Auto-Innenraum: Dachhimmel voller Sterne - DER SPIEGEL
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Auto-Innenraum Dachhimmel voller Sterne

Der Mensch verbringt immer mehr Zeit im Auto. Damit er sich dort so richtig wohl fühlt, entwickeln automobile Innenausstatter sensitive Stoffe, bunte Lichter und aromatisierte Sitze. SPIEGEL ONLINE stellt die Auto-Einrichtung der Zukunft vor.
Von Kati Borngräber
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Beinahe lautlos öffnet sich die Handschuhfachklappe. Mit leisem Surren fährt ein Becher heraus, der binnen Sekunden mit frisch aufgebrühtem Espresso gefüllt wird. Kurz darauf klingelt ein Glöckchen, die Mittelkonsole öffnet sich und ein dampfendes Croissant kommt zum Vorschein. Während der automatische Eiskratzer an der Heckklappe mit den letzten Spuren des Winters kämpft, breitet sich im lauschig warmen Innenraum ein angenehmer Duft nach Frühling aus...

Könnte er so beginnen, ein ganz normaler Tag im Jahre 2025, im Auto der Zukunft? Eine Antwort darauf kann wohl nur ein Blick in die Kristallkugel liefern. Was aber die Entwicklungen der kommenden Jahre angeht, sind die Hersteller von Innenraumkomponenten fürs Auto ziemlich verlässliche Informanten.

Das Aufspüren zukünftiger Trends ist ihr Job. In der Projektgruppe "Future Lab" erarbeiten Mitarbeiter des amerikanischen Zulieferers Johnson Controls Vorschläge für neue Konzepte. Eine Idee des interdisziplinären Teams: Die Sinne der Autofahrer sollen stärker angesprochen werden. An der Umsetzung wird bereits gearbeitet. So werden zum Beispiel elektrosensitive Stoffe als Bezüge für Bedienflächen auf der Mittelkonsole getestet. "Damit ist es möglich, durch kreisende und streichende Bewegungen auf der Mittelkonsole das gesamte Infotainmentsystem zu steuern", sagt Designer Andreas Maashoff, Mitglied des Zukunftslabors. Er verspricht sich davon mehr Raum im Autoinneren und eine ansprechendere Optik. "Man hat dann keine Schalter mehr, sondern nur noch ein Funktionsmenü aus Stoff."

Mit Bezügen kennt sich auch Peter-Gerd Müller, Produktmanager für Sitze bei Johnson Controls, bestens aus. In Zukunft will er vermehrt Stoffe aus intelligenten Materialien einsetzen. "Wir beschäftigen uns mit der Nanotechnologie, beispielsweise dem selbstreinigenden Lotuseffekt." Mit Hilfe der Nanotechnologie können Stoffe aus Materialien hergestellt werden, die winzig kleine Partikelstrukturen enthalten. "Damit können wir völlig neue Elemente in die Stoffe einarbeiten", so Müller, "zum Beispiel Lichteffekte oder auch Düfte."

Nicht nur die Bezüge werden sich verändern, auch die Flexibilität der mobilen Sitzgelegenheiten soll optimiert werden. "Es muss schnell und einfach gehen, und darüber hinaus sollte ein ebener Ladeboden für die zweite und dritte Sitzreihe entstehen, der auch das Beladen von sperrigen Teilen ermöglicht", sagt Müller, der sich sogar vorstellen kann, dass sich die Sitze irgendwann einmal auf Knopfdruck automatisch einklappen.

An Innovationen arbeitet man auch bei der Konkurrenz. Auf der IAA vor wenigen Wochen stellte der ebenfalls amerikanische Hersteller von Auto-Interieur, Delphi, die sogenannte Licht-Ambiente-Technologie vor. Mit Hilfe von Leuchtdioden, kurz LEDs, wird dabei der Fahrzeuginnenraum erhellt. "Im Gegensatz zur Glühlampe benötigen LEDs nur einige Millimeter Bauraum und werden nicht so heiß, so dass sie flexibler einsetzbar sind", erklärt Delphi-Sprecher Thomas Aurich die Vorteile.

Eingesetzt werde die Technik zwar in dieser Form im Auto noch nicht, aber das sei nur noch eine Frage der Zeit. Denkbar wären dann zum Beispiel Leuchtdioden in Glasschiebedächern, etwa in Form eines Sternenhimmels, die ohne störende Kabel betrieben werden könnten. "Die Stromversorgung der Leuchten läuft über eine nicht sichtbare Metallmolekül-Schicht, die auf dem Glasdach aufgebracht wird", so Aurich, "wir nennen das auch das 'magische Glas', weil man nicht weiß, wieso die LEDs leuchten."

Darüber hinaus sollen auch psychologische Effekte des Lichts genutzt werden. "Mit entsprechender Beleuchtung im Fahrzeuginneren kann das Wärmeempfinden der Insassen gesteuert werden", sagt Aurich, "wodurch man etwa mit rotem und blauem Licht die Wärme- beziehungsweise Kältewirkung der Klimaanlage unterstützen könnte."

Wann steuern wir mit Joystick statt Lenkrad?

Auch im Cockpit sind einige Neuerungen zu erwarten. So wäre es technisch schon jetzt möglich, Kraftfahrzeuge über einen Joystick zu lenken. Wesentliches Hindernis: die Fahrer selbst. Wollen die überhaupt Autos, die sich bedienen lassen wie Videospiele? Delphi-Sprecher Aurich hat da Zweifel. Er rät zur Geduld, "bis der Fahrer so weit ist, dass er den Joystick psychologisch verkraften kann." Wann das so weit sein wird, ist fraglich. So oder so, am Lenkrad wird kräftig rumgetüftelt. So könnte die mechanische Steuerung bald der elektronischen weichen. "Dann wäre es beispielsweise möglich, ein abnehmbares Lenkrad anzubieten, das jeder Fahrer da befestigen kann, wo er es gern haben möchte", so Aurich. Ein weiterer Vorteil der elektronischen Steuerung wäre, dass der Fahrerairbag dann nicht mehr zwingend ans Lenkrad gekoppelt sein müsste und so in seiner Form weiter optimiert werden könnte.

Die für die elektronische Steuerung nötige Technologie gibt es schon relativ lange, sie wird im Flugzeug seit Jahren eingesetzt. Die Realisierung im Kraftfahrzeug scheitert aber noch am Gesetzgeber. "Die mechanische Verbindung vom Lenkrad zur Lenkung ist noch gesetzlich vorgeschrieben" sagt Andreas Maashoff von Johnson Controls. Dabei wüssten die Interieur-Entwickler durchaus Vorteile aus einer Gesetzesänderung zu ziehen. "Wenn ich keine mechanische Verbindung zum Lenkrad oder Getriebe mehr bräuchte, wäre es auf einmal vorstellbar, den Innenraum - ganz anders als heute - komplett frei zu gestalten." Maashoff rechnet damit, dass es noch mindestens 15 Jahre dauern wird, bis sich auch die Form automobiler Innenräume deutlich verändern wird. Wie das Interieur dann aussehen wird, kann sich heute noch keiner so richtig vorstellen. Und nicht zuletzt hängt die Entwicklung wohl auch von der äußeren Erscheinung zukünftiger Autos ab.