Auto-Namen Von Schokoriegeln und Damenbinden
Wenn es um Namen geht, haben es Autohersteller besonders schwer. Schließlich müssen die Neuschöpfungen eine Modellbezeichnung erhalten, die nicht nur zum Produkt passt, sondern bislang auch unbenutzt ist - und das Jahr für Jahr aufs Neue. Dabei helfen häufig Agenturen, die sich auf die Namensfindung spezialisiert haben. Etwa jeder zweite Name, schätzen Experten, kommt von "Verbal-Designern".
Einer dieser professionellen Wortschöpfer ist Manfred Gotta. Seine Agentur in Baden-Baden teilt sich den deutschen Markt mit dem Düsseldorfer Unternehmen Nomen International und der Firma Interbrand Zintzmeyer & Lux in Hamburg. Auf Gottas Konto gehen Namen wie Twingo für den kleinen Renault oder Calibra für das Coupé von Opel.
Zu Beginn der Namenssuche lässt sich Gotta mit dem neuen Auto zehn Minuten in einem Raum einschließen. Danach beginnt ein Prozess, wie ihn auch Mitbewerber Richard Veit, Geschäftsführer bei Interbrand in Hamburg, beschreibt: Man macht sich mit der Philosophie hinter dem Produkt vertraut, ergründet die Zielgruppe und lotet die Lebenswelt der gesuchten Käufer aus.
Mit diesem Raster beginnt die eigentliche Namensfindung, für die Kreative in ganz Europa eingespannt werden. Am Ende hat man laut Sibylle Kircher von Nomen International oft bis zu 10.000 Vorschläge. Die werden immer weiter gesiebt und gefiltert, bis zwei oder drei Dutzend Titel übrig bleiben, die sich in Tests bewähren müssen.
Dann müssen Sprachforscher sicherstellen, dass der Name überall richtig verstanden wird. Dabei geht es laut Kircher nicht nur um Aussprache und Klang. Auch der Sinn soll stimmen: So musste etwa Mitsubishi in Spanien den Geländewagen Pajero umtaufen, weil der Name dort auch für die männliche Form der Selbstbefriedigung steht.
Ähnliche Probleme hatte VW in Italien mit dem Vento, weil der Wind dort als Synonym für "Furz" gilt. Toyotas Sportwagen MR-2 hatte in Frankreich als "MR-deux" - ausgesprochen "merde" - ebenfalls fäkale Anklänge. Suzuki dagegen kämpft damit, dass Baleno wie ein Schokoriegel klingt, und bei Nissans Van Serena gibt es Verwechslungen mit einer Damenbinde. Massive Probleme hatte Ford in Brasilien mit dem Pinto, der dort wörtlich übersetzt "Pimmel" hieß. Und Chevrolet gab mit dem Geländewagen Nova in Südamerika zu: "Nichts geht."
Um solche Pannen zu vermeiden, bedienen sich viele Hersteller und Agenturen der Tierwelt (Ford Puma), der Geografie (Seat Toledo) oder der Musik (Hyundai Sonata). Und wenn auch Duden und Lexikon nicht helfen, muss der Computer mit dem "Shaker" ans Werk: Er puzzelt mit Begriffen, bis ein neues Kunstwort gefunden ist.
Wer auf Nummer sicher geht, bleibt wie Mercedes, Audi oder BMW bei alphanumerischen Kennzeichnungen. Allerdings kommen auch Audi A3, BMW 540i oder die Mercedes S-Klasse nicht ganz ohne Namen aus - schließlich müssen Ausstattungen wie Ambition oder Attraction definiert, Zubehör wie Distronic oder Park Distance Control bezeichnet werden.
Immer mehr Mitsprache fordern auch Juristen. Weil Autonamen laut Richard Veit schon früh als Kapital erkannt wurden, sind sie oft geschützt. In Europa sind gut 100.000 Wortmarken als Autonamen registriert. Jährlich kommen über 1500 neue hinzu. Erschwert wird die Suche durch Überschneidungen mit anderen Produkten - wie etwa im Falle des Nachrichtenmagazins "Focus", das sich vergeblich dagegen wehrte, seinen Namen mit einem Ford-Modell teilen zu müssen.
Bis das Kind tatsächlich einen Namen hat, vergehen laut Veit in der Regel mindestens acht bis zwölf Wochen. Der Preis für die Taufe kann dabei auf mehr als 300.000 Mark steigen. Auf den ersten Blick ein stolzer Betrag - verglichen mit den Entwicklungskosten für ein neues Modell sind das aber eher geringe Summen.
Thomas Geiger