Auf- und Absteiger 2005 Stühlerücken hinterm Steuer
Dieter Zetsche
hat sicherlich den steilsten Aufstieg des Jahres geschafft. Der charismatische Manager mit dem Walross-Schnauzer hat erst Chrysler saniert und ist im Sommer zum Nachfolger des DaimlerChrysler-Chefs Jürgen E. Schrempp auserkoren worden. Die Personalie an sich mag niemanden wirklich überrascht haben. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte keiner mit der Nachricht gerechnet. Und schon gar nicht der frisch bestallte Mercedes-Chef Eckhard Cordes, der selbst Ambitionen auf den größten Schreibtisch in der Möhringer Zentrale hatte.
Cordes wurde von den Entscheidungen offenbar derart überrumpelt, dass er im Zorn seinen Posten anbot, umgehend seinen Hut nahm - und damit zu einem der Absteiger des Jahres wurde. Zetsche löste das Führungsvakuum bei Mercedes auf elegante Art: Er setzte sich selbst auf den Chefsessel der wichtigsten Tochter in der Welt AG. Seinen Rollenwechsel inszenierte der Showstar unter den Automanagern beim ersten Auftritt auf der IAA in Frankfurt: Er fuhr in einem Jeep in die Festhalle, stieg aus, streife sich die legere Lederjacke ab, schlüpfte in ein Jacket und stand zwei Schritte später im korrekten dunklen Anzug neben der neuen Mercedes S-Klasse.
Zu den Absteigern des Jahres zählt Peter Hartz, der als Personalvorstand des Volkswagen-Konzerns im Strudel der Betriebsratsaffäre so lange ins Schwimmen geriet, bis er letztlich unterging. Schon die Arbeitsmarktreform, die seinen Namen trägt, trug nicht zu seiner Beliebtheit bei. Doch nachdem ruchbar wurde, dass in seinem Ressort die Betriebsräte mit brasilianischen Liebesdamen zu Sexpartys ("Wo bleiben die Weiber?!") auf Kosten des Hauses geladen wurden und dabei sogar Viagra vom Betriebsarzt den Spaß verlängert haben soll, war der Vordenker für Volkwagen nicht mehr tragbar.
Doch Hartz ist nicht die einzige VW-Personalie in der Liste der Auf- und Absteiger des Jahres. Auf der Seite der Gewinner steht der neue Markenvorstand Wolfgang Bernhard, der sich schon im ersten Jahr feinfühlig aber gründlich vom Kurs des einstigen VW-Chefs löste und die Marke nach den teuren Ausflügen in das Luxussegment wieder zum Volk zurückführen will. Auf der IAA kündigte Bernhard deshalb wieder mehr bezahlbare Autos an, die den Namen Volkswagen zu Recht trügen. Und wenig später stellte er mangels entsprechender Zahlen kurzerhand den Verkauf von Ex-VW-Chef Ferdinand Piëchs Lieblingsmodell Phaeton in den USA ein.
Kräftemessen im VW-Aufsichtsrat
Noch eine Etage höher brodelt es zum Jahreswechsel gewaltig. Denn Vorstand Bernd Pischetsrieder sieht sich einem ungewöhnlich aktiven Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch gegenüber, der nach dem Einstieg von Porsche in Wolfsburg nun auch noch den Zuffenhausener Zampano Wendelin Wiedeking im Schlepptau hat. Der strahlt seit seinem Coup noch ein bisschen heller also sowieso schon und freut sich darüber, dass der kleine David dem großen Goliath mal wieder zeigen kann, wo es lang geht. Wer beim Kräftespiel dieser drei grundverschiedenen Spitzenmanager auf-, ab- oder zumindest umsteigt, wird sich wohl erst in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.
Ohne Zweifel ein Aufsteiger des Jahrs 2005 ist Adrian van Hooydonk, der jetzt bei BMW die Linien der künftigen Modelle vorgibt. Der gebürtige Niederländer hat seit 2001 das kalifornische Designstudio der Bayern geleitet und ist nun Chef des Markenstudios in München. Er muss dort buchstäblich ausbügeln, was sein Chef Christopher Bangle den aktuellen Fahrzeugen in den letzten Jahren ins Bleck gedrückt und gefaltet hat. Bangle wiederum rückt als "BMW-Oberauge" in höhere Sphären auf und lässt damit die tägliche Praxis am Zeichenbrett weiter hinter sich - und damit auch das Risiko weiterer Fehltritte.
Ebenfalls zu den Aufsteigern zählt Stefan Ketterer, der bei Fiat den vermeintlich aussichtslosen Posten des Qualitätschefs inne hat und die Witze über die nachlässige Verarbeitung der Modelle aus Italien längst nicht mehr hören mag. Und das wohl zu Recht. Denn auch wenn der neue Croma nicht unbedingt ein Verkaufsschlager ist, kann man ihm keinen Vorwurf machen: Selten hat ein Fiat schon bei der ersten Testfahrt einen solch soliden Eindruck gemacht wie das neue Flaggschiff. Und der Grande Punto bestätigt diese Tendenz auf das Erfreulichste. Wenn es trotzdem nicht vorangeht bei Fiat, muss man vielleicht einmal die Designer, die Techniker oder das Marketing fragen.
Fehlende Geduld in der Chefetage
Den Fiat-Qualitätschef hatte noch Herbert Demel nach Turin geholt, der ehemalige Audi-Vorstandschef und VW-Manager, der als Idealbesetzung an der Spitze der italienischen Automarke galt. Konzernchef Sergio Marchionne sah das offenbar anders. Er wollte schnelle Gewinne, während der Österreicher eher langfristig angelegte Pläne zur Genesung von Fiat verfolgte. Nach nur 15 Monaten musste Demel im Frühling dieses Jahres gehen - inzwischen arbeitet er wie bereits früher beim kanadischen Autozulieferer Magna. Demel also absolvierte die Ab- und Aufsteiger-Achterbahn binnen weniger Monate in voller Länge.
Eindeutig zu den Verlierern oder Absteigern zu zählen ist der ehemalige Verkehrsminister Manfred Stolpe , der sein Amt nach der Wahl an Wolfgang Tiefensee abgeben muss. Sein Ausscheiden aus dem Ministerium war für viele Kritiker überfällig, hatte Stolpe doch bereits bei der Einführung der Lkw-Maut versagt und auch sonst häufig eine unglückliche Hand bewiesen. Den Dauerstau auf der Autobahn zumindest konnte er nicht auflösen, und die Schlaglöcher sind auch nicht weniger geworden. Ob es jedoch sein Nachfolger mit leeren Kassen besser und den Autofahren damit das Leben leichter machen kann, bleibt abzuwarten. Ein weiterer Polit-Absteiger ist auch aus der Perspektive hinter dem Lenkrad übrigens Gerhard Schröder . Das Volk der Kraftfahrer verlor mit ihm seinen ersten Autokanzler. Aber möglicherweise setzt er ja bald wieder zum Überholen an - in einem Erdgas-Auto.