Bodenoffensive in Rafah Hamas droht mit Verhandlungsende bei israelischem Einmarsch
Bild vom 27. Januar: Israelischer Panzer in Chan Junis nördlich von Rafah
Foto: Mohammed Saber / EPADie radikalislamische Hamas will nicht weiter über die Freilassung von Geiseln verhandeln, sollte Israels Militär in Rafah einmarschieren. »Jede israelische Bodenoffensive in Rafah an der Grenze zum Gazastreifen wird die Verhandlungen über den Austausch von Geiseln zunichtemachen«, zitierte der Hamas-Fernsehsender Aqsa Television am Sonntag einen hochrangigen Hamas-Führer.
Der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu hat der Armee am Freitag den Befehl erteilt, nun auch eine Offensive auf Rafah im südlichsten Teil des Gazastreifens vorzubereiten. Rafah nahe der Grenze zu Ägypten ist der einzige Ort in dem Küstengebiet, in dem die Hamas noch die Kontrolle ausübt. Das Büro von Netanyahu gab keine Einzelheiten oder einen Zeitplan bekannt, nur, dass ein Fluchtkorridor geöffnet werden soll.
»Wir sind in dieser Sache nicht leichtsinnig«, sagte Netanyahu in einem Interview des US-Senders ABC News, aus dem der Sender in der Nacht zum Sonntag vorab in Auszügen berichtete. Man werde der Zivilbevölkerung einen »sicheren Korridor gewähren, damit sie das Gebiet verlassen kann«. Auf die Frage, wohin die weit mehr als eine Million Palästinenser in der an Ägypten angrenzenden Stadt gehen sollen, sagte Netanyahu demnach, dass man »einen detaillierten Plan« ausarbeite.
Die Militäroffensive gilt als hochproblematisch, da mehr als die Hälfte der 2,3 Millionen Menschen im Gazastreifen dort zusammengepfercht ist. Viele Palästinenser suchen dort auf engstem Raum Schutz. Aber nach ergebnislosen Waffenstillstandsgesprächen sagte Netanyahu diese Woche, die israelischen Streitkräfte würden bis zum »totalen Sieg« weiterkämpfen.
Das israelische Militär hatte Zivilisten zu Beginn seiner Offensive im Gazastreifen befohlen, nach Süden zu fliehen. Was die Frage aufwirft, wie Netanyahus »detaillierter Plan« aussieht. Seit Beginn des Krieges, den der Hamas-Überfall vom 7. Oktober auslöste, wurden rund zwei Drittel des Gebietes zur Evakuierungszone erklärt.
Hilfsorganisationen warnen daher, dass viele Menschen sterben werden bei einer Bodenoperation in Rafah. Nach Auskunft des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums wurden seit Beginn des Krieges knapp 28.000 Menschen getötet .
Blick auf ein provisorisches Lager in der Stadt Rafah im südlichen Gazastreifen
Foto: Yasser Qudih / dpaAuch Israels Nachbarländer, Partner und wichtige Vermittler warnten am Samstag vor einer Katastrophe und den Folgen, wenn das Militär seine Pläne umsetzt.
Der ägyptische Außenminister Sameh Shoukry sagte, jede israelische Bodenoffensive auf Rafah hätte »katastrophale Folgen« und versicherte, dass Israel beabsichtige, die Palästinenser schließlich aus ihrem Land zu vertreiben. Ägypten warnt, dass jede Bewegung von Palästinensern nach Ägypten den vier Jahrzehnte alten Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten gefährden würde.
Ein anderer Vermittler, Katar, prophezeit ebenfalls eine Katastrophe, und Saudi-Arabien kündigte »sehr schwerwiegenden Auswirkungen« an. Israels neue Taktik verursacht auch zunehmende Spannungen zwischen Netanyahu und den Vereinigten Staaten, deren Beamte sagten, eine Invasion in Rafah ohne Plan für die dortige Zivilbevölkerung würde zu großem Elend führen.
»Die Menschen in Gaza können sich nicht in Luft auflösen«, sagte die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock auf X und fügte hinzu, dass eine israelische Offensive auf Rafah eine »humanitäre Katastrophe im Entstehen« wäre.