Rettung nach 40 Tagen im Dschungel Das Wunder vom Amazonas
Retter mit den vermissten Kindern: 40 Tage Hoffen und Bangen
Foto: Colombia's Armed Force Press Office / APViele Kolumbianer hatten die Hoffnung schon verloren. Doch General Pedro Sánchez, der Kommandant des Suchtrupps, glaubte noch an das Wunder.
Ja, es gebe noch Hoffnung, sagte er »El País« , auch nach 39 Tagen im Dschungel, auch wenn seine Mission der Suche nach einem winzigen Floh in einem riesigen Teppich gleiche. »Sie sind Indigene.« Sie fänden sich im Wald zurecht.
Einen Tag nach dem Interview, 40 Tage nachdem vier Geschwister in Folge eines Flugzeugabsturzes verschwunden waren, fanden die Männer von Kommandant Sánchez die Kinder: Lesly, 13 Jahre alt, laut ihrer Großmutter von »kriegerischer Natur«, hat offenbar ihre drei Geschwister durchgebracht, die neun, vier und ein Jahr alt sind. Das Baby erlebte seinen ersten Geburtstag im Dschungel.
Die Bilder, die nun um die Welt gehen, zeigen die Überlebenden unmittelbar nach der Rettung: Indigene und Soldaten stehen um die Geschwister herum. Die Kinder sitzen mit leerem Blick auf dem Boden, Wärmedecken umschließen ihre Körper. Ein Soldat flößt dem Baby ein Getränk ein. Die Kinder seien dehydriert, heißt es. Ihre Haut sei von Stichen gezeichnet. Ansonsten geht es ihnen offenbar gut.
Die Kinder gehören dem indigenen Volk der Huitoto oder Witoto an. Ihren Enkeln sei der Dschungel vertraut, sagte die Großmutter. Sie hätten früh gelernt, im Dschungel zu überleben, es ist möglich, dass die Kinder ohne diese Fähigkeiten verloren gewesen wären.
Kolumbianischer Präsident Gustavo Petro
Präsident Gustavo Petro durfte die Rettung verkünden. »Heute war ein magischer Tag«, sagte er. Kurz zuvor hatte er in Kuba einen Waffenstillstand mit der Guerillagruppe ELN verhandelt, direkt nach seiner Rückkehr habe er von der Rettung erfahren. Die Zusammenarbeit zwischen Soldaten und Indigenen sei beispielhaft gewesen, sagte er. Das ganze Land hatte bei der Mission mitgefiebert. »Diese Kinder sind heute die Kinder des Friedens und die Kinder von Kolumbien.«
Ankunft in Bogotá: »Kinder von Kolumbien«
Foto: Mauricio Duenas Castaneda / EPAAm 1. Mai war die Cessna mit den Kindern, ihrer Mutter und zwei weiteren Erwachsenen an Bord im Dschungel abgestürzt. Magdalena Mucutuy, die Mutter der Kinder, wollte die Geschwister zu ihrem Vater bringen. Manuel Ranoque soll zuvor von Guerrilleros bedroht worden sein, deshalb war er offenbar in die Stadt geflohen, nach San José del Guaviare, knapp 300 Kilometer südöstlich von Bogotá. Nun sollte die Familie nachkommen.
Die Mutter starb beim Absturz der Cessna
Auf halber Strecke stürzte die mehr als 40 Jahre alte Maschine ab, mitten im Dschungel, in der Nähe des Flusses Apaporis. »Mayday, Mayday! Das Triebwerk hat mich wieder im Stich gelassen«, funkte der Pilot. Dann verschwand seine Maschine vom Radar.
Mehr als zwei Wochen später fand laut »El País« eine Gruppe Indigener die Cessna und drei erwachsene Leichen, darunter die Mutter der Kinder. Kleidung und andere Gegenstände in der Nähe deuteten darauf hin, dass die Kinder am Leben waren. Warum ausgerechnet sie den Absturz überlebt hatten, ist bis heute unklar.
