Christoph Reuter, DER SPIEGEL:
»Bis vor zwei Stunden hätten wir noch nach Dahija fahren können. Die Hisbollah-Hochburg in Süd-Beirut, die gestern schwerst bombardiert wurde von Israel. Aber das ist jetzt zu spät. Dort sind Hisbollah-Männer von Tür zu Tür gegangen und haben allen, die noch nicht geflohen sind, gesagt: Verschwindet, geht raus hier! Die einzigen, die noch auf der Straße waren, waren Vespa-Fahrer der Partei Gottes und über uns selbst bis hier, ein paar Kilometer außerhalb ist das Sirren der israelischen Drohnen zu hören. Geflüchtete wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Und hinter uns: An einigen Stellen ist der Rauch zu sehen der Einschläge von heute Morgen, heute Nacht. Aber Dahija seit heute Morgen oder seit heute Mittag auf jeden Fall ist Kriegsgebiet. Am Strand, auf den öffentlichen Plätzen oder wie hier auf dem Vorplatz der großen Hariri-Moschee im Stadtzentrum von Beirut: Überall liegen Menschen, die in den letzten Stunden erst aus Dahija, Süd-Beirut, geflohen sind, vor den israelischen Bombenangriffen. Sie liegen auf Teppichen, auf Decken oder auf dem nackten Boden und sagen: Wir wissen nicht wohin. Wir hatten Angst, dass wir bombardiert, getroffen werden. Mehrere wissen von Verwandten, von Nachbarn, die letzte Nacht umgekommen sind. Viele sind um 4 Uhr morgens, 5 Uhr morgens mit Taschen und Koffern zu Fuß oder, wenn sie Glück hatten, mit dem Auto hierhergekommen. Jetzt sitzen sie hier. Es gibt keine Sanitäranlagen. Die Moschee hat ihre Tore nicht geöffnet. Und sagen: Wir wissen nicht, wohin wir gehen sollen, weil überall ist es gefährlich. Auch in anderen Gegenden, wo Schiiten im Libanon leben, wird bombardiert. Und in anderen Gegenden wiederum ist es so voll, dass alle sagen: Nein, ihr könnt nicht kommen. Jeder muss auf sich selbst achtgeben. Also lagern sie hier mit ihren Wasserflaschen, die Anwohner, ein paar NGOs verteilt haben und warten, ohne zu wissen, worauf.«