Direkt am Straßenrand schaufeln diese Bewohner von Mariupol ein Grab für ihre verstorbenen Nachbarn. Etwas anderes bleibt ihnen derzeit nicht übrig.
Andrei, Fabrikarbeiter: »Ich hoffe, es wird noch eine Neubestattung geben. Die Armee hat uns gesagt, wir sollen die Körper in die Kälte bringen. Die einzigen kalten Orte sind jetzt die Keller. Aber dort befinden sich lebendige Menschen, Tote da hinzubringen… also bestatten wir sie hier.«
Mindestens 2300 Menschen sollen in Mariupol bisher im Krieg gestorben sein. Rund 350.000 Menschen harren in der belagerten Stadt aus. Es fehlt ihnen nach wie vor an Wasser, Nahrung, Strom und Wärme. Auch die fehlende medizinische Versorgung ist fatal.
Andrei, Fabrikarbeiter: »Vorgestern haben wir meinen 45-jährigen Nachbarn begraben. Er hatte wohl einen Schlaganfall oder ein Blutgerinnsel, er stand aufrecht und fiel um. Alles passiert jetzt gleichzeitig, das ist sehr stressig, der Mann ist einfach gestorben. Wir haben ihn vorgestern begraben, und heute ist seine Mutter gestorben, sie war etwas über 70 Jahre alt. Sie war besorgt, hatte Herzprobleme und starb. Mein Nachbar, Onkel Valera, ist auch gestorben. Sie alle lebten im selben Hausflur mit uns. Sie wurden nicht von Artilleriegranaten getötet, aber durch die Folgen der Militäraktionen im Krieg. Nicht die Bomben haben sie getötet, sondern die Situation im Keller ohne Bewegung, eine große Belastung in der Kälte.«
Die Stadtverwaltung von Mariupol hatte auf Telegram geschrieben, mehrere Tausend Bewohner seien gegen ihren Willen nach Russland gebracht worden. Da Teile der Stadt von der russischen Armee kontrolliert werden, sind die Kommunikationswege zu Angehörigen und zum eigenen Zuhause abgeschnitten.
Natalya, Erzieherin: »Ich kann nicht in meine Wohnung. Ich lebe am linken Flussufer, ob meine Wohnung noch existiert, weiß ich nicht. Ich bin zum Arbeiten hierhergekommen und kann nicht weg. Ich bin am 24. Februar hergekommen und wohne nun in der Wohnung meiner Kinder. Ich weiß nicht, was am linken Flussufer passiert. Meine jüngere Tochter lebt im stark umkämpften Zentrum mit ihrem kleinen Kind, das ist ein Jahr und sieben Monate alt. Wir erhalten keine Nachrichten, keine Informationen. Alles ist kaputt, Sie können es selbst sehen, keine Wohnung ist intakt geblieben. Alles ist kaputt, wir wissen nicht, wie wir weiterleben sollen.«
Russland versucht, die Bewohner des strategisch wichtig gelegenen Mariupol mit einer Zermürbungstaktik zu brechen. Der russischen Forderung nach einer Aufgabe der Stadt und Niederlegung der Waffen hat die ukrainische Regierung am Montag jedoch eine Absage erteilt. Und die Zivilbevölkerung kämpft weiter ums Überleben.
Irina Chernenko, Bibliothekarin: »Seit elf Tagen sind wir im Keller. Dies ist der 25. Kriegstag, wir haben jeden davon gezählt. Wir hoffen das Beste, dass wir wie Menschen leben können. Unsere Wohnung, alles ist kaputt, wohin könnten wir diesen Keller verlassen? Wir kochen über einem kleinen Feuer, noch haben wir Essen und etwas Brennholz. In einer Woche werden wir nichts mehr besitzen, kein Essen mehr. Was sollen wir bloß tun?«
Das Leben in Mariupol geht weiter – unter katastrophalen Bedingungen. Russland hätte laut ukrainischen Angaben am Samstag zwar erneut humanitäre Korridore aus der Stadt in Aussicht gestellt. Doch nur wenige Stunden zuvor wurde eine Kunstschule beschossen, in der sich etwa 400 Menschen versteckt hatten. Die Zahl der Opfer ist noch unklar.