Alltag im Stadtteil Kensington in der US-Metropole Philadelphia. Abhängige konsumieren auf der Straße offen harte Drogen, viele von ihnen sind obdachlos. Dealer handeln hier mit illegalen Substanzen aller Art – weitestgehend unbehelligt von der Polizei, die längst aufgegeben hat – tags wie nachts.
Roland Nelles, SPIEGEL-Korrespondent:
»Das ist die Kensington Avenue in Philadelphia, eine der größten Open-Air-Drogenmärkte in den USA. Hier ist vor allem Fentanyl ein riesiges Problem. Viele der Drogenabhängigen nehmen Fentanyl und sterben daran, weil das ein so starkes Gift ist.«
Fentanyl spielt eine immer größere Rolle hier in Kensington, wo es klassische Drogen wie Kokain und Heroin verdrängt hat. Das künstlich hergestellte Schmerzmittel ist 50-mal wirksamer als Heroin. Schon kleinste Mengen des Wirkstoffs können zu einer tödlichen Überdosis führen. Laut der US-Drogenbehörde DEA reicht dafür bereits eine Menge, die auf eine Bleistiftspitze passt.
Drogenhändler panschen Kokain, Aufputschmittel und Partydrogen mit Fentanyl und machen so vor allem junge Menschen abhängig.
Nia Casselman, St. John of God Health Care Services:
»In den Nachrichten sieht man oft den Typen, der an der Ecke steht, der obdachlos ist und auf dem Boden schläft. Das hat sich insofern geändert, als es der 18-Jährige wurde, der aus einem Mittelklasse-Haushalt kam und jetzt Drogen nimmt und von Fentanyl abhängig ist.«
Jeffery, ehemaliger Abhängiger:
»10 Minuten lang galt ich als tot, dann kamen die Rettungssanitäter und haben mich mit Narcan behandelt und mich wiederbelebt. Das ist keine Art zu leben. Das steht fest. Es nimmt dir all deine Hoffnungen und Träume und es will dich tot sehen.«
Die US-Regierung kündigte in der Vergangenheit immer wieder an, sich der Fentanyl-Krise anzunehmen und vor allem die Einfuhr über die mexikanische Grenze und den Handel mit hohen Strafen zu ahnden – bisher jedoch ohne größere Erfolge.
Jetzt soll ein Nasenspray zumindest die Folgen stärker eindämmen als bisher: Die US-Arzneimittelbehörde FDA genehmigte Ende März den rezeptfreien Verkauf des Medikaments Narcan – etwa an Tankstellen oder in Supermärkten. Der Wirkstoff Naloxon blockiert die Wirkung von Opioiden und kann die normale Atmung wieder herstellen, vorausgesetzt es wird schnell verabreicht.
Diese Aufnahmen aus dem Juli 2021 sollen zeigen, wie ein Polizist zusammenbricht, nachdem er bei einer Durchsuchung mit einer geringen Menge Fentanyl in Kontakt gekommen ist. Sein Kollege verabreicht daraufhin Narcan und rettet ihm damit mutmaßlich das Leben.
Das Narcan-Spray wird allerdings erst im Spätsommer in den USA erhältlich sein – zu spät für viele Fentanyl-Abhängige. Und ohnehin kann das Medikament nichts gegen die Ursachen der bereits mehr als zwei Jahrzehnte andauernden Opioid-Krise in den USA ausrichten. [Trenner]
Seit Ende der Neunzigerjahre verschreiben Ärzte in weiten Teilen der USA hochpotente Schmerzmittel und treiben so Millionen Menschen in die Abhängigkeit. Viele derer, die nicht von den Substanzen wegkommen und sie sich nicht auf Dauer leisten können, steigen auf billigere, illegale Opioide um – zunächst auf Heroin, und jetzt auf das noch billigere Fentanyl. Drei von vier Drogentoten in den USA sterben an einer Überdosis Opioiden.
Ein Entzug von Fentanyl gelingt noch seltener als von Heroin. Die Folgen werden wohl nirgendwo in den USA so sichtbar wie auf der Kensington Avenue in Philadelphia.
Roland Nelles, SPIEGEL-Korrespondent:
»Es ist auch sehr gefährlich hier in dieser Gegend. Es gibt hier viele Gang-Schießereien. Jeden Abend hört man hier eigentlich in der Gegend auch Schüsse und man muss aufpassen, dass man nicht dazwischengerät. (…) Die Leute hier versuchen, den Obdachlosen und Drogenabhängigen zu helfen. Es gibt sehr viele Menschen, die kommen extra von weit her, um hier den Drogenabhängigen zu helfen, um ihnen Kleidung zu geben und ihnen Essen zu geben. Weil die Leute fühlen sich von der Stadt hier, von Philadelphia im Stich gelassen.«
Wer den Fentanyl-Konsum überlebt, sucht stets nach noch stärkeren Substanzen. Und die milliardenschwere Drogenindustrie schwemmt schon das nächste Opioid nach Kensington: Xylazin, Szenename »Tranq«. Abhängige des Beruhigungsmittels für Pferde oder Rinder entwickeln schwere Wunden mit toter und verfaulter Haut, die unbehandelt zu Amputationen führen können. Für die Menschen in Kensington zählt aber wohl nur: Das als »Zombie-Droge« bezeichnete Xylazin ist noch einmal weitaus billiger als Fentanyl. Mit Hilfe, mit der sie schnell aus der Fentanyl-Abwärtsspirale kommen, können die meisten nicht rechnen.