Auto China 2000 Streichelzoo aus Träumen
Peking - "Einen Führerschein habe ich noch nicht", sagt Xu Xiaoyu. "Aber einen Mercedes möchte ich mir trotzdem so schnell wie möglich kaufen." In Peking konnte Xu Xiaoyu schon einmal in ihrem Traumwagen Probe sitzen. Dort hat seit Dienstag in Peking die sechste "Auto China" ihre Tore geöffnet.
Mercedes Benz hat einen kleinen Streichelzoo aus Träumen aufgebaut. "Männlich", sagt ein Besucher staunend. "So groß", sagt ein anderer. Noch bis zum 12. Juni können die blitzenden Blechkarossen bewundert werden.
Mindestens 300.000 Besucher werden in diesem Jahr auf der größten chinesischen Industriemesse erwartet, über 900 Aussteller aus 22 Ländern zeigen die Neuheiten der Branche. "Die Auto China ist keine Verkaufsmesse, wir möchten hier mit den Kunden in Kontakt kommen", sagt Michael Wilkes von Volkswagen. "Auto China" ist für die Wolfsburger nach eigenen Angaben so wichtig geworden wie die Frankfurter IAA. "Und seit diesem Jahr gibt es sogar eine Klimaanlage in den Messehallen", betont ein Manager.
Derzeit gibt es in der kommunistischen Volksrepublik mit ihren knapp 1,3 Milliarden Einwohnern nur 600.000 Auto-Neuzulassungen pro Jahr. Nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO), mit dem viele Beobachter noch in diesem Jahr rechnen, wird ein Boom erwartet. "Keiner weiß genau, was die WTO verändern wird", sagt ein Mercedes-Manager. "Aber niemand will da etwas verpassen."
Marktführer Volkswagen rechnet zwar damit, seine 54 Prozent Marktanteil dann nicht mehr halten zu können, die Verkaufszahlen sollen trotzdem steigen. 2001 wird in Changchun der Bora vom Band laufen, ein Jahr später in Schanghai ein chinesischer Polo. Und vielleicht, sagt Michael Wilkes, bald auch ein ganz kleiner Kleinwagen - speziell für China.
Aber nicht nur Kleinwagen sind derzeit ein gutes Geschäft. Der Audi A6, der in einem Joint Venture in China gebaut wird, ist für die Kunden aus dem Riesenreich extra um neun Zentimeter verlängert worden. "Chinesische Politiker mögen lange Autos", sagt ein Audi-Mitarbeiter. Auch er ist mit dem Verlauf der Messe zufrieden. "Wahrscheinlich werden in China noch mehr Fahrräder benutzt als Autos, aber die Zukunft liegt hier."
Nicht alle sind so optimistisch. Auf der Empore in Halle 3 hat ein kleiner chinesischer Zubehörhändler ein paar Quadratmeter Standfläche gemietet. Die Atmosphäre erinnert hier eher an einen chinesischen Markt, als an eine internationale Automesse.
"Für die Zukunft sehe ich schwarz", sagt der Mann. "Durch die WTO können Produkte aus aller Welt nach China strömen und der Wettbewerb wird unerträglich." Auch über die Messe ist er nicht glücklich: "Keiner der Besucher kennt sich hier wirklich mit Autos aus."