15.000 Kilometer durch Afrika: Sand am Getriebe - DER SPIEGEL
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15.000 Kilometer durch Afrika Sand am Getriebe

Hundert Prozent Fernweh, aber kaum Planung. Der 26-jährige Gärtner Benjamin Heß aus Hamburg nahm sich eine zehnmonatige Abenteuer-Auszeit. "Nach Afrika – mal schauen wie weit ich komme", dachte er sich, setzte sich in seinen Mercedes 208 und fuhr los.
Von Nils Böhlke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für einen Garten- und Landschaftsbauer ist ein Mercedes 208 mit Dieselmotor, 78 PS und Fünfganggetriebe das ideale Fahrzeug. So ein Auto, weiß lackiert, nutzte auch Benjamin Heß, der sich in diesem Beruf selbständig gemacht hatte. Doch irgendwann beim Umgraben, Einpflanzen und Baumschneiden bei einem seiner Kunden in Norddeutschland packte ihn die Reiselust - und zwar richtig. Also organisierte er eine Auszeit und fuhr los: 15.000 Kilometer durch Marokko, Westsahara, Mauretanien, Senegal und Gambia. Am Ende seiner Reise ließ er den weißen Bus in den Farben Grün-Gelb-Rot lackieren und verkaufte ihn der gambischen Hauptstadt Banjul für umgerechnet etwa 2500 Euro. Das reichte allemal für das Rückflugticket. Und sein Mercedes 208 fährt heute wohl immer noch als Taxi durch Gambia.



Dorthin wäre Heß ohne ein gewisses Maß an handwerklichem Geschick gar nicht erst gekommen. Besonders in der Wüste streikte immer wieder die Elektrik des Busses, und fast ebenso oft zickte der Kühler. Immerhin hatte der Wagen schon beim Start in Hamburg bereits einen Kilometerstand von 250.000. Und in der Wüste wurde Heß auch klar, dass seine Ausrüstung arg lückenhaft war. Mehrere Ersatzreifen, eine Luftpumpe, Wagenheber und Schaufeln hätten unbedingt an Bord sein müssen, denn bisweilen können sie lebenswichtig sein. Doch Heß hatte an all diese Dinge leider nicht gedacht.

Dass er dennoch immer irgendwie weiterkam, lag an den vielen hilfsbereiten Menschen, auf die er unterwegs traf. Aber nicht nur Sandpisten, Schlaglöcher, Felsbrocken oder knorrige Bäume hinderten das Vorwärtskommen, sondern immer wieder auch Polizeikontrollen. In Mauretanien ließ sich dieses Problem am einfachsten lösen. Da die Polizisten dort häufig ohne Funkgeräte oder gar Polizeiautos arbeiten, konnte Heß manche Kontrolle einfach umfahren. In der gambischen Hauptstadt Banjul jedoch wurde er gestoppt - angeblich wegen eines defekten Bremslichts. Zwar fuhren während des üblichen Feilschens über die Höhe der Strafe einige Wagen ganz ohne Lichter oder auch mit Obstkisten als Fahrersitz vorbei, doch das störte die Beamten nicht. Sie forderten freundlich einen Tribut - und nach ein paar Minuten und ein paar Scheinen war dies geregelt.

Im Konvoi durch die Minenfelder Westsaharas

Wesentlich ernster war die Situation gleich südlich von Marokko. In Westsahara, einem seit den siebziger Jahren von Marokko besetzten Gebiet, gibt es riesige Minenfelder. Um dieses Land ohne Zwischenfall zu passieren, schloss sich Heß mit einigen anderen deutschen Afrika-Reisenden einem Militärkonvoi an, der sie auf sicheren Wegen bis zur mauretanischen Grenzstadt Nuadhibu brachte. Auch für die Fahrt von Nuadhibu in die Hauptstadt Nuakschott musste ein Führer angeheuert werden. Die direkte Verbindung zwischen den beiden größten Städten des Landes ist der lediglich bei Ebbe zum Vorschein kommende, schmale Streifen Strand zwischen Dünen und Ozean. Ohne genaue Kenntnis der Gezeiten ist diese Route lebensgefährlich.

Der Wechsel aus Europa nach Afrika ist wie ein Sprung in eine andere Welt - auch für Autofahrer. Während in Europa Landstraßen nahezu fußgängerfrei sind, war in Marokko "zunächst nur Schritttempo möglich, weil die Landstraßen von Hunderten Menschen bevölkert sind", erzählt Heß. Auch die innerafrikanischen Grenzen bedeuten innerhalb weniger Kilometer oft krasse Unterschiede. In der Islamischen Republik Mauretanien beispielsweise ist der Alkoholgenuss strikt untersagt, im Nachbarland Senegal dagegen erhält man problemlos ein Bier.

Allerdings ist zuvor ein Einreisemarathon zu absolvieren. Heß benötigte für diese landestypische Disziplin acht Stunden. Zollformalitäten, der Abschluss zahlreicher, für die Einreise unabdingbarer Versicherungen, der Eintausch senegalesisches Geldes und abermals Zollformalitäten mussten erledigt werden. Immer neue Stempel waren nötig, stets kosten sie eine Gebühr, über die aber verhandelt werden konnte. Das Ritual war jedes Mal gleich: In einer Hütte waren die Beamten gerade beim Mittagessen, was selbstverständlich bedeutete, dass die Reisenden eingeladen waren. Und so palaverte man in freundlicher Atmosphäre in Englisch, Französisch und vor allem mit Händen und Füßen beim Essen über die notwendigen Formalien.

Afrika-Reisende lernen: Zeit spielt keine Rolle

Natürlich zieht sich so was. Überhaupt lernen Afrika-Reisende eine Tugend, die in Europa eher selten anzutreffen ist: Geduld. "Zeit spielt dort fast keine Rolle", hat Heß beobachtet, und er berichtet von einer typischen Begegnung, die er auf der Strecke von Mauretaniens Hauptstadt Nuakschott durch die Sahara in die Wüstenstadt Choum erlebte. Mitten im ausgedörrten Nichts, nur mit einem Kanister Wasser als Gepäck, sammelte er ein paar Einheimische ein. Und mitten im Nichts wollten sie wieder aussteigen. Wären sie das Stück zu Fuß gegangen, hätten sie wohl mehrere Tage gebraucht.

Solcher Gleichmut beeindruckte Heß, noch mehr aber beeindruckte ihn die Gastfreundschaft. "Die Leute haben mich oft sofort eingeladen", berichtet er. Mitunter geriet er durch diese Freundlichkeit in einen Zwiespalt. "Es ist schwierig, damit umzugehen, dass man manchmal eingeladen wird, weil jemand etwas von einem will, ein andermal aber einfach nur aus purer Gastfreundschaft." Man müsse sich eben immer wieder klar machen, erklärt Heß, dass viele Menschen einen europäischen Gast als die Chance ihres Lebens begreifen.

So verging kaum ein Tag, den er nicht gemeinsam mit Afrikanern verbrachte. Teilweise wohnte er mehrere Tage bei Familien, die ihn eingeladen hatten. "In einigen Dörfern kannte ich schnell alle Bewohner", erzählt er begeistert. In der Wüstenstadt Choum begegnete Heß einer neunköpfigen Familie, die in einer Lehmhütte wohnte, in der die einzigen Gegenstände ein Lehmofen und ein Topf waren. "Fast alle besaßen nur das, was sie bei sich trugen", sagt er. Dennoch war es selbstverständlich, dass jeder der vorbeikam, zum Essen eingeladen wurde.

Bettruhe im Bus unter Afrikas Sternenhimmel

Nicht immer schlief Heß als Gast bei den Einheimischen. Oft blieb er auch in seinem Bus. Er vermied es aber meist, auf einen Campingplatz zu fahren, von denen es zwar viele gibt, die aber meist staubig und von Mauern umgrenzt sind. Heß suchte sich schöne Plätzchen in freier Natur. Dass sein Bus beim wilden Campen auch nachts für jeden zugänglich war, störte ihn nicht. Zwar fühlte er sich als "unvorstellbar reicher Mensch", spürte zugleich aber "viel weniger Angst davor, bestohlen zu werden, als in Deutschland". Lediglich in großen Städten, achtete er darauf, dass sein Auto abgeschlossen und seine Geldbörse sicher verwahrt waren.

Eigentlich wollte Heß die Reise noch nicht in Gambia beenden, sondern über Mali und Burkina Faso nach Ghana weiterfahren. Allerdings war die Hitze zu extrem für diese Strecke, und so entschied er sich für die weiter südlich verlaufende Route entlang der Küste. Aber auch aus diesem Vorhaben wurde nichts. Heß erkrankte an Malaria. Zwar verlief der Genesungsprozess gut, und er wurde bald wieder völlig gesund. Doch eine Weiterfahrt wollte er sich nicht mehr zumuten. So wurde aus einem weißen Mercedes-Bus ein buntes Taxi - und aus einem Weltenbummler wieder ein Garten- und Landschaftsbauer.