Ambitionierte Pläne Audi will der Größte werden
Audi-Chef Rupert Stadler hat Oberwasser: "Wir sind zuversichtlich, dass auch 2007 zu einem Rekordjahr wird", sagt der Herr der vier Ringe. Damit wäre das Dutzend voll, zwölf Jahre in Folge neue Bestmarken bei Absatz, Umsatz und Gewinn. Gerade erst wurden aus Ingolstadt rund 590.000 ausgelieferte Autos für den Zeitraum von Januar bis Juli dieses Jahres vermeldet - eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr um 9,2 Prozent.
Die Euphoriewelle, auf der Stadler und sein Team derzeit surfen, lässt auch die Ansprüche anschwellen. 1,5 Millionen Autos, so die Marschrichtung, wolle man im Jahr 2015 verkaufen und damit zum größten Premiumhersteller der Welt aufsteigen. Festgelegt wurde das ehrgeizige Ziel namens Route 15 bereits von Stadlers Vorgänger Martin Winterkorn, der inzwischen Vorstandschef des Audi-Mutterkonzerns VW ist.
Auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA), die in drei Wochen beginnt, stellen die Ingolstädter das neue Mittelklassemodell A4 vor, den Bestseller im Programm der Marke. Im nächsten Jahr dann soll das Modell Q5 die Nische der Mittelklasse-Geländegänger (SUVs) besetzen. 2010 werden der neue A6 sowie der Kompakt-SUV Q3 erwartet. Bis dahin dürfte auch der A1 bereitstehen, der wohl wichtigste Baustein im ehrgeizigen Wachstumsplan. Denn der sportlich gestylte Kleinwagen soll, so hoffen die Verantwortlichen, ähnlich erfolgreich sein wie der Mini von BMW. Von dem verkaufen die Münchner Wettbewerber inzwischen rund 200.000 Exemplare pro Jahr.
China wird zum Schlüsselmarkt für Audi
Kann das funktionieren? "Ich halte die Ankündigungen von Audi für mutig, aber nicht für leichtsinnig", sagt Willi Diez, Professor für Automobilwirtschaft an der Hochschule Nürtingen. Für ihn gibt es drei Argumente, die das Ziel der Route 15 erreichbar erscheinen lassen. "Audi ist in China sehr gut aufgestellt, und China ist nunmal der am schnellsten wachsende Markt. Außerdem gibt es in den USA noch reichlich Wachstumspotential für Audi. Und drittens könnte der angekündigte A1 für den nötigen Stückzahlschub sorgen."
Die positive Einschätzung aber hat einen Haken. Diez gibt zu bedenken: "Niemand weiß, wie sich der chinesische Markt nach den Olympischen Spielen in Peking entwickeln wird. Falls die Wachstumsdynamik nachlässt, würde das Audi viel stärker treffen als zum Beispiel BMW oder Mercedes."
"Nicht einfach nur tatenlos zuschauen"
Durchweg skeptisch äußert sich Henner Lehne, Automarkt-Analyst beim Prognoseunternehmen CSM Worldwide zu den hochfliegenden Audi-Plänen. "Wir sehen die Entwicklung etwas konservativer, denn erstens ist völlig ungewiss, was bis 2015 in China passieren wird und zweitens setzt das Audi-Szenario den Stillstand bei den anderen Premiumherstellern voraus." Davon sei natürlich keineswegs auszugehen, denn weder BMW noch Mercedes würden "einfach nur tatenlos zuschauen".
Auch die Prognose, dass der Audi A1 ähnlich erfolgreich wird wie der Mini hält Lehne für verfehlt. "Dem Auto wird fehlen, was den Erfolg des Mini ausmacht - nämlich der Mythos und das Image. Ich rechne mit einem Jahresabsatz von zirka 100.000 A1-Modellen, und das wäre etwa halb so viel wie BMW mit dem Mini schafft." Und der Audi-Boom in Deutschland, dem mit knapp 258.000 verkauften Fahrzeugen im vergangenen Jahr größten Markt der Ingolstädter, ist nach den Worten von Lehne mit verkaufsfördernden Maßnahmen teuer erkauft. "Audi hat sich mit hohen Incentives hierzulande in eine Nische manövriert."
Helfen kleine Modelle über die CO2-Hürden?
Ganz so glatt dürfte es also nicht gehen mit dem Höhenflug der Marke, die sich den "Vorsprung durch Technik" auf die Fahnen geschrieben hat. Denn es gibt ja auch noch die politische Unwägbarkeiten einer künftigen Kfz-Besteuerung nach dem CO2-Ausstoß. Die könnte vor allem für Premiumhersteller, die überwiegend große, schwere und leistungsstarke Autos bauen, zum Problem werden. Auch aus diesem Grund ist es klug von Audi, mit einem Kleinwagen wie dem A1 und dem Mini-SUV Q1, über den die Produktentwickler angeblich schon nachdenken, die Modellpalette nach unten zu erweitern.
Falls die Stückzahlen für diese Autos dann doch in lichte Höhen steigen, falls die Chinesen fleißig Audi kaufen, falls auch in anderen Regionen der Welt die Autos mit den vier Ringen so gut ankommen wie bisher und falls der Konkurrenz ein paar Fehler unterlaufen - dann kommt die Marke ja vielleicht doch ans ersehnte Ziel ihrer Route 15.