

Die Bundespsychotherapeuten-Kammer schätzt, dass nur vier Prozent psychisch kranker Flüchtlinge eine angemessene Behandlung erhalten. Ein Grund: das Asylbewerberleistungsgesetz. Es gesteht Flüchtlingen in den ersten 15 Monaten in Deutschland nur stark eingeschränkte Leistungen zu, ganz selten eine Psychotherapie.

Vogelhäuschen im Garten der Villa "Ankerland": Für die Kinder, die hier therapiert werden, soll es ein Ort der Sicherheit sein

Vogelhäuschen im Garten der Villa "Ankerland": Für die Kinder, die hier therapiert werden, soll es ein Ort der Sicherheit sein

Foto: Maria Feck

Damit geflüchtete junge Menschen heilen könnten, bräuchten sie zuerst einmal Sicherheit, ein Umfeld, das sie stützt, sagt Krüger. Dazu gehöre auch das Gefühl, dass Familie und Freunde sicher sind. "Solange Angehörige weiter im Krisengebiet leben oder die Kinder dauernd schlechte Nachrichten aus den Heimatländern empfangen, können sie sich nicht wirklich sicher fühlen", sagt Krüger. Allein das: ein fast unlösbares Problem.

Auch ein ungeklärter Asylstatus und die Angst vor der Abschiebung bergen solche Unsicherheiten. Es wäre schon viel geholfen, so Krüger, den Jugendlichen in diesem Punkt die Angst zu nehmen, ihnen ein Bleiberecht zu garantieren.

Im zweiten Schritt benötigen die Mädchen und Jungen vor allem eine gezielte intensive Traumatherapie. Mehrere Jahre, sagt Krüger: "Die Kinder müssen ganz dringend versorgt werden." Eine solche Behandlung kostet bei Ankerland etwa 12.000 Euro im Jahr. Die Jugendlichen nicht zu therapieren, käme Gesundheits- und Sozialsysteme aber viel teurer, so Krüger.

Halbwegs normales Leben dank richtiger Behandlung

Sie seien dann als Erwachsene anfälliger für alle möglichen körperlichen Leiden, könnten oft nie auf eigenen Füßen stehen. Die traumatischen Erfahrungen würde sie immer wieder einholen. Nicht zu handeln, wäre auch oft gefährlich: Denn Trauma-Folgestörungen wie PTBS können Menschen aggressiv machen, mit unkontrollierbaren Impulsdurchbrüchen, anfälliger dafür, Grenzen, auch strafrechtliche, zu übertreten.

Mit der richtigen Behandlung aber können die Kinder später halbwegs normale Leben führen, eine Ausbildung machen, arbeiten, teilhaben, Freunde finden. Sie können dann in Deutschland neu anfangen.

Dafür brauchen sie jemanden, der ihnen den Knopf zeigt, mit dem der Horror in ihrem Kopf gestoppt werden kann.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.