»Affäre Ranucci« Italienischer Investigativjournalist entlassen – hat Meloni sich eingemischt?
TV-Star und Investigativreporter Sigfrido Ranucci: Wusste er von den Plänen, sein Haus zu bombardieren?
Foto: Stefano Colarieti / LaPresse / AP / dpaHat der populäre Investigativjournalist Sigfrido Ranucci versucht, eine politische Karriere vorzubereiten, indem er sein eigenes Haus bombardieren ließ? Oder nutzte die Regierung Meloni solche Gerüchte, um einen Kritiker kaltzustellen? Das sind die Fragen rund um die »Affäre Ranucci«, die Italien derzeit beschäftigt.
Im Kielwasser des noch ungeklärten Skandals gerät das öffentlich-rechtliche Sendernetzwerk Radiotelevisione Italiana (Rai) erneut in die Kritik. Spätestens seit den Regierungszeiten des Ministerpräsidenten und Immobilien- und Medienzaren Silvio Berlusconi steht die Verwaltungsstruktur von Rai immer wieder im Mittelpunkt hitziger Debatten. Die Kernfrage hier: Steht das Netzwerk zu sehr unter der Kontrolle der jeweiligen Regierung?
Begonnen hatte die »Affäre Ranucci« im Oktober 2025, als ein Bombenattentat auf das Haus des populären Investigativreporters verübt wurde. Zwei Autos wurden zerstört, niemand wurde verletzt. Ranucci genoss ab dem Zeitpunkt Personenschutz. Als Auftraggeber des Anschlages wurde damals die Mafia vermutet, über deren Machenschaften Ranucci immer wieder berichtet hatte. Der Moderator des populären Politmagazins »Report« gewann weiter an Ansehen.
Dann wurde jedoch Valter Lavitola verhaftet, ein enger Freund Ranuccis. Lavitola wird verdächtigt, den Bombenanschlag inszeniert zu haben, um Ranuccis Popularität zu steigern und ihn anschließend in die Politik zu drängen. Lavitola selbst hätte dann als Berater fungiert. Dies ging aus einem Schriftverkehr von Lavitola hervor, der im Zuge der Ermittlungen öffentlich geworden ist. Seit gut zwei Wochen befindet er sich in Untersuchungshaft, wo er gestand, den Anschlag in Auftrag gegeben zu haben.
Bisher nichts als Behauptungen
Ranucci behauptet, von all dem nichts gewusst zu haben. Doch die Senderleitung der Rai setzte ihn in der zurückliegenden Woche nach neun Jahren als Moderator von »Report« ab – angeblich auf Betreiben von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Ab November sollen zwei Ersatzmoderatoren seine Funktion übernehmen, ihrem Ruf nach stehen sie Meloni und ihrer postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia nahe.
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni: Gelegenheit genutzt, einen Kritiker kaltzustellen?
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Damit wurde die »Affäre Ranucci« am Samstag zu einem der beherrschenden Themen der italienischen Presse. Rai habe nur versucht, weiteren Schaden vom Sender abzuwenden, mutmaßten einige. Meloni habe die Gelegenheit genutzt, ein ihr kritisch gegenüberstehendes Format auf Linie zu bringen, vermuten andere.
»Report« ist eine der wenigen investigativen Sendungen im italienischen Fernsehen, dessen private Rundfunklandschaft historisch eng mit den Parteien der politischen Rechten verbunden ist.
Kritik löste der Schritt dementsprechend auch in der »Report«-Redaktion aus. In einer Stellungnahme bezeichneten die Beschäftigten das Vorgehen des Senders als inakzeptabel, da sie nicht in die Entscheidung einbezogen worden seien. Die beiden neuen Moderatoren stünden »in keiner Weise für die Geschichte und die Werte von ›Report‹«, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa aus der Mitteilung.
Elly Schlein, Vorsitzende der mitte-links stehenden Demokratischen Partei, gehörte zu mehreren Oppositionspolitikern, die erklärten, Ranuccis Absetzung zeige, dass die Schwächung von »Report« für die rechtsgerichtete Regierung seit Langem ein Ziel gewesen sei – und zwar im Vorfeld der für das kommende Jahr erwarteten Wahl.
Ranuccis Anwalt protestierte gegen die Absetzung. Die Rai bestrafe das Opfer eines Anschlages, beschädige das Magazin »Report« und die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung, sagte er. Vom Sender selbst war zu hören, man habe Ranucci drei Versetzungsoptionen angeboten.
Der Fall hat die seit Langem geführte Debatte über die Unabhängigkeit der Rai neu entfacht. Der Verwaltungsrat des Senders wird von Parlament und Regierung ernannt; Kritiker sagen, die redaktionelle Ausrichtung werde von der jeweils regierenden Koalition beeinflusst. Die politischen Reaktionen auf die Absetzung des eher links verorteten Ranucci spiegeln die tiefen Spaltungen im Streit über die Rai wider.
Egal, ob Sigfrido Ranucci wirklich vorhatte, selbst ins politische Fach zu wechseln, die Affäre befördert ihn nun dahin. »Ich werde ›Report‹ nicht mehr moderieren«, sagte Ranucci, kurz nachdem er von seiner Absetzung erfahren hatte. »Aber ich werde den wichtigsten Kampf meines Lebens führen: den Kampf für die Pressefreiheit.« Klingt nach Politik.