Nordkoreas Geisterschiffe Die zwei Geheimnisse des Japanischen Meers
Dies ist das Japanische Meer, auch als Ostmeer bekannt. Hier, in diesen einst reichen Fischfanggebieten, gibt es zwei Geheimnisse, die miteinander verwoben sind.
Warum ist der Tintenfischfang in den vergangenen zehn Jahren um 80 Prozent zurückgegangen? Und warum werden nordkoreanische Fischerboote mit toten Fischern an der Küste Japans angespült?
Nordkoreanische Fischerboote sind relativ klein - bis zu sechs Meter lang. 2019 wurden mehr als 150 Boote an die japanische Küste gespült. In den vergangenen fünf Jahren waren es insgesamt mehr als 500 Boote.
Oft waren die Leichen in den Schiffen so verwest, dass man sie nicht mehr identifizieren konnte.
Es wird vermutet, dass die meisten dieser nordkoreanischen Fischer verhungert, erfroren oder verdurstet sind.
Wegen politischer Spannungen und fehlender Transparenz in Nordkorea ist es sehr schwierig, eine Erklärung für diese Geisterboote zu finden.
Eine Theorie ist, dass die nordkoreanischen Fischer zu weit aufs Meer hinausgefahren sind. Aber warum hätten sie dieses Risiko eingehen sollen?
"Global Fishing Watch", eine kommerzielle Watchdog-Organisation hat gemeinsam mit einem internationalen Team von Wissenschaftlern eine andere Theorie entwickelt.
Eine geheime Flotte von chinesischen Schiffen dominiert derzeit den Tintenfischfang in nordkoreanischen Gewässern und vertreibt lokale Fischer. Jahrelang waren sie unsichtbar. Wegen des Klimawandels und Überfischung sind die weltweiten Fischbestände stark zurückgegangen. Das hat den Wettbewerb verschärft. Und die Stimmung am Japanischen Meer ist ohnehin schon angespannt - wegen der territorialen Streitigkeiten zwischen Nordkorea, Südkorea, Russland und Japan.
"Global Fishing Watch" sagt, dass China heimlich eine riesige Flotte in nordkoreanische Gewässer entsandt hat, um die unersättliche Nachfrage an Fisch und Meeresfrüchten im eigenen Land zu stillen. Diese Flotte ist der Grund, warum die Tintenfischpopulation so stark geschrumpft ist und Nordkoreaner auf hoher See sterben.
Es ist ein ernstes Problem - und ein illegales.
"Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel nehmen zu, es besteht die Gefahr eines Nuklearschlags."
Nachdem Nordkorea 2017 Atomwaffentests durchgeführt hat, haben die Vereinten Nationen ausländische Fischerei in nordkoreanischen Gewässern verboten. Die chinesische Flotte verletzt diese internationale Anweisung.
"Global Fishing Watch" hat sich darauf spezialisiert, Satellitenbilder auszuwerten, um das Meer zu beobachten. So sollen geheime Schiffe entdeckt werden, die sich an strafbaren Aktionen beteiligen, wie Waffen- und Menschenschmuggel, das Ablassen von Öl oder illegale Fischerei. Die Kapitäne der chinesischen Flotte versuchen, unentdeckt zu bleiben, indem sie regelmäßig ihre Transponder ausschalten und sich so vor den Behörden auf dem Festland verstecken.
"Wir haben schon einige chinesische Schiffe entdeckt, die Richtung Norden fahren. Morgen werden wir sie mit eigenen Augen sehen und erkennen, was für Fischerboote das wirklich sind. Wir fahren da hin und gucken uns um und sagen ihnen Hallo."
"Ich hole mein Fernglas."
Um die Existenz der chinesischen Schiffe zu beweisen, hat "Global Fishing Watch" verschiedene Satellitentechniken genutzt - unter anderem eine, die künstliches Licht in der Nacht erkennt.
Viele der Tintenfisch-Fangboote nutzen extrem helles Licht, um ihre Beute an die Wasseroberfläche zu locken. So konnten die Schiffe von den Satelliten entdeckt werden. Im Jahr 2019 hat "Global Fishing Watch" fast 800 illegale Boote identifizieren können.
"Es scheint, als sei die Anzahl und die Art der Schiffe immer gleich. Also das Boot hier ist 1 0 0 7. Welche siehst du?"
"2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. Zehn Schiffe."
2017 und 2018 haben diese chinesischen Fischer mehr Tintenfisch im Japanischen Meer gefangen als Japan und Südkorea zusammen. Doch diese industriellen Schiffe fangen junge Tintenfische - bevor sie groß genug sind, um sich zu fortzupflanzen. So wird die Tintenfischpopulation stark unter Druck gesetzt. Der Schwund der Tintenfischbestände nahe der Küste hat die nordkoreanischen Fischer dazu gezwungen, ungewöhnlich weit rauszufahren, damit sie überhaupt noch so viele Tintenfische fangen können, dass sich das Geschäft weiterhin lohnt. So waren sie Pannen, Stürmen und Konflikten mit den Chinesen ausgesetzt. Deswegen sind Menschen gestorben. Weil so viele Fischer vermisst werden, haben einige Hafenstädte nun den Spitznamen "Witwen-Siedlung" bekommen.
Nachdem es mit den Ergebnissen der Ermittlungen konfrontiert wurde, hat das chinesische Außenministerium geantwortet: "China hat die Resolution des Uno-Sicherheitsrates gewissenhaft und durchgehend befolgt." Zudem habe China illegale Fischerei immer bestraft.
Es bleibt abzuwarten, ob die Uno Sanktionen wegen ausländischer Fischerei in nordkoreanischen Gewässern verhängt. In der Zwischenzeit geht der Tintenfischbestand, der den internationalen Markt versorgen soll, weiter zurück. Und nordkoreanische Fischer sterben weiter.
Ian Urbina, ein früherer Investigativreporter der "New York Times", ist Direktor des Outlaw Ocean Project , einer Non-Profit-Medienorganisation mit Sitz in Washington, die vor allem über Umwelt- und Menschenrechtsverbrechen auf hoher See berichtet.