Russland Stalin-Forscher zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt
Juri Dmitrijew im Jahr 2018
Foto: Vladimir Larionov/ dpaEin Gericht in Russland hat den regierungskritischen Historiker Juri Dmitrijew zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Ihm wurde von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, seine Adoptivtochter sexuell missbraucht zu haben.
Das Verfahren wurde vorab von vielen Kritikern als Inszenierung eingeschätzt. Die Menschenrechtsorganisation Memorial, für die Dmitrijew arbeitet, teilte mit, dass niemand glaube, dass die Vorwürfe wahr sind. Human Rights Watch sieht das ähnlich: "Dmitrijews Anklage ist im Kontext mit den Anstrengungen der russischen Behörden zu sehen, die Verbrechen Stalins kleinzureden", teilte die Menschenrechtsorganisation mit.
Tatsache ist, dass sich Teile der russischen Politik an Dmitrijews Forschungen über den sowjetischen Ex-Diktators Josef Stalins störten. Das Kulturministerium in Karelien etwa sah die Gefahr, dass durch Dmitrijews Arbeit der "internationale Ruf Russlands" Schaden nehmen könnte.
1997 hatte Dmitrijew nach Forschungen zu Hinrichtungen unter Stalin in Sandarmoch ein Massengrab mit 7000 Leichen gefunden. Die Menschen wurden augenscheinlich während des Großen Terrors von 1937 und 1938 ermordet.
"Wir müssen an jene Menschen erinnern, die durch den Willen der Anführer unseres Staates starben", sagte Dmitrijew vor Gericht. Er halte das für seine patriotische Pflicht, sagte er jenen, die ihm vorwerfen, er wolle Russlands Geschichte mit Füßen treten.
Ermittler hatten 2016 Daten von Dmitrijews Computer sichergestellt. Sie fanden unter anderem Nacktfotos der Adoptivtochter, die Gutachter allerdings ausdrücklich nicht als kinderpornografisch einstuften. Die Bilder hatte er nach eigener Darstellung gemacht, um die Entwicklung des unterernährten Kindes zu dokumentieren.
Memorial: Auch Tochter "wurde um Leben in der Familie gebracht"
Zwar gab es für ihn in einem früheren Verfahren einen Freispruch, der allerdings wieder kassiert wurde.
"Opfer ist nicht nur Dmitrijew, sondern auch seine Tochter, die um ihr Leben in ihrer Familie gebracht wurde", so Memorial. Das Mädchen ist heute 15 Jahre alt.
Ähnlich aufsehenerregend war zuletzt die Inhaftierung des Gouverneurs Sergej Furgal, der in Moskau wegen mehrfachen Mordes in Untersuchungshaft sitzt. Kritiker kommentierten, der Kreml habe sich in der Vergangenheit schon viel einfallen lassen, um sich unliebsamer Gouverneure zu entledigen. Mord aber übertreffe alles Bisherige.
Die Inhaftierung Furgals hatte in Russland Proteste ausgelöst - vor allem im äußersten Osten des Landes, aus dem Furgal stammt.