Tiflis knapp ein Jahr nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine: immer mehr Einwohner der georgischen Hauptstadt sind Russen. Und dies sorgt für soziale Spannungen. Nach Angaben des georgischen Innenministeriums hielten sich am 1. November 2022 112.000 Russen in dem kleinen Land mit 3,7 Millionen Einwohnern auf. Die meisten von ihnen flohen nach der russischen Teilmobilmachung im September letzten Jahres, einige von ihnen bereits nach Kriegsbeginn – so wie Gleb Kuznetsov, der hier nun eine Boutique für Kunsthandwerk betreibt.
Gleb Kuznetsov, Boutique-Betreiber:
»Als wir auf dem Weg hierher waren, wussten wir nicht, ob wir hierbleiben oder woanders hingehen würden. Unser Ziel war es, aus Russland herauszukommen, uns umzusehen und dann eine Entscheidung zu treffen. Wir sind jetzt seit fast einem Jahr hier, und es ist uns gut ergangen.«
Doch im Nebeneinander von Georgiern und Russen knirscht es. Die Tür seines Kunsthandwerksgeschäfts sei mit antirussischen Stickern beklebt worden, erzählt Kuznetsov. Außerdem hätte es eine ganze Reihe negativer Google-Bewertungen gegen seinen Laden gegeben. Die georgischen Kunden könne er leider an einer Hand abzählen. Kuznetsov, der auch eine Bar betreibt, versucht, dies zu ändern.
Gleb Kuznetsov, Boutique-Betreiber:
»Wir haben versucht, eine georgisch sprechende Verkäuferin für den Laden oder einen Barkeeper für die Bar zu finden. Aber leider hat das nicht funktioniert. Wir haben die freien Stellen in georgischen Jugendgruppen auf Facebook ausgeschrieben und keine einzige Antwort erhalten.«
Ähnlich ergeht es dieser Buchhandlung für russische Exilanten, weniger als 10 Prozent der Kunden seien hier Georgier.
Nikolai Kireev, Buchhändler:
»Wir richten uns vor allem an ein russisches Publikum. Aber unser nächster Schritt ist, ein englischsprachiges Publikum zu erreichen. Und wir planen, danach hoffentlich ein internationaler Ort zu werden.«
Buchhändler Kireev sagt, er lerne Georgisch. Doch bisher bleiben viele Exilrussen unter sich. Sie treffen sich in Geschäften und Cafés, in denen nur wenige Einheimische verkehren und kaum Georgisch gesprochen wird. Zudem ist Russisch in Georgien weniger verbreitet als in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Dies verstärkt die Spaltung zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen.
Miriam Nozadze, Georgisch-Lehrerin:
»Es gibt eine wirkliche Sprachbarriere. In Georgien können sich zwar sowohl die jungen als auch die älteren Menschen auf Englisch und Russisch verständigen. Aber alle, die hier in dieses Café kommen, sprechen lieber Georgisch mit uns.«
Die russischen Immigranten tragen zwar dazu bei, dass Georgien zusammen mit dem benachbarten Armenien zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt gehört. Doch die öffentliche Meinung in Georgien ist mehrheitlich pro-ukrainisch. Antirussische Graffiti sind in den Straßen von Tiflis allgegenwärtig. Auch georgische Studenten sehen die Russen im eigenen Land eher mit Misstrauen.
Lado Kikinadze, Student:
»Viele Russen haben Bars eröffnet. Sie wissen, was unsere georgischen Traditionen besagen: Dass wir Liebe und Wärme ausdrücken, wenn wir einen Ort betreten und etwas trinken. Das kann ich bei Russen nicht tun. Meiner Meinung nach ist es falsch, dass sie hierherkommen und Geschäfte eröffnen. Es ist schrecklich.«
Giorgi Dadunashvili, Student:
»Wenn die Barbetreiber mir oder anderen nichts Böses antun und ich nicht weiß, dass die Bar Russen gehört, würde ich hingehen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die etwas verurteilen. Im Allgemeinen bin ich mit den russischen Geschäften hier nicht einverstanden. Aber nicht alle Russen tun schlechte Dinge, und wir sollten nicht alle über einen Kamm scheren.«
Die georgischen Oppositionsparteien haben eine Visaregelung gefordert, um die Zahl der russischen Einreisenden zu begrenzen. Denn der russische Zustrom sorgt auch für steigende Wohnkosten in Tiflis – und damit für weiteren Unmut bei den Einheimischen.