Fast sechs Jahre nach den islamistischen Anschlägen in Paris hat der Prozess gegen 20 Verdächtige begonnen.
Lydia, Überlebende
»Was mir dazu einfällt: Endlich. Es ist nun fast sechs Jahre her und jetzt werden wir bald den Rest erfahren.«
In der Nacht vom 13. auf den 14. November hatte eine Gruppe islamistischer Extremisten in der französischen Hauptstadt 130 Menschen getötet. In der Folge hatte die IS-Miliz die Attacke für sich reklamiert. Vor dem Stade de France, in dem gerade Frankreich gegen Deutschland spielte, sprengte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft, in einem Ausgehviertel schossen Terroristen um sich, und ein weiteres Terrorkommando drang in die Konzerthalle Bataclan ein und erschoss dort 90 Menschen.
Jerome Bartelemy, Überlebender
»Wir hörten Feuerwerkskörper. Wir dachten, es wären Feuerwerkskörper. Wir drehten uns um und sahen zwei junge Männer, nicht älter als 25 Jahre, mit Kalaschnikows. Sie befahlen uns, uns hinzulegen. Einer gestikulierte, wir sollten uns auf den Boden legen. Wir legten uns alle hin, der ganze Raum. Ich war komplett von Menschen bedeckt, und sie schossen mit regelmäßigen Unterbrechungen.«
Jerome Bartelemy ist heute 48 Jahre alt. Dem Weinbauer gelang an jenem Abend die Flucht aus dem Konzertsaal.
Jerome Bartelemy, Überlebender
»Was mich gerettet hat, ist, dass ich an diesem Abend allein auf das Konzert gegangen bin. Das bedeutete, dass ich die Entscheidung über meine Flucht treffen konnte. Wenn du mit einem Freund oder Partner dort bist, würdest du dann aufstehen? Lasse ich meinen Freund zurück?«
Das Gerichtsverfahren ist auf neun Monate angesetzt. 20 Angeklagte, 1800 Zivilkläger, 330 Anwälte – es ist ein Jahrhundertprozess, der bei den Überlebenden die Erinnerungen an die Novembernacht wachruft. Jerome Bartelemy brauchte eine lange Zeit um den Schrecken zu bewältigen.
Jerome Bartelemy, Überlebender
»In dem Jahr nach Bataclan ging es mir gut, ich habe mich großartig gefühlt, weil ich überlebt hatte. Aber 2017, 2018 bekam ich eine Posttraumatische Belastungsstörung.«
Jerome Bartelemy, Überlebender
»Ich hatte zum Beispiel Angst davor, den Geburtstag meiner Tochter vorzubereiten. Es war absolut lächerlich, aber es war einfach so, dass die Bataclan-Attacke Angstzustände auslöste vor Dingen, die damit absolut nichts zu tun hatten. Angst vor kleinen Dingen im Leben. Und weil wir fast gestorben wären, stehen wir unter dem Druck, im Leben keine Zeit zu verlieren.«
Nach einer Therapie geht es Bartelemy heute gut. In den Gerichtssaal wird er aber nicht gehen, er will das Verfahren von außen genau verfolgen.
Jerome Bartelemy, Überlebender
»Am meisten interessieren mich an dem Prozess die Aussagen anderer Überlebender und von den Menschen, die damals am Stade de France waren. Ich möchte hören, was sie in den vergangenen sechs Jahren durchgemacht haben. Ich denke, darüber wird ausführlich gesprochen werden. Was die Angeklagten betrifft, da erwarte ich nicht einmal, dass sie eine Aussage machen.«
Die Urteile in dem Terrorprozess werden Ende Mai 2022 erwartet. Den meisten Angeklagten droht lebenslange Haft, so auch dem 31-jährigen Salah Abdeslam, dem wohl einzigen Überlebenden des Terrorkommandos. Er wurde 2016 in Belgien verhaftet.