120 Soldaten und 73 Indigene, einige davon aus Cachiporro, dem nächstgelegenen Ort, machten sich daraufhin gemeinsam auf die Suche nach den Kindern, der Präsident hatte die Rettungsaktion angeordnet. Auch der Vater der Kinder soll sich den Männern angeschlossen haben.
General Sánchez: Bis zuletzt sicher, dass die Geschwister lebten
Foto: Juan Barreto / AFPDie Spezialeinheit suchte mit Helikoptern, Drohnen, Flugzeugen und Hunden. Die Männer schlugen sich zu Fuß durch den Wald, sie hätten eine Strecke so lang wie die von Paris nach Madrid zurückgelegt, sagte Kommandant Sánchez. Der Name ihrer Mission: »Operation Hoffnung«.
Schlangen, Jaguare, Pumas und giftige Schlangen
In dem Urwald regnet es laut Medienberichten 16 Stunden am Tag. Die Bäume ragen teils vierzig, fünfzig Meter in die Höhe. Oft ist es stockdunkel. Im Dschungel leben Schlangen, Jaguare und Pumas. Es gibt giftige Pflanzen, oft kann man nur zwanzig Meter weit schauen.
In der Gegend vermutet man in Kolumbien noch immer indigene Stämme ohne Kontakt zur Außenwelt. Schnell kam der Verdacht auf, dass die Kinder von ihnen aufgenommen worden sein könnten. »Ich dachte, sie würden sie dort als ihre Kinder betrachten«, sagte Präsident Petro.
Abgestürzte Cessna: Nur die Kinder überlebten
Foto: dpaDoch offenbar irrten die Kinder in der Nähe der Absturzstelle allein umher. Sánchez’ Männer fanden ihre Spur, entdeckten eine Babyflasche, eine Schere, Schuhe, Windeln, zerkaute Früchte und Fußabdrücke.
Der Suchtrupp warf Überlebenspakete und Flugblätter ab. Lautsprecherdurchsagen, eingesprochen von der Großmutter, forderten die Kinder auf, sich nicht weiter von der Absturzstelle zu entfernen.
Kommandant Sánchez war bis zuletzt sicher, dass die Geschwister lebten. Wären sie tot, so seine Theorie, hätten seine Männer sie längst gefunden, offenbar bewegten sie sich immer weiter.
Einmal, vor rund zehn Tagen, glaubte Sánchez seinen Trupp ganz nahe. Bis auf 100 Meter, sagte er den Journalisten, habe man sich genähert. In seiner Verzweiflung hängten seine Männer Pfeifen auf. Die Kinder sollten so auf sich aufmerksam machen können.
Rettung fünf Kilometer von der Absturzstelle
Am Ende halfen wohl auch die abgeworfenen Überlebenspakete dem Suchtrupp. Laut dem Verteidigungsminister bemerkten die Retter, dass die Kinder die Rationen aßen, sie konnten sich an den leeren Paketen orientieren. Dicht an dicht durchkämmten sie das Gebiet. »Lesly«, riefen die Männer immer wieder, die letzte Silbe zogen sie in die Länge.
Soldaten mit den geretteten Kindern: Dehydriert
Foto: Colombia's Armed Force Press Office / dpaAm Freitag fanden Sánchez’ Leute die Kinder, fünf Kilometer von der Absturzstelle entfernt. Ein Helikopter zog sie aus dem dunklen Urwald in die Höhe. Anschließend flog ein Flugzeug sie nach Bogotá, wo sie nun in einem Militärkrankenhaus untersucht werden.
An Bord der Maschine war auch der Vater. Die Kinder hätten leise mit ihm gesprochen, sagte Kommandant Sánchez. Er selbst habe von der Rettung am Funk erfahren, sagte er laut der Zeitung »El Tiempo« . »Milagro! Milagro! Milagro! Milagro!«, hätten seine Männer gerufen, wie vorher vereinbart. Ein »Wunder« für jedes Kind.