Thailändische Geiseln in Gaza: Warum Wichian Temthong am liebsten sofort zurück nach Israel will - DER SPIEGEL
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Befreite thailändische Geiseln Er war Gefangener der Hamas – und will am liebsten sofort zurück nach Israel

Wichian Temthong wurde im Pyjama aus einem Kibbuz entführt und war 52 Tage lang Geisel der Hamas. Trotzdem möchte der thailändische Gastarbeiter wieder in den Nahen Osten – so schnell wie möglich.
Aus Israel und Thailand berichtet Verena Hölzl
Wichian Temthong vor seinem Haus im Norden Thailands
Wichian Temthong vor seinem Haus im Norden Thailands

Wichian Temthong vor seinem Haus im Norden Thailands

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Verena Hölzl / DER SPIEGEL

Wichian Temthong sitzt vor seinem Haus im Nordosten Thailands. Es ist Nacht. Wann immer es um ihn herum still wird, hört er Stimmen in seinem Kopf, die Arabisch sprechen. Fast sieben Wochen lang war er in Gefangenschaft der Hamas, in einem Tunnel, am anderen Ende der Welt. Die Stimmen rauben ihm den Schlaf, erinnern ihn an die Angst, die 52 Tage, die Stunden, in denen er sich die Kopfhaut blutig kratzte, weil sie so juckte. Fast drei Wochen ist es her, dass er gehen durfte. Frei ist er noch lange nicht.

In diesen Tagen wird Temthong, 37, oft gefragt, wie es ihm geht, wie die Wochen waren unter der Erde im Gazastreifen, während oben die Bomben fielen. Aber eigentlich will er darüber gar nicht mehr reden. Was ihn wirklich interessiert, ist die Frage: »Wie komme ich so schnell wie möglich zurück nach Israel?«

Das Haus, vor dem er sitzt, ist kaum so groß wie die Garage eines durchschnittlichen deutschen Einfamilienheims. Für den Putz hat das Geld nicht mehr gereicht, statt Glasfenstern müssen hölzerne Fensterläden Hitze und Monsun abhalten. Solange er denken kann, hatte seine Familie Geldsorgen. Als sein Vater bei einem Unfall ums Leben kam, war er noch ein kleiner Junge.

Thailand ist laut Weltbank eines der ungleichsten Länder der Welt. Vor allem im armen, landwirtschaftlich geprägten Nordosten enden viele in der Schuldenfalle. So auch Temthongs Familie. Wie 30.000 weitere Thais, die vor dem Angriff in Israel arbeiteten, beschloss er deshalb, für fünf Jahre in den Nahen Osten zu gehen. In Israel konnte er ein Vielfaches seines Lohns als Schweißer in Thailand verdienen. Die dortige Landwirtschaft wiederum hängt von den Arbeitern aus Thailand ab.

Thailändische Arbeiter bei der Traubenernte in Israel

Thailändische Arbeiter bei der Traubenernte in Israel

Foto: Lior Mizrahi / Getty Images

Erst sechs Tage hatte Wichian im Kibbuz Kfar Asa verbracht, so wenig Zeit, dass er heute seine Frau bitten muss nachzuschauen, wie noch einmal der Ort in dem fremden Land hieß, in das er zog, um seiner Familie ein besseres Leben ermöglichen zu können. Er hatte im Kibbuz Anweisungen erhalten, wie er die Avocados zu pflücken hat und auf welcher Strauchhöhe er die Gurken aufhängen muss. Aber dass der Betonklotz im Kibbuz ein Bunker für den Angriffsfall war, das hat er erst auf Nachfrage erfahren. Die Männer, die mit ihm darin ausharrten, als Hamas-Terroristen am 7. Oktober in den Süden Israels eindrangen, sind heute alle tot.

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»Ich hoffe, dass ich schnell zurück nach Israel gehen kann«, sagt Temthong, »so eine Chance bekomme ich nur einmal im Leben.« Er sei glücklich überlebt zu haben, wieder bei seiner Familie zu sein und ordentlich essen zu können. Aber wirklich spüren kann er sein Glück nicht. Zu erdrückend sind die Geldsorgen. Er will ein besseres Leben für seine Söhne, will, dass sie länger zur Schule gehen können als er, um später einen gut bezahlten Beruf auszuüben. Dafür muss Temthong bald wieder arbeiten. Die Armut, so scheint es, ist schlimmer als die Angst.

Vom Nahostkonflikt hatte Temthong zum ersten Mal in einem Seminarraum der lokalen Behörde für Arbeitsmigration gehört, bei einem Vorbereitungskurs. Wenig später trieben ihn bewaffnete Männer im Pyjama über die Grenze hinein in den Gazastreifen.

Durch einen engen Schacht ging es auf einer Leiter 20 Meter in die Tiefe an den Ort, an dem er den Großteil seiner Geiselhaft verbringen sollte. Der Tunnel war mit Beton ausgekleidet, die Luft war feucht, Wasser tropfte von der Decke. Von draußen hörte er den Krieg. »Boooom, boom« – Themthong macht die Bomben nach. Wann immer sie dröhnend einschlugen, hatte er das Gefühl, die Wände würden zittern. Manchmal fürchtete er sich, der Tunnel könnte über ihnen zusammenbrechen. Ein halber Liter Wasser pro Person musste für zwei Tage reichen. Essen gab es einmal täglich. Brot und Bohnen oder Thunfisch aus Dosen. Je mehr Zeit verging, desto spärlicher wurde das Essen. Gleichzeitig gewöhnte er sich ab, die Hände zum in Thailand üblichen Dankesgruß zu falten. Seine Aufpasser wollten es so, sagt er.

Ein blutiger Handabdruck an der Wand eines Bunkers im Kibbuz Nir Os

Ein blutiger Handabdruck an der Wand eines Bunkers im Kibbuz Nir Os

Foto: Bernat Armangue / AP

Weil sie verhindern wollten, dass die Geiseln sich umbringen, hätten sie sämtliche Kabel aus dem Raum entfernt. Doch Suizid war das letzte, das Temthong in den Sinn gekommen wäre. Stattdessen machte er sich Sorgen, wie seine Familie wohl ohne sein Gehalt zurechtkäme, wie er sein Haus doch noch fertig bauen könne und wann er wohl wieder arbeiten würde.

Zeit über das Erlebte nachzudenken, hatte Temthong nach der Rückkehr in sein Dorf kaum. Regelmäßig muss er aufs Amt und füllt mithilfe seiner Frau Dokumente aus, mit denen er hofft, die von Israel versprochene finanzielle Entschädigung in Höhe von rund 2000 Euro für fast sieben Wochen in Geiselhaft zu bekommen. Die Papiere seien kompliziert, manche müssten zusätzlich in Englisch ausgefüllt werden, erzählt er. Sein Cousin spreche ein wenig Englisch, aber die Familie habe auch schon einen Übersetzer engagieren müssen. Dabei musste alles schnell gehen, denn seine Frau musste zurück in das mehr als fünf Stunden entfernte Bangkok, wo sie für umgerechnet rund zehn Euro am Tag in einer Fabrik schuftet, während der gemeinsame Sohn bei der Großmutter aufwächst.

»Wir hoffen natürlich, dass die freigelassenen Geiseln eine Chance haben, ihr Trauma zu verarbeiten, bevor sie wieder arbeiten müssen«, sagt Assia Ladizhinskaya von der israelischen Arbeiterrechtsorganisation Kav LaOved. Jährlich unterstützt die Organisation rund 3000 Erntehelfer, die mit Problemen zu ihnen kommen. Urlaubszeiten, Mindestlohn, eine ordentliche Unterkunft, medizinische Versorgung und Schutz vor Raketen – all das sei für viele der thailändischen Arbeiter keine Selbstverständlichkeit gewesen.

Die israelische Regierung versucht Ersatz für die Thailänder zu organisieren

Die israelische Landwirtschaft ist auf Personal aus dem Ausland angewiesen. Seit dem Hamas-Angriff haben die Bauern Schwierigkeiten, noch Arbeitskräfte zu finden. Rund ein Drittel der thailändischen Gastarbeiter sind in Evakuierungsflüge der Botschaft gestiegen. Sie wollten zurück nach Hause, weg aus dem Konfliktgebiet. Jetzt helfen Rentner und Studenten auf den Feldern aus, damit die Ernte nicht verrottet.

Die israelische Regierung versucht, Ersatz für die Thailänder zu organisieren. Im Rahmen eines bilateralen Abkommens, wie es auch mit Thailand existiert, sollen bald Arbeiter aus Sri Lanka, wo eine Schuldenkrise die Wirtschaft lahmgelegt hat, auf Israels Feldern dienen. Kav LaOved geht außerdem von 15.000 Arbeitern aus, die ohne eine offizielle Rahmenvereinbarung nach Israel kämen und dadurch besonders leicht ausgebeutet werden könnten. Rund 1300 Euro verdienen die Gastarbeiter monatlich.

Freigelassene thailändische Geiseln und Familienangehörige am Flughafen in Bangkok

Freigelassene thailändische Geiseln und Familienangehörige am Flughafen in Bangkok

Foto: Narong Sangnak / EFE / EPA

Temthong war nur sechs Tage in Israel, bevor man ihn verschleppte, daher hat er nie einen Lohn ausbezahlt bekommen. Zwar würde er lieber in ein Land gehen, in dem kein Krieg herrscht, Korea zum Beispiel. Den Standort empfehlen jetzt die Beamten des thailändischen Arbeitsministeriums den zurückgekehrten Geiseln bei ihren Besuchen. Doch dafür müsste er einer neuen Personalvermittlungsagentur Geld bezahlen – Kosten, die er für seinen Einsatz in Israel noch nicht einmal abbezahlt hat.

Temthongs Familie will nicht, dass er zurückgeht in den Nahen Osten. Seine Frau sieht in den sozialen Netzwerken die Nachrichten über den Krieg und erschrickt. Seine Mutter, die einst sparte, um ihrem Sohn die Gebühren für die Vermittlung zu bezahlen, hat Angst, ihn zu verlieren. Ob das Haus der Familie renoviert ist oder nicht, ist ihnen inzwischen egal.

Von seinem Chef aus dem Kibbuz hat Temthong nichts mehr gehört. Angeblich sei er verzweifelt auf der Suche nach neuen Arbeitern. »Im Krankenhaus besucht hat er mich allerdings nicht«, sagt Temthong. Aber das spiele keine Rolle. Auch ein Bekannter von ihm wolle noch vor Weihnachten wieder zurückfliegen nach Tel Aviv. Israel ist Temthongs Chance auf ein besseres Leben. Und die will er nicht noch einmal verpassen.