Aufgereiht am Stacheldrahtzaun: Tausende Migranten aus Lateinamerika warten voller Hoffnung an der mexikanischen Grenze zu den USA. In der Nacht zu Freitag war die Titel 42 genannte, umstrittene Abschiebepraxis aufgehoben worden. Danach hatten US-Behörden Migranten in den vergangenen Jahren unter Verweis auf die Pandemie ungeprüft in kurzer Zeit zurückweisen können. Nach den neuen Regeln dürfen Migranten zwar nicht mehr ohne reguläres Verfahren abgeschoben werden. Gleichzeitig droht ihnen bei einem illegalen Einwanderungsversuch aber ein fünfjähriges Wiedereinreiseverbot oder Geld- und Gefängnisstrafen. Etliche sind verunsicherter denn je.
Jairo Chavez, Migrant aus Venezuela: »Ich habe Angst vor dem Grenzübertritt in die USA. Wir wissen nicht, was passiert, wenn wir illegal durch die Mauer gelangen. Sich selbst zu stellen, ist sinnlos. Sie erlauben es den Leuten nicht.«
Migranten können nun grundsätzlich nur Asyl in den USA beantragen, wenn sie entweder zuvor in den Ländern, durch die sie gereist sind, Schutz gesucht haben oder online einen Antrag über die App CBP One gestellt haben. Die Biden-Regierung will Migranten so ermutigen, auf legalem Weg Asyl zu beantragen. Nur: Die US-Grenzpatrouille hat die Zahl der Termine für Asylbewerber bisher auf etwa 1.000 pro Tag begrenzt.
Manuel Sanchez, Migrant aus Venezuela: »Was ich über CBP One weiß, ist, dass von 100 Personen nur fünf einen Termin bekommen. Das hat die Leute zwar motiviert, zur Grenze zu rennen und sich zu stellen. Auf der anderen Seite verbringen wir hier viel Zeit. CBP One scheint auch einfach eine Möglichkeit, die Leute zu beschäftigen.«
Jairo Chavez, Migrant aus Venezuela: »Sie sagen, die Leute bewerben sich über CBP One, weil sie Angst haben. Aber nach allem, was ich in Venezuela durchgemacht habe, werde ich wohl in der Lage sein, in die USA einzureisen.«
Wer die App nicht benutzt, kann sofort nach Mexiko zurückgeschickt werden. Dort gelten nun ebenfalls verschärfte Bedingungen: Bislang konnten sich Migranten mit Transitdokumenten 30 Tage lang dort aufhalten, ohne ein Aufgreifen durch die lokalen Behörden befürchten zu müssen. Diese Regelung greift seit Freitag nicht mehr.
Manuel Sanchez, Migrant aus Venezuela: »Ich werde noch ein bisschen warten, bis ich den Termin bekomme. Ich werde versuchen, in Mexiko zu arbeiten. Wenn es nicht klappt, weiß ich auch nicht weiter.«
Die US-Zoll- und Grenzschutzbehörde kritisierte die neue Regelung. Die Grenzauffanglager in den USA waren bereits im Vorfeld des Auslaufens von Titel 42 weit über ihre Kapazität hinaus ausgelastet. Aus Furcht vor den strengeren US-Vorschriften drängten in den vergangenen Tagen Zehntausende Migranten in die Vereinigten Staaten, wateten durch Flüsse oder kletterten über Mauern und Dämme auf amerikanisches Gebiet. Etwa 10.000 illegale Grenzübertritte täglich wurden in der letzten Woche gemeldet.