Frauenproteste in Mexiko Die halbleere Stadt
In Mexiko-Stadt waren am Montag fast keine Frauen mehr auf den Straßen
Foto:DANIEL BECERRIL/ REUTERS
Wer am Montag mit dem Taxi in die Innenstadt von Mexiko-Stadt fuhr, sah vor allem Männer auf der Straße. Es war ein gespenstischer Anblick, es wirkte, als wäre eine Hälfte der Stadt abgetaucht oder verschwunden. "Da läuft eine!" rief der Taxifahrer beim Anblick einer Passantin, als hätte er ein seltenes Tier erspäht.
Normalerweise wimmelt es im Zentrum der 20-Millionen-Metropole von Frauen. Sie verkaufen am Straßenrand Tacos oder frisch gepresste Säfte, stehen hinter den Tresen von Cafés oder beraten Kunden in den Geschäften der Stadt beim Kauf von Schuhen oder Kleidung. Sie sitzen an den Kassen der Supermärkte, in den Büros von Behörden und hinter den Glasschaltern der Banken. Ohne Frauen würde das öffentliche Leben zusammenbrechen, und genau das geschah am Montag.
Ein feministisches Kollektiv hatte die weibliche Bevölkerung zum Streik aufgerufen, um das Land und die gesamte Welt auf ein wachsendes Problem aufmerksam zu machen: Mexikos Frauen werden täglich zu Opfern brutaler männlicher Gewalt. Pro Tag werden im Durchschnitt zehn Frauen ermordet, viele mehr verschwinden, weil sie von eifersüchtigen Ehemännern in die Wohnungen gesperrt werden. In kaum einem anderen lateinamerikanischen Land zeigt der Machismus ein so gewalttätiges Gesicht wie in Mexiko.
"Die Männer sollen einen Eindruck davon bekommen, wie es sein wird, wenn sie uns ausgelöscht haben"
Bereits am Sonntag, dem Weltfrauentag, waren im ganzen Land hunderttausende aus Protest auf die Straße gegangen. Allein in der Hauptstadt strömten mindestens 80.000 Menschen auf den Zócalo, den zentralen Platz. Es war eine der größten Demonstrationen der jüngeren Geschichte, ein Meer aus zumeist lila gekleideten Frauen. Zwar blieb der Großteil des Protests friedlich, aber es gab auch einige gewaltbereite Demonstranten, die Schaufenster zertrümmerten und Molotow-Cocktails gegen das Tor des Regierungspalasts warfen.
Einen Tag später zündeten Mexikos Frauen die zweite Stufe des Protestprogramms: Hunderttausende arbeitstätige Frauen im ganzen Land blieben zu Hause. Sie wollten zeigen, wie "ein Tag ohne uns" aussehen würde, so das Motto des Ausstands. Das Ergebnis: Am Montag lagen weite Teile der Metropole lahm.
"Die Männer sollen einen Eindruck davon bekommen, wie es sein wird, wenn sie uns ausgelöscht haben", sagt die Anwältin Allison Tawil, die am Sonntag am Marsch auf den Zócalo teilnahm.
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In vielen U-Bahnstationen gaben Polizisten die elektronischen Schranken frei, weil Ticketverkäuferinnen fehlten. Viele Schulen waren leerer als sonst, da Schülerinnen und Lehrerinnen zuhause geblieben waren. Die verbliebenen Jungen diskutierten mit ihren Lehrern über Machismus. Kinos und Theater hatten geschlossen, weil Ticketverkäuferinnen, Schauspielerinnen und Platzanweiserinnen fehlten. An Gemüseständen, wo sich sonst Frauen drängen, standen vor allem Männer an.
"Die meisten unserer Talente sind weiblich, deshalb öffnen wir heute nicht", war elegant formuliert an der Tür einer Bank zu lesen. "Wir solidarisieren uns mit den über 108.000 Frauen, die einen Teil unserer Familie bilden", informierte ein Zettel am Eingang eines Walmart. "Dafür bitten wir um Verständnis".
Viele Kassiererinnen waren zuhause geblieben. Männer, die auf die Schnelle einspringen mussten, kämpften verzweifelt mit den Lesegeräten für die Preiscodes, während die Schlangen an den Kassen immer länger wurden.
In einer Filiale des Modegeschäfts Zara rätselte ein junger Mann in der Damenabteilung über die Taillenweiten von Röcken; auch hier waren die Verkäuferinnen nicht zur Arbeit erschienen. In der Drogerie "Paris" in der Innenstadt, einem der traditionsreichsten Geschäfte der mexikanischen Hauptstadt, versuchte ein Buchhalter, eine Kundin beim Kauf eines Haarfärbemittels zu beraten.
In den Autofabriken von VW und Audi standen die Bänder still
"Heute ist nicht eine einzige Frau zur Arbeit erschienen, jetzt müssen alle männlichen Beschäftigten ran", erzählt er. "Selbst die Wachleute müssen im Verkauf mithelfen". Aus Solidarität mit den Frauen trug er ein lila Band am Handgelenk.
Viele große Firmen hatten ihrem weiblichen Personal vorsorglich freigegeben. In den Autofabriken von VW und Audi standen die Bänder still. Coca-Cola behauptete in Anzeigen, die Firma setze sich bereits seit 1886 für Frauenrechte ein. Eine Apothekenkette ordnete an, ihre Angestellten sollten lila Armbinden tragen, um "Respekt und Einheit" zu demonstrieren.
"Plötzlich tun alle Firmen, als ob sie feministisch wären", klagte Anwältin Tawil. "Das ist schade, weil es den Streik entwertet".
Mexiko ist das Land der Masken, die scheinheilige Zustimmung zu berechtigten Forderungen ist daher eine bewährte Taktik, Konflikte zu dämpfen. Die meisten Männer, die wagten, sich in der Debatte öffentlich zu äußern, beeilten sich, den Frauen recht zu geben. Es schien fast, als gebe es in ganz Mexiko keine Machos mehr. Und wenn es sie gab, versuchten sie, die Proteste in Umarmungen zu ersticken.
Die konservative Oppositionspartei PAN, ein alter Patriarchenverein, rief ebenso zum Frauenstreik auf wie "México Libre", eine Wählerbewegung des konservativen Ex-Präsidenten Felipe Calderón und seiner Frau Margarita Zavala. Die meisten Gouverneure schlossen sich den Protesten an. Sogar die katholische Kirche unterstützt die weibliche Protestbewegung.
Selbst konservative Zeitungen sind seit Wochen voll mit Berichten über Frauenmorde und Machismus am Arbeitsplatz. Kolumnisten, die sich noch nie als Feministen hervorgetan hatten, outen sich plötzlich als Frauenrechtler. "Feminismus ist in Mode", spottet die Journalistin Peniley Ramírez in der Zeitung "El Universal".
Nur der linkspopulistische Präsident Andres Manuel López Obrador liegt mit den Feministinnen über Kreuz. Erst witterte er die "schwarze Hand" einer konservativen Mafia hinter der Bewegung, dann wollte er ausgerechnet am Tag des Streiks die ersten Lose für die Versteigerung des Präsidentenflugzeugs verkaufen, ein Lieblingsprojekt seiner Regierung. Er hätte das Ereignis vollkommen vergessen, entschuldigte er sich, doch das nahmen ihm nicht mal seine Anhänger ab.
Wenige Tage vor dem Streik versuchten die Frauen in seinem Kabinett, den Imageschaden zu begrenzen und erklärten öffentlich, sie unterstützten die Feministinnen. Doch dem 66 Jahre alten Staatsoberhaupt ist die Frauenbewegung weiterhin suspekt. "In meiner Familie gibt es keinen Machismus", behauptet er.
Ausgerechnet der Populist Obrador, der sonst immer das Ohr am Volke hat, wirkt in der Frauenfrage wie aus der Zeit gefallen. Denn die Proteste sind kein Phänomen einer kleinen, bürgerlichen Minderheit. Sie ziehen sich durch alle sozialen Schichten und Klassen, sie sind zu einer Volksbewegung geworden.
Rosário Gutierrez und ihre Schwester Isabel waren aus Chalco in die Hauptstadt gekommen, einem Armenviertel vor den Toren der Stadt. Aktivistinnen hatten die Namen hunderter ermordeter Frauen auf das Pflaster des Zócalo gemalt. Die beiden Frauen trugen lila Hüte, ihren Maniküresalon hatten sie aus Solidarität mit den Ermordeten geschlossen - "auch wenn es bedeutet, dass wir nichts verdienen", sagt Rosário.
Als jemand über Megafon bekanntgab, dass selbst während der Proteste drei Frauen im Land umgebracht wurden, brach ein Pfeifkonzert los. Die beiden Schwestern stimmen ein. "Eigentlich müssten wir jeden Tag streiken, damit man uns erhört!", rief Rosário.