US-Traditionszeitung Meinungschef verlässt »Washington Post«
David Shipley
Foto: Jabin Botsford / The Washington Post / Getty ImagesAls die »Washington Post« im vergangenen Herbst mit einer langen Tradition brach und verkündete, keine offiziellen Empfehlungen bei Präsidentschaftswahlen mehr auszusprechen, war die Kritik an der Zeitung und deren Besitzer Jeff Bezos groß. Dem Milliardär wurde vorgeworfen, vor dem damaligen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, Donald Trump, einzuknicken.
Nun hat der Meinungschef der Zeitung, David Shipley, gekündigt, nachdem Bezos eine grundlegende Neuausrichtung des Meinungsressorts angekündigt hat. Der Schwerpunkt bei Kommentaren soll demnach künftig auf der Verteidigung »persönlicher Freiheiten und freier Märkte« liegen. Zunächst hatte die »New York Times« berichtet .
Die Verengung der Ausrichtung künftiger Kommentare könnte auf einen fortschreitenden Richtungswechsel des Blattes hindeuten, das zusammen mit der »New York Times« zu den besten Zeitungen der Welt zählt und zu dessen Markenzeichen regierungskritischer Journalismus gehört. Reporter der »Washington Post« deckten zum Beispiel Anfang der Siebzigerjahre den Watergate-Skandal auf, der zum Rücktritt des damaligen republikanischen Präsidenten Richard Nixon führte.
»Ich bin aus Amerika und für Amerika, und ich bin stolz darauf«, schrieb Bezos demnach in einer E-Mail an die Mitarbeiter seiner Zeitung. Ein großer Teil der Erfolgsgeschichte der USA sei die Freiheit der Wirtschaft »und überall sonst«. Und weiter: »Freiheit ist ethisch – sie minimiert Zwang – und praktisch; sie fördert Kreativität, Erfindungen und Wohlstand.«
Shipley lehnte Jobangebot offenbar ab
Bezos schreibt, er habe Shipley angeboten, die Leitung »dieses neuen Kapitels« bei der »Washington Post« zu übernehmen, Shipley habe aber abgelehnt.
In einem Schreiben an die Mitarbeiter der Post teilte Shipley selbst laut dem Bericht der »New York Times« mit, dass er sich entschlossen habe, zurückzutreten, nachdem er darüber nachgedacht habe, »wie ich in dem Beruf, den ich liebe, am besten weitermachen kann«.
Bezos hatte die »Washington Post« 2013 gekauft. Bei den Präsidentschaftswahlen 2016 und 2020 sprach die Zeitung den demokratischen Kandidaten Hillary Clinton und Joe Biden ihre Unterstützung aus. Bezos’ Entscheidung aus dem vergangenen Jahr hatte massive Kritik ausgelöst.
Die Zeitung verlor damals offenbar mehr als 250.000 Abonnenten. Redakteure und Kolumnisten verließen das Blatt. Ex-Chefredakteur Marty Baron sprach von »Feigheit, mit der Demokratie als Opfer«.
Anfang Januar kündigte die prominente Karikaturistin Ann Telnaes bei der Zeitung. Die Pulitzerpreisträgerin wollte Bezos mit Geldsack und beim Kniefall vor Trump zeigen – und durfte nicht.