Auto-Autopilot Chauffeur Computer übernimmt Ihr Lenkrad
Werktags, 7.30 Uhr in Deutschland. Wie immer geht es ab der Autobahnausfahrt nur im Schritttempo voran. Ständig quietschen irgendwo die Reifen, weil ein Träumer beinahe in den Kofferraum des Vordermanns gerauscht wäre. An der Kreuzung vergehen vier Rotphasen, ehe man selbst in den grünen Bereich kommt. Dann ist der Weg zum Parkhaus endlich frei, doch dort blockiert dann ein untalentierter Schrägparker den letzten Stellplatz. Der ganz normale Wahnsinn.
Nur die Ruhe: Bald werden derlei Pendlerqualen kaum mehr den Tag verderben. Dann lehnt sich der Autofahrer morgens auf dem Weg zur Arbeit in seinem Wagen zurück, liest Zeitung, surft im Internet, stutzt sich den Bart oder schließt noch mal die Augen - während das Auto ohne weiteres Zutun zum Parkplatz vor dem Büro rollt.
Was wie ferne Zukunftsmusik klingt, ist schon näher, als mancher leidenschaftliche Fahrer glaubt. Denn unter dem Schlagwort "autonomes Fahren" arbeiten die Entwickler längst an Assistenzsystemen, die den Fahrer auf der Straße zum Passagier machen - ähnlich wie den Piloten in der Luftfahrt. Zumindest technisch hat der Bordcomputer bald buchstäblich die Reife eines Auto-Piloten, auch wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen noch nicht mal im Ansatz stehen und offen ist, wie viel Automatik sich die Fahrer eigentlich genau wünschen.
Ein deutsches Auto gewann die Wüstenrallye
Dass diverse Systeme mit Radaraugen, Lasersensoren und Videokameras tatsächlich in der Lage sind, ein Auto ohne Fahrer und Fernsteuerung ans Ziel zu führen, haben die Ingenieure bewiesen. Vor zwei Jahren fuhr ein Tross unbemannter Geländevehikel 200 Kilometer weit um die Wette durch die Wüste nahe Las Vegas. "Grand Challenge" hieß das wissenschaftliche Pendant zur Rallye Dakar. Die US-Armee hatte die "große Herausforderung" ausgeschrieben (ein VW-Team gewann) - sie würde langfristig am liebsten ohne Soldaten in den Krieg ziehen.
Die Wüstenfahrt war nur einer der ersten Schritte auf dem Weg zu einem autonomen Mobil. Deshalb legen die Militärs die Messlatte jetzt höher, bitten in diesem Herbst zur "Urban Challange" und verlagern das reale Computerspiel näher an die Wirklichkeit. Denn diesmal müssen die PC-Piloten sich im Stadtverkehr zurechtfinden, die Verkehrsregeln beherrschen und noch auf Fußgänger, Gegen- und Querverkehr achten. "Beim letzten Rennen war es im Prinzip egal, ob da ein Busch oder ein Felsbrocken im Weg lag", sagt VW-Teamleiter Sebastian Thrun von der kalifornischen Stanford University. "Das Auto hat das Hindernis erkannt und einfach umfahren." Für das neue Rennen wird das nicht reichen. "Jetzt müssen wir die Umgebung nicht nur erkennen, sondern auch verstehen können."
Die Technik ist in fünf bis zehn Jahren ausgereift
"Wir wollen mit unserer Teilnahme aber keine Rüstungsaufträge erringen, sondern die Forschung für Assistenzsysteme voranbringen", heißt es bei VW. So sollen Volkswagen-Modelle in naher Zukunft selbständig eine Notbremsung einleiten oder einem Hindernis ausweichen können. "Und irgendwann wird uns das Fahrzeug dann über einzelne Etappen auch autonom transportieren können", sagt einer der beteiligten Ingenieure. "Rein technisch könnte das schon in fünf bis zehn Jahren soweit sein."
Zwar beteiligen sich nicht alle Autohersteller an solchen Veranstaltungen, doch "forschen derzeit fast alle Unternehmen an neuen Assistenzsystemen, die dem Fahrer noch mehr Arbeit abnehmen sollen und langfristig autonome Elemente zum Ziel haben" - das ist aus dem Ford-Forschungszentrum in Aachen zu erfahren. Im Blick: automatische Abstandshalter und Notbremsassistenten, die vor einem Crash von selbst bremsen.
"Je weniger unvorhersehbare Situationen auftreten können, umso schneller ist ein autonomes Fahren vorstellbar", teilt der Zulieferer Siemens VDO Automotive mit - schränkt aber auch ein: "Wichtig ist, dass der Mensch jederzeit eingreifen kann."
Autonome Fahrzeuge nur beim Militär
Auch wenn das automatische Fahren in kontrollierten Einzelfällen an der Grenze zur Realität schon ganz gut funktioniert und vielleicht vom Militär bald tatsächlich für unbemannte Vorausfahrzeuge genutzt werden sollte, müssen zivile Autofahrer das Lenkrad wohl nicht so bald aus der Hand geben. "Natürlich sind Wettbewerbe wie die 'Urban Challenge' eine schöne Spielwiese, auf der man die Leistungsfähigkeit neuer Assistenzsysteme demonstrieren und ihre Grenzen ausloten kann", sagt Andre Seeck von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). "Aber auf der Straße werden wir das autonome Fahren so bald nicht sehen." Schon weil weltweit das Rechtssystem darauf ausgerichtet sei, dass der Fahrer die Verantwortung für sein Fahrzeug trägt.
Aber eine Garantie für die Ewigkeit gibt Seeck nicht: "Die Erfahrung zeigt, dass irgendwann umgesetzt wird, was technisch möglich ist." Dass dabei wie von vielen befürchtet der Fahrspaß auf der Strecke bleiben könnte, hält er für unwahrscheinlich. "Vielmehr wird uns der Autopilot nur die langweiligen Strecken abnehmen, wenn wir morgens verschlafen ins Büro rollen oder auf dem Weg in den Urlaub durch den Stau schleichen." Eine Spritztour durchs Gebirge dagegen werde man auch in 50 Jahren noch wie gewohnt genießen